346 Was für’s mäandernde Ankommen nötig war...

Ich wohne am Meer. Ich muss das ab und zu laut sagen, egal wer zuhört, nur um zu prüfen, ob es noch stimmt… tut es. Ich sitze in Wilhelmshaven, die Nordsee ist ein paar Minuten zu Fuß, auch wenn sie gerade von Nebel verschluckt wird. Und wenn ich aus dem Fenster schaue, liegt da eine Stadt, in die ich mich mit zwölf verliebt habe, ohne zu wissen das mein „Wenn ich alt bin, ziehe ich her!“ bereits mit 44 geschehen wird. Aber so läuft das bei mir: nichts geradlinig, alles über Umwege und manchmal umständlich und unnötig anstrengend.

Damit das klar ist: Dieser Text ist keine Heldengeschichte. Oder vielleicht doch, aber eine, in der der Held regelmäßig auf dem Boden liegt und sich fragt, ob es sich lohnt, weiterzumachen. Die Antwort war fast immer ja, aber das wusste ich damals nicht, ich hab oft einfach so weiter gemacht. Mein Leben ist ein Pfad, der durch die Landschaft mäandert, mal drei steile Stufen auf einmal rauf, mal einen halben Aufstieg wieder runter, mal ein Jahr im Schneckentempo zu mir selbst, das schmeckte wie Verzweiflung und war in Wahrheit eine notwendige Vermeidung, um endlich besser mit mir selbst zusammen zu arbeiten.

Zuerst musste ich wirklich am inneren Richter/Henker arbeiten, über Jahre und (wie könnte es anders sein) Umwege. Und erkennen, dass auch er ein Teil von mir ist, so was macht man nicht „weg“, er wurde umgeschult. Jahrzehntelang hatte ich eine Instanz im Kopf, die bei jedem Fehler das Todesurteil sprach, nicht metaphorisch, sondern als Alltagston, als Hintergrundrauschen, als Kommentar beim Wäscheaufhängen. Man lernt mit so einer Stimme zu leben, wie man mit anderen Beeinträchtigungen leben lernt: Man bemerkt sie gar nicht mehr, man hält sie für normal. Was als erstes anfing zu helfen, war eine Therapie, zu der ich nicht über einen Arzt fand, sondern über einen ausgeschnittenen Zeitungsartikel. Meine älteste Schwester hatte ihn 2011 gelesen, ausgeschnitten und mir gegeben. Ein Stück Papier, ein schmaler Streifen, kleiner als eine Visitenkarte. Die DBT ist das Baugerät mit dem mein inneres Haus gebaut wurde und wieder errichtet, wann immer der innere Richter es einriss. (DBT-Erfahrungsbericht als Open-Source)

In dieser Therapie habe ich gelernt, was ich überall vergeblich gesucht hatte: wie Menschsein funktioniert. Für Leute wie mich, die das nie automatisch verstanden haben. Es ist keine Wundertherapie, es ist Üben, Gewohnheiten umlernen, Lernen was für die eigenen Baumaterialien die Richtigen Werkzeuge sind, Grundannahmen umgraben, Denkgewohnheiten umbauen, wieder ausrutschen, weiter versuchen. Ich bin kein Mensch, für den Heilung ein Geschenk gewesen wäre, für mich ist Heilung Handwerk. Und Handwerk heißt: anfangen, merken dass man es nicht kann, mehr lernen, weitermachen, weiterlernen... bis es getan ist. Mehr Geheimnis ist da bei mir nicht drin, so enttäuschend das ist.

Später kam ein Buch, das ich nicht erwartet hatte, als ich dank Lithium bereits nicht mehr darüber nachdachte ob ich leben will, sondern wie. Ein wirklich bemerkenswerter Unterschied für mich. Mein letzter Suizidversuch lag davor. In diesem Moment las ich Viktor E. Frankl „Trotzdem ja zum Leben sagen“, empfohlen von einem Psychiater in der stationären Psychiatrie, weil er dachte Logotherapie wäre was für mich. Was mich da traf, war nicht seine Therapieschule und nicht einmal sein Schicksal, sondern etwas Banaleres und Größeres: dass ein Mensch durch die wortwörtliche Hölle gehen kann und mit jedem Wort, das er darüber schreibt, bezeugt, dass es möglich ist, dabei ein guter Mensch zu bleiben. Wenn DAS möglich ist, dachte ich, dann schaffe ich es auch, mein Leben so zu bauen, dass ich es erträglich finde. Das war kein Hoffnungsschub im Werbe-Sinne. Das war eine Beweisführung. „Es ist möglich" sagt nicht, dass es leicht ist, es sagt nur es gibt die Chance.

Ich fing an, Schönheit zu sammeln, wie andere Pokémon: rausgehen, gucken, fotografieren, daraus Videos bauen, und mir so beizubringen, dass mich genug schönes umgibt. Ich nenne das „Buff durch Schönheit“, und ja, das ist ein Gamer-Witz aus meinem RPG-Real-Life-Konzept, dass noch im Bau ist, aber er ernährt mich.

