220 A Child of Big Fish
Da sich Geschwister nun mal Eltern teilen, rede ich hier immer von unseren Eltern, auch wenn meine Geschwister möglicherweise andere Ansichten zu ihnen haben.
Kennt ihr den Film "Big Fish"? Wir sind mit zwei Big Fish aufgewachsen.
Damit meine ich nicht Menschen, die Geschichten erfinden. Unsere Eltern haben beide auf ihre Art so manche Geschichte übertrieben, aber nicht erfunden. Sie haben dieses Leben tatsächlich gelebt. Und wenn Menschen so leben, dann wirken sie auf andere irgendwann wie Figuren aus Geschichten, selbst wenn alles wahr ist.
Unser Vater war äußerlich kein großer Mann. Etwa eins siebzig groß, Bauch, nur ein Arm nach einem Unfall (ok, das Detail ist an sich schon wieder "Big Fish"). Trotzdem konnte er einen Raum füllen, als wäre er riesig. Er war cholerisch, stur wie die Hölle, rücksichtslos seiner Familie gegenüber, ein Querulant, ein Musiker und ein Lump, aber gleichzeitig gebildet, intelligent, humorvoll, ein guter Freund und voller Energie.
Er spielte Musik. Mundharmonika, Akkordeon, später Keyboard. Nicht so richtig gut, aber mit Eifer und Einfallsreichtum, wegen der fehlenden Hand. Musik gehörte zu seinem Leben, genau wie das Tanzen. Rock’n’Roll liebte er, aber auch ansonsten war er ein guter Tänzer.
Unsere Mutter ist eine andere Art Big Fish. Wenn mein Vater Granit war, dann ist sie eher eine Weide am Bach. Sie konnte unglaublich viel aushalten, ist mehrfach zerbrochen und trotzdem noch da.
Sie liebt Musik. Wenn man sie fragt, was sie am liebsten hört, sagt sie oft einen Satz, den ich bis heute an ihr mag: „Ich liebe es, wenn die Gitarren so richtig schreien.“
Sie liebt Filme. Western, Hitchcock, Nebel des Grauens, aber auch Shrek und Schuh des Manitu, einfach alles mögliche.
Sie liebt Bücher. Sie hat jahrzehntelang in der Gemeindebücherei gearbeitet. Bücher gehörten zu unserem Haus wie Möbel. In fast jedem Zimmer war ein Regal.
Sie liebt PC-Spiele. Ich bin schuld daran, sie hat mich damals Cäsar III spielen sehen und dann selbst angefangen. Sie ist jetzt 85 und hat sich grad nen neuen gebrauchten Gaming-PC gekauft.
Zusammengefasst: Sie liebt Geschichten und ihre Phantasie hat nicht nur ihr, sondern auch uns beim Überleben geholfen.
Unsere Eltern hatten beide nur acht Jahre Volksschule. Trotzdem wurde bei uns gelesen, auch die Tageszeitung jeden Tag, Tagesschau zusammen schauen war für mich schon als Kind normal. Meinen Vater lesend am Tisch zu sehen war für mich einfach Alltag. Es wurde über Bücher gesprochen, über Filme, über Musik, aber auch über Politik.
Das klingt alles sehr modern, aber gleichzeitig war unser Alltag mehr als altmodisch. Wenn unser Vater von der Arbeit nach Hause kam, standen wir oft schon in Arbeitsklamotten bereit. Er kam gegen halb fünf, aß, trank sein Bier, und dann mussten wir mit zum Arbeitseinsatz. Die Landwirtschaft hatte immer Arbeit zu bieten, irgendein Gerät war zu reparieren, Zäune zu flicken, Holz zu machen oder halt banal die Tiere zu versorgen. Wenn du eingeteilt warst um die Lampe zu halten und wackeltest oder wenn du bei "Halt mal da" nicht sofort wusstest wo, dann wurdest du niedergebrüllt wenn du Glück hattest, die weniger Glücklichen bekamen eine gelangt.
Überstrenge Regeln und völlige Freiheit konnten nebeneinander existieren. Unser Vater konnte uns also wegen einer Kleinigkeit niederbrüllen, aber wenn wir am Freitagabend zur Tür hinausgingen und sagten: „Wir gehen tanzen“, dann sagte er einfach: „Viel Spaß.“
Ich erinnere mich an einen Moment, in dem mir zum ersten Mal auffiel, dass unsere Familie vielleicht nicht ganz normal war. Ich (etwa 11 damals) bekam mit wie der Vater einer Schulkollegin nach Hause kam von der Arbeit. Sie rannte auf ihn zu und sagte fröhlich: „Papa, schön, dass du da bist.“ Ich war völlig irritiert. Für mich bedeutete ein Vater, der nach Hause kommt, etwas anderes. Vorsicht. Arbeit. Ende der Kindheit für heute. Ich überlegte damals schon was davon normaler war.
Ein anderes Mal (schätze ich war 12) hörte ich eine Nachbarin zu ihrer Tochter sagen:
„Wenn du nicht brav bist, kommst du eine Woche zu den H.s. Da lernst du gehorchen.“ Sie wusste, dass ich das hören konnte. Ab da war mir recht klar, dass die anderen zumindest eine Ahnung hatten was bei uns abging, aber keinen Grund zum Handeln sahen.
Unsere Eltern waren faszinierende Menschen. Unsere Mutter ist es noch. Leute die andere in ihren Bann ziehen konnten. Auf Menschen außerhalb unserer Familie wirkten die beiden zu Recht oft höchst faszinierend.
Wenn man mit solchen Eltern aufwächst, passiert etwas Merkwürdiges...
Man wächst im Schatten von großen Geschichten auf.
Und ist enttäuscht, wenn man diese Größe nie erreicht.
Denn natürlich denkt man jetzt, wenn der Autor von solchen Leuten abstammt und eine solche Kindheit hatte, dann muss er doch ein außergewöhnlicher Mensch geworden sein. Nein, lächerlich gewöhnlich, langweilig und dramatisch erfolglos. Das einzige was mir noch bleibt ist es als Chronist meines eigenen Scheiterns wenigstens noch einen Hauch Pseudo-Sinn in mein Leben zu schreiben.
Aber wenn ich aus meiner Kindheit eines gelernt habe, dann aus jeder Situation das beste zu machen, deswegen ist genau meine Gewöhnlichkeit mein künstlerisches Konzept.
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