Posts

Posts mit dem Label "#familiengeschichte" werden angezeigt.

307 Playlist: „Unterwegs zwischen Heimaten“

Bild
Keine meiner Playlists ist ein Sammeln von Songs. Diese hier ist ein Bewegungsprotokoll. Mein Weg ist nie eine gerade Linie, sondern ein mäandernder Fluss durch eine Landschaft aus Zeit, Welt, Erinnerungen, Menschen, aber auch banal Haltestellen, Verspätungen und falschen Gleisen. Und nichts könnte dies alles gleichzeitig schöner ausdrücken als Musik, finde ich. Ich liebe das Losfahren. Egal wohin, wenn es eine längere Strecke gehen soll, dann freue ich mich. Also erst mal das feiern: „I’m on My Way“ von The Proclaimers : Aufbruch mit Dialekt im Mund und einer Richtung… vorwärts. „Road to Nowhere“ von den Talking Heads : eine nüchterne Wahrheit, die niemanden schockieren sollte: Wir wissen nicht, wo wir ankommen. Das macht das Leben in jeder Sekunde zu einem Abenteuer, aber selten so sehr wie wenn man eine Reise antritt. “Es ist eine gefährliche Sache, aus deiner Tür hinaus zu gehen. Du betrittst die Straße und wenn du nicht auf deine Füße aufpasst, kann man nicht wissen,...

303 BLITZLICHT: Big Fish und Hoosebebberli

Bild
Hoosebebberli sind Klatschmohn. Das Wort für diese traumhaft schönen Blumen habe ich dieses Wochenende in meinem Heimatdialekt gelernt. Und das Levkojen die Blumen der Ostpreußen sind. Heimat durch Blumen 🌺… das ist so typisch meine Familie. Mittlerweile bin ich in Aschaffenburg Richtung Frankfurt losgefahren, davor ich so lange zum Stoff sammeln gebraucht, für dieses Mini-Blitzlicht. Denn dieses Wochenende war überschäumend voll. Mit Essen, mit Lachen, mit peinlichen Momenten, mit Erinnerungen, mit Geschichten die weiter gingen, mit Ärger, mit Umarmungen… Und die 1,5 h Busfahrt nach AB gingen drauf um das alles ein wenig zu ordnen. Diese BusLinie zwischen meinem Heimatdorf und meiner alten Wahlheimat bin ich so oft gefahren, dass ich gefühlt jeden Baum kenne. Ich wäre fast am Bahnhof Richtung meiner alten Wohnung losgelaufen. Meine Familie ist anstrengend und beeindruckend. Für mich sind sie allesamt „Big Fish“, übergroße Figuren mit noch größeren Legenden. Besonders meine älteren Ge...

237 Blitzlicht: Der kurze Traum vom Komfort

 ... der sehr sympatische Umzugsmensch war da, aber das ist mir zu teuer. Klar ist der Preis gerechtfertigt, aber das wäre utopisch für mein Einkommen, auch wenn meine Mutter mir das leiht. Leider bietet er auch keine Teillösung an. Ein Konkurrent bietet eine Teillösung an, aber auch die ist mir zu teuer. Montag werde ich, sobald die Rente und das Wohngeld drauf ist, einen Sprinter buchen, für 7.4. - 10.4., wenn dies klappt. Den hol ich dann hier ab und geb ihn oben ab. Im Idealfall mach ich Renovierung und Wohnungsabnahme während die Sachen hier im Transporter sind, dann muss ich nicht noch mal runterfahren. Dann kann ich den Flixbusgutschein für die Fahrt zu Muddys Hoffest verwenden. Ab Montag früh muss ich meine Gänge zum Recylinghof antreten, hoffe sie auch Montag noch durch zu habe, ich schätze ich muss minimum 3x. Einmal mindestens mit Sackkarre, die versuche ich mir am Baumarkt zu leihen. Ich hoffe ich krieg die Küche von der Wand... ach so ich muss schauen welchen Torx ich ...

220 A Child of Big Fish

Bild
Da sich Geschwister nun mal Eltern teilen, rede ich hier immer von unseren Eltern, auch wenn meine Geschwister möglicherweise andere Ansichten zu ihnen haben. Kennt ihr den Film "Big Fish"? Wir sind mit zwei Big Fish aufgewachsen. Damit meine ich nicht Menschen, die Geschichten erfinden. Unsere Eltern haben beide auf ihre Art so manche Geschichte übertrieben, aber nicht erfunden. Sie haben dieses Leben tatsächlich gelebt. Und wenn Menschen so leben, dann wirken sie auf andere irgendwann wie Figuren aus Geschichten, selbst wenn alles wahr ist. Unser Vater war äußerlich kein großer Mann. Etwa eins siebzig groß, Bauch, nur ein Arm nach einem Unfall (ok, das Detail ist an sich schon wieder "Big Fish"). Trotzdem konnte er einen Raum füllen, als wäre er riesig. Er war cholerisch, stur wie die Hölle, rücksichtslos seiner Familie gegenüber, ein Querulant, ein Musiker und ein Lump, aber gleichzeitig gebildet, intelligent, humorvoll, ein guter Freund und voller Energie. Er sp...

202 Tabus

Bild
Auch wenn ich hier nur über meine persönlichen Erfahrungen spreche, will ich unsere Eltern nicht für mich vereinnahmen und werde sie durchgehend als unsere Eltern bezeichnen, weil das schlicht biologisch korrekt ist. Unsere Mutter nannten wir meist "Muddy" und unseren Vater "Holger", das erste kleine Tabu war also ihn Vater, Papa usw. zu nennen.  In unserer Familie gab es erstaunlich wenig Tabus im klassischen Sinn. Wir sprachen über Tod. Tiere wurden geschlachtet und gegessen, ohne romantische Verklärung. Holger ging mit nur einem Arm selbstverständlich ins Schwimmbad, stellte keinen Mythos um seine Behinderung auf, machte sich eher lustig über neugierige Fragen. Psychische Zusammenbrüche wurden nicht geleugnet, Alkoholprobleme nicht unsichtbar gemacht. Wir waren keine Familie, die nach außen eine heile Welt vorspielte. Und doch war unsere Familie von Tabus durchzogen. Das erste Tabu war Hilfe. Ich habe als Kind auf den Knien um Hilfe gebettelt. Unsere Familie war ...

Kapitel 1 Kaputt geliefert. Trotzdem geblieben.

Bild
Kapitel 1 Bevor es mich gab  Meine Eltern haben sich noch als Kinder auf einem Bauernhof kennengelernt, weil sie beide arbeiten mussten. Die Nachkriegszeit kannte da keine Gnade.  Meine Mutter war zu diesem Zeitpunkt bereits geprägt von einer Kindheit, die ich mir nur schwer vorstellen kann, obwohl ich sie oft erzählt bekommen habe. Sie wurde 1940 geboren, mitten in den Krieg hinein, und ihre frühen Erinnerungen handeln von Dunkelheit im Keller, von Angst, von nicht den Radiosender einstellen dürfen und von Erwachsenen, die selbst Angst hatten. Ihre Eltern waren überzeugte, ich denke das kann ich so sagen, Nationalsozialisten, und blieben es auch bis zu ihrem Tod, die Erziehung war hart, autoritär, durchdrungen von der schwarzen Pädagogik jener Zeit. Hunger, körperliche Arbeit schon als Kind, auch schon früh fast und dann komplett den ganzen Haushalt führen, und auch Misshandlungen, all das gehörte zu ihrem Alltag.  Sie liebte aber auch Bücher, Kino, Musik (besonders Rock...