Und dann musste ich loslassen, was mich hielt: eine Familie, die nicht bereit war mich in der wichtigsten Sache, die ich je getan habe zu unterstützen. Vielleicht wurde meine Unterstützung bei ihren Projekten nie bemerkt, vielleicht war es ihnen trotz meines Bettelns und Jammerns nicht klar, wie wichtig es mir ist. Ich habe aufgehört zu bitten, aber nicht aufgehört zu schreiben und ich bin 500 km weit weg gezogen, ohne ihre Hilfe. Aber vielleicht war es genau das, was mich dazu brachte dieses große Abenteuer anzutreten.
Dazu kommt ein (wohl ehemals) bester Freund, der nach zehn Jahren enger Freundschaft und über 20 Jahren kennen einfach schwieg... ohne ein Wort, ohne Urteil, ohne Ende… als wäre ich ihm nicht mal das wert. Zu diesem Zeitpunkt war ich zwar schon frisch umgezogen, aber dies half mir zusätzlich hier ganz anzukommen.

Und dann: Pete... Meine bis dahin „wichtigste“ Beziehung. Aber keineswegs meine Schönste. Niemand muss sie „toxisch" nennen, „ungesunder Wirbel" ist da ehrlicher: Wir wollten einander Gutes und taten einander Schlechtes. Er hat mich so herablassend behandelt wie niemand vor ihm, mit einer Doppelmoral, die ich bei einem Menschen, den ich grundsätzlich für keinen schlechten Menschen halte, für unmöglich hielt. Und ich hatte Geduld mit ihm, weil ich in ihm mich gesehen habe: mich vor jeder Therapie, das verletzte Wesen, das von sich selbst nur grausame Regeln bekommt. Er hat mir dadurch beigebracht, gut zu mir zu sein. An ihm habe ich gesehen, wohin die Selbst-Grausamkeit führt: ins Aus, zu nichts Gutem, zu Verletzungen bei den Mitmenschen. Deshalb war diese Beziehung die „wichtigste“ meines Lebens und wird es hoffentlich bleiben, weil ich so etwas weder mir noch irgendwem anders wünsche.

Sich daraus zu lösen fiel mir schwerer als alles was danach kam. Nicht das Gehen war schwer, sondern das Wegbleiben, denn immer wieder sah ich mich selbst in ihm… Doch seine Grausamkeiten halfen beim gehen und wie so oft in den letzten Jahren, lief auch hier eine Quest parallel, die sich über die Trennung zog wie ein roter Faden durchs Kapitel: Irgendwann hatte ich mir geschworen, Kafka zu lesen, aus Angst davor, das Wort „kafkaesk" zu benutzen, ohne genau zu wissen was ich damit sage. Ich las „Die Verwandlung", langsam. „Der Prozess" zog sich dann über den Umzug hinweg und mitten in das Wegbleiben nach der Trennung hinein, beendet an einem Samstagabend im Mai, hier in Wilhelmshaven. Ich las den „Steppenwolf" (dass der bei der Kafka-Quest enthalten ist, ist Petes Schuld), der endete besser, als ich zu hoffen wagte. Das Buch, das wirklich Pete gehört und das ich ihm nach Beenden eigentlich zurückschicken wollte, verschwand beim Umzug, und so wurde aus der geplanten Buchsendung ein Abschiedsbrief. Ich bin aus dieser Beziehung nicht „gestärkt gegangen", wie man so schön sagt. Ich bin gegangen und habe mich selbst dabei nicht verloren. Das muss reichen.

Der Rest des hier Herkommens war pragmatisch und fand ja teilweise während allem anderen statt: Kisten packen, Sackkarre ausleihen, ein paar Mal zu Fuß zum Wertstoffhof und dann Sprinter mieten, Vollladen, 500 Kilometer fahren, obwohl ich Autofahren hasse wie wenig anderes. Kein Umzugsunternehmen, kein Helfer aus der Familie… Ich habe angefangen, Fehler gemacht, gelernt und weitergemacht, bis es fertig war.

Und jetzt? Jetzt baue ich einen Alltag. Das klingt nach wenig, ist aber das mutigste Projekt, das ich je hatte, denn es verlangt nicht Vorankommen, sondern Bleiben. Auf einem Plateau, das ich mir jahrelang nicht vorstellen konnte: gemütlich weiter tappsen, statt Treppen zu suchen.

Und ganz am Ende, weil es nicht Hauptsache sein soll, aber trotzdem gesagt werden muss, weil sonst die ganze Rechnung falsch ist: All das... die Therapie, die ich machen konnte, die Klinik, die es gab, die Rente, die mich trägt all das steht auf einem Fels, den ich vorgefunden habe: eine EU ohne Krieg, eine Demokratie, ein Rechtsstaat, ein Sozialsystem. Das Fundament unter meinem Haus. Man bemerkt es nur, wenn es wackelt. Es soll hier stehen, damit niemand diesen Text liest und glaubt, ich hätte das im luftleeren Raum geschafft. Ich habe viel allein geschafft. Aber nicht auf Sand.

Also:

Weitermachen. Hinfallen. Krone richten. Weiterlernen. Und gelegentlich laut sagen: Ich wohne am Meer.

P.S.: GNU Sir Patrick Stewart

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