207 LITHIUM - The Trick Is to Keep Breathing

Triggerwarnung und Disclaimer: Hier geht es um suizidale Gedanken und Verhalten. Lithium ist ein Medikament mit zum Teil starken Nebenwirkungen und wirkt bei jeder Patientin anders.

10.000 Tage weiteratmen

Ich war ungefähr zwölf Jahre alt, als etwas begann, das ich damals nicht benennen konnte. Ab einem bestimmten Punkt war Sterben wollen keine akute Krise, sondern mein alltäglicher Begleiter. Es war ein immer offener Notausgang. 

Von 1994 bis 2021 sind es über 10.000 Tage. Über 10.000 Tage, an denen ich mit latenter Suizidalität gelebt habe. An drei Tagen habe ich versucht, mich umzubringen. An allen anderen habe ich es geschafft, es nicht zu versuchen. Das ist keine Heldengeschichte. Das ist eine Bilanz. Wer lesen mag was mir bis dahin geholfen hat am Leben zu bleiben wird hier fündig.

Das Absurde war: Diese Gedanken waren nicht an schlechte Tage gebunden. Ich konnte Motorrad fahren, tanzen, lachen, Musik genießen und gleichzeitig denken: "Ich will tot sein.". Und ich habe mich dafür geschämt, mich undankbar gefühlt, weil ich nicht genießen konnte, was das Leben mir gab.

Wenn auch nur das geringste negative passierte, war die Todessehnsucht der prominente Gedanke in meinem Kopf. Morgens dachte ich Jahrzehnte lang vor allem daran den Tag zu schaffen, auch wenn nur positives anstand.

Parallel dazu gab es manische Phasen. Manche waren leichter, manche schwerer. In den schweren war ich nicht einfach gut gelaunt, sondern entgrenzt. Ich dachte dann z.B. ich könnte alle Sprachen, hörte Stimmen und gab sehr viel Geld aus. Zusammenhänge konstruierte ich in diesen Phasen wie ein Verschleierungsideologe. Nicht aus Bosheit, sondern aus einem biochemischen Ausnahmezustand. Von außen betrachtet war manches vielleicht sogar amüsant, aber es war für mich einfach Realität zu diesen Zeiten und leider mussten meine Mitmenschen das ausbaden. Ich hatte schlicht Glück, dass es bei mir größtenteils nur peinlich war, aber die Scham und meine latente Suizidalität waren ein toxisches Gemisch.

Und so kam der dritte Tag an dem ich aufgab und nach diesem beschloss ich nie wieder aufzugeben, sondern zu überleben. Und ich beschloss alles dafür zu tun das zu schaffen.

Lithium wurde mir nicht wegen der latenten Suizidgedanken gegeben. Es wurde als Stimmungsstabilisator angesetzt, als Ersatz für Olanzapin, das aus guten Gründen nicht mehr infrage kam. Ich wurde ausführlich über die Risiken aufgeklärt und unterschrieb, denn ich wollte ja alles tun.

Ein paar Wochen später passierte irgendwas Peinliches und plötzlich merkte ich, das ich gar nicht mehr sterben wollte. 

Verpflichtung zum weiteratmen

Lithium hat mein Leben nicht einfacher gemacht. Es hat es verpflichtend gemacht. Vorher war Leben ein Projekt mit offenem Notausgang. Der war nun zu und mein System bestand plötzlich darauf, dass Weiteratmen keine Verhandlungssache mehr ist. Du schämst dich? Egal. Du bleibst. Du hast Mist gebaut? Möglich. Du bleibst. Es ist anstrengend? Ja. Du bleibst. Das war ungewohnt, das war hart.

Und damit begann die echte Arbeit an mir, sie war damit erst möglich, aber halt nun auch schlicht Gesetz. Ich habe dann die DBT wieder und wieder durchgearbeitet. Achtsamkeit geübt. Mich mit meinem inneren Richter auseinandergesetzt... diesem Anteil, der mir bei jedem vermeintlichen sozialen Fehler das Recht zu leben abgesprochen hat. Ich habe gelernt, meine eigenen ethischen Prinzipien auf mich selbst anzuwenden. „Jeder Mensch ist ein Mensch“ schloss plötzlich auch mich ein. Ich hab "Pragmatismus first" für mich eingeführt um endlich im Alltag klar zu kommen. 

Ich bin meine Sozialphobie angegangen. Zugfahren üben ohne Alkohol und sedierende Medikamente. Streaming mit der Chance sich total zu blamieren. Kafka und Hesse lesen und darüber reden.

Ja, Lithium dämpft mich. Kognitiv bin ich langsamer. Ich habe zugenommen. Das nervt. Aber ich habe diese Dämpfung eingetauscht gegen ein System, das mir jeden Tag mit dem Tod drohte.

Das permanente Sterben wollen war auch kein Charakterzug und kein moralisches Defizit. Es war schlicht ein biochemisches Ungleichgewicht. Als es verschwand war endlich genug Energie frei um den Rest meiner Probleme anzugehen.

The Trick Is to Keep Breathing - der Trick ist es, weiterzuatmen.

Der größte Auftrag im Leben ist es, am Leben zu bleiben.

Und ich bleibe.


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