Kapitel 5 Kaputt geliefert. Trotzdem geblieben.
Kapitel 5
Funktionieren bis zum Zerbrechen
Alkohol war nichts Besonderes. Er gehörte einfach dazu. Auf dem Dorf, in meiner Generation, war es normal, spätestens mit fünfzehn, sechzehn am Wochenende zu trinken. Wenn man zusammen saß, trank man. Wer nicht trank, fiel eher auf als jemand, der es tat. Für mich war Alkohol von Anfang an Selbstmedikation. Er machte Gespräche leichter, senkte die Anspannung, ließ mich weniger darüber nachdenken, wie ich wirke, ob ich passe, ob ich falsch bin. Andere Menschen mögen mich lieber, wenn ich nicht nüchtern bin.
Während der Ausbildung blieb das so. Trinken war etwas für Wochenenden, für Situationen, in denen man unter Menschen war. Wenn ich aus irgendeinem Grund nicht trinken konnte, wenn ich mit anderen zusammen war fühlte ich mich unwohl.
Das änderte sich nicht abrupt, sondern schleichend. Mit dem Abitur auf der Berufsoberschule begann eine Phase, in der mein Leben insgesamt enger wurde. Zur Schule waren es 60 km einfach, ich pendelte lange Strecken, hatte wenig Zeit, hohen Leistungsdruck und kaum Erholungsräume. Es war nur ein Jahr, aber es war ein Jahr ohne Puffer. Außerdem war ich damals in einer Freundesgruppe in der sehr viel getrunken wurde und ich somit nicht auffiel. Und langsam begann sich etwas zu verschieben. Alkohol war nicht mehr nur Wochenendsache. Er tauchte unter der Woche auf, zunächst vereinzelt, dann regelmäßiger. Nicht als Absturz, sondern als Mittel um sich milder wahrzunehmen und auch zu wirken.
Nach dem Abitur kam die nächste große Entscheidung: das Studium. Ich hielt lange an der Idee fest, etwas Technisches zu studieren, etwas „Gescheites“, etwas mit Hand und Fuß. Ingenieurwesen schien mir logisch, konsequent, respektabel. Ich wälzte Studienführer, suchte nach etwas, das zu mir passen könnte, und entschied mich schließlich für den Studiengang Umweltschutz in Bingen am Rhein. Das Studium passte zu meiner Herkunft, zu dem, was ich über Landwirtschaft wusste, über Kreisläufe, über Verantwortung gegenüber dem, was lebt. Es passte zu meinen Werten und zu dem Umfeld, in dem ich mich damals bewegte. Ich glaubte, dort richtig zu sein.
Was ich unterschätzte, war der Preis. Die mathematischen Anforderungen waren hoch. Thermodynamik, Strömungslehre, Statistik. Spätestens wenn ich ein Integral sehe, klinkt sich mein Kopf aus. Ich fiel durch Prüfungen, bereitete mich erneut vor, fiel wieder durch. Erst lebte ich von BAföG, dann ein KfW Studienkredit. Unterstützung durch meine Familie kam nicht in Frage, auch aus innerer Logik heraus nicht. Niemand meiner Geschwister hatte studiert, niemand hatte finanzielle Hilfe wegen einer Ausbildung bekommen, und ich wollte nicht der eine sein, der sie in Anspruch nimmt. Scheitern war für mich keine Option, nicht aus Ehrgeiz, sondern aus einer tief verankerten schrägen Vorstellung von Selbstachtung.
Der Druck wuchs. Mit jedem nicht bestandenen Versuch wurde das Studium weniger ein Weg und mehr ein Beweisstück meines Versagens. Jeder aus meiner Familie, jeder der mich kannte sagte: "Anne, du schaffst das schon." Sie meinten es aufmunternd, aber diese Worte bei jedem nur ganz schwach geäußerten Problem nahmen mir dann auch von außen die Möglichkeit scheitern zu dürfen.
Alkohol begleitete diese Zeit immer selbstverständlicher. Er war kein Exzess, sondern Bestandteil des Alltags. Ein Mittel, um weiter zu funktionieren, um nicht stehen zu bleiben, um das Gefühl von Versagen zumindest kurzfristig zu überdecken. Ich sah keine Alternative, die mich handlungsfähig gehalten hätte.
2009 war klar dass es wenig Aussicht gab, das Studium jemals erfolgreich zu beenden und keine jemals ein brauchbarer Ingenieur zu werden. Ich hatte mein Leben in meiner damaligen Denkweise komplett an die Wand gefahren. Alles, worauf ich gesetzt hatte, war gescheitert. Es gab in meinem Denken keinen ehrenvollen Ausweg mehr, keinen Weg, der mein Gesicht vor mir selbst gewahrt hätte. Ich wollte nicht mehr leben. Nicht aus Impulsivität, nicht aus einem kurzen Zusammenbruch, sondern aus der Überzeugung heraus, dass ich mein Recht auf Existenz verwirkt hatte. Dass meine Art, Leben zu führen, Denken zu organisieren, Probleme zu lösen zum unentschuldbaren Scheitern geführt hatte.
Der Suizidversuch war das Ende dieser Anne.

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