Kapitel 7 Kaputt geliefert. Trotzdem geblieben.
Gewogen, gemessen und als nicht gut genug befunden
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| Nutzlos. Schädlich. Dann lasst mich. Ich entscheide mich für den Dämon. LG Anne |
TRIGGERWARNUNG!
Ich hatte also noch nicht mal das geschafft... nicht mal mich selbst aus dieser Welt nehmen bekam ich hin. Versager - einfach nur ein Versager, in einfach allem. Nun saß ich hier in der Psychiatrie unter Tavor, schaffte es nicht mal zu lesen, ich der Bücherfresser, aber mir ging es einigermaßen okay, mir war ziemlich alles egal, Tavor ist echt ne Scheißegal-Pille, man fühlt nicht mehr, man kann noch ein bisschen denken durch Watte. Ich war da, die Welt war draußen, ich war drin und ich war zum ersten Mal seit vielen Jahren glücklich, weil ich Ruhe vor der Welt hatte.
Es gibt zwei Menschen, die mir direkt nach dem Suizidversuch 2009 geholfen haben zu überleben und denen ich immer noch sehr dankbar bin. Aber es hinterließ immer so ein bisschen ungesagt: "Was hast du uns nur angetan?". Auch bei meiner Familie war das zu spüren, weil das gesellschaftlich völlig normal ist zu sagen, der Suizidversuch, das ist das Egoistischste, was ein Mensch tun kann. Das hört der Suizidale ja oft genug, während er noch lebt und plant und er weiß das alles und entscheidet sich dennoch an einem Punkt: "Ja, ich hab die lieb, aber ich kann nicht mehr."
Ich hab mich nicht umbringen wollen um jemandem weh zu tun, ich hab mich umgebracht weil ich nicht leisten konnte was die Welt von mir wollte. Ich wollte nur Ruhe damals, keine Rache.
Aber jetzt war mein schlechtes Gewissen groß genug um eine Weile mein Lebensretter und mein Folterknecht zu sein. Ich exmatrikulierte mich was mir auch bei aller gigantischen Scham über das Scheitern eine kleine Erleichterung schaffte, aber Studienkredit und moralische Schuld dem Partner gegenüber ließen mich schnell in einer Zeitarbeitsfirma anfangen zu arbeiten. Ich dekompensierte recht bald, mein Partner machte mir einen Antrag, weil wir dann die Krankenkasse von mir nicht mehr bezahlen hätten müssen. Das alles war zuviel, ich landete wieder in der Klinik, danach in der beruflichen Reha.
Während ich dort war, starb mein Vater und obwohl es dessen erklärter Wunsch war, dass meine Mutter Alleinerbin wird, obwohl ich das Erbe ausschlug... musste meine Mutter meinen Pflichtteil an den Bezirk bezahlen. Nicht meine Schulden bei der KfW und BAföG, sondern weil ich krank und damit nutzlos auch für den Staat war, hatte der Staat ein Recht auf mein Erbe. In meiner Familie erleichterte das meinen Stand nicht gerade.
Innerlich steigerte das alles meine Abwertung von "ich bin nutzlos" auf "ich bin ein Schaden für den Staat, die Gesellschaft, meine Freunde und meine Familie".
Irgendwann war ich wieder egoistisch genug und versuchte erneut mich zu töten...
Und versagte erneut...
Dann flog ich wegen zu vielen Einweisungen während des Aufenthalts als "nicht rehafähig" aus der Reha, bekam volle Erwerbsminderungsrente. Ich war also nun mit Bestätigung "nutzlos" und musste der Welt demütig begegnen, die mir gönnte zu atmen...
Und zurück zu meiner Mutter ziehen, denn von meinem Partner hatte ich mich getrennt. Sie hatte damals gerade ihren Mann verloren (mein Vater, aber in dieser Zeit hatte ich nicht das Gefühl dass sie und ich um den selben Mann trauerten) und war somit seit 49 Jahren das erste Mal allein. Ihr ging es dreckig, sie trank zu viel, sie sprach ihn in Erzählungen quasi heilig, sie sprach auch manchmal von Suizidgedanken. Wie es mir ging habe ich ja beschrieben. Sagen wir es so: Wir taten uns nicht gut.
Aber sie brachte mich zur Selbsthilfegruppe einmal die Woche. Meine Schwester S gab mir einen Satz über meine Selbstverletzungen mit, die ja fast immer Selbstbestrafungen waren: "Würdest du jemand anderen genau so hart bestrafen?". Meine Schwester H setzte bei mir einen kleinen Keim mit dem Satz: "Anne, sei immer lieb zu dir, dann ist immer wenigstens ein Mensch lieb zu dir.". Alle meine Geschwister die damals noch lebten besuchten mich in der Klinik. Meine Schwester T fand eine Zeitungsanonce über die DBT-Therapie, weil sie sich schlau gemacht hatte was helfen konnte.
Die Worte meiner Familie waren manchmal hilfreich und manchmal hart, ihre Taten manchmal nicht das was geholfen hätte, aber sie sind selber alle in einem gnadenlosen Leistungssystem aufgewachsen, gesellschaftlich und familiär. Meine Familie hat nicht immer posivtive Einflüsse auf mich gehabt, aber mich nie im Stich gelassen.
Zurück zur Zeitungsanonce, dadurch meldete ich mich im Klinikum Nord zur stationnären Verhaltensherapie: Dialektisch Behaviorale Therapie nach Marsha M. Linehan an. Auf die werde ich gesondert eingehen.
Allerdings hieß das ein Jahr Wartezeit und es war mir klar dass ich das so nicht überlebe und zumindest das schien ich ja allen schuldig zu sein. Durch die Beratung beim sozialpsychiatrischen Dienst kam ich in eine Tagesstätte für Suchterkrankungen. Dass ich zuviel trank und mich damit medikamentierte war mir zu dem Zeitpunkt schon klar.
Nicht wirklich bewusst war mir, dass ich bereits körperlich abhängig war. In der Tagestätte sollte ich 4 Stunden am Tag bleiben... ich hielt sie nicht durch ohne zittern und schwitzen.
In mir gingen Gedanken los:
Willst du immer bedüdelt sein?
Willst du dein eigentliches Ich immer betäuben?
Willst du dass der Alkohol dein Leben bestimmt?
Willst du selbst verschwinden um zu überleben?
Nein - Nein - Nein - NEIN
Also "Nein - Nein - Nein"?
Ok, du bist hier in einer Tagesstätte, deren Thema auch Suchterkrankungen sind, du stehst jetzt auf mit deinem Tremor und klopfst am Büro des Chefs ob jemand da ist und Zeit hat und DU SAGST WAS SACHE IST! Keinen Rückweg lassen, Flucht nach vorn.
Ich werde es meiner Mutter sagen. HEUTE NOCH! Ich werde Sachen packen und morgen auf Entgiftung gehen. Wenn ich meiner Mutter sage, wissen es alle in meiner Familie und ich kann nie wieder entspannt auf Familienfeiern trinken. Mach die Fluchtwege dicht, lass dir keinen Rückweg!
Ich war damals 29 Jahre alt, die Vorstellung nie mehr zu trinken war gruselig, besonders weil ich für party-hard bekannt war.
Noch gruseliger war allerdings:
- Nie wirklich klar denken können
- Mein eigentliches Ich (das sozial ungeschickte) stets betäuben
- der Alk als Bestimmer im Leben
Das war die Entscheidung - ICH oder der ALKOHOL. Nur einer konnte herrschen, ich entschied mich für mich...
... sagte es meiner Mutter und ging am nächsten Tag auf Entzug, direkt vom Entzug zog ich in die stationär betreute Wohneinrichtung, die zur Tagesstätte gehörte.
Und mit dieser Entscheidung für mich und gegen meine Passung in die Gesellschaft (alle mögen mich lieber wenn ich betrunken bin, mich selbst inklusive) war der allererste eigene Schritt getan auf einem sehr langen Weg der Aussöhnung mit mir selbst.
Es war die Geburtsstunde eines wichtigen Prinzips von mir:
"Wenn der Preis dafür ich zu sein ist, dass ich einsam bin, dann zahle ich ich ihn."

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