Kapitel 1 Kaputt geliefert. Trotzdem geblieben.
Kapitel 1
Bevor es mich gab
Meine Eltern haben sich noch als Kinder auf einem Bauernhof kennengelernt, weil sie beide arbeiten mussten. Die Nachkriegszeit kannte da keine Gnade.
Meine Mutter war zu diesem Zeitpunkt bereits geprägt von einer Kindheit, die ich mir nur schwer vorstellen kann, obwohl ich sie oft erzählt bekommen habe. Sie wurde 1940 geboren, mitten in den Krieg hinein, und ihre frühen Erinnerungen handeln von Dunkelheit im Keller, von Angst, von nicht den Radiosender einstellen dürfen und von Erwachsenen, die selbst Angst hatten. Ihre Eltern waren überzeugte, ich denke das kann ich so sagen, Nationalsozialisten, und blieben es auch bis zu ihrem Tod, die Erziehung war hart, autoritär, durchdrungen von der schwarzen Pädagogik jener Zeit. Hunger, körperliche Arbeit schon als Kind, auch schon früh fast und dann komplett den ganzen Haushalt führen, und auch Misshandlungen, all das gehörte zu ihrem Alltag.
Sie liebte aber auch Bücher, Kino, Musik (besonders Rock ‚n’ Roll) und das Tanzen. Und das war für sie wie auch für uns später sicher ein Baustein unserer Widerstandskraft.
Mein Vater wurde 1935 geboren, war zu jung, um noch in den Krieg eingezogen zu werden, aber alt genug, um dessen Folgen unmittelbar zu tragen. Seine Mutter starb früh an Krebs, sein Vater kurz nach dem Krieg, vermutlich an einer Methanolvergiftung (Selbstgebrannter mit dem „falschen“ Alkohol) und er und seine Geschwister wurden auf verschiedene Pflegefamilien verteilt, von denen nicht alle Orte waren, an denen Kinder gut aufgehoben sind. Er lief schließlich davon, setzte sich auf ein Fahrrad und fuhr etwa 200 km zu einer seiner Schwestern, weil Weggehen in diesem Fall die einzige Möglichkeit war, irgendwo anzukommen.
Landwirt zu werden war für ihn keine Notlösung, sondern genau das was er tun wollte. Er wollte Landwirt sein, er blieb es auch, später im Nebenerwerb, und zwar nach einer Logik, die wenig mit moderner Agrarindustrie zu tun hatte, sondern eher mit einer sehr alten, beinahe vormodernen Vorstellung von Landwirtschaft: Kühe fressen Gras, Kälber trinken Milch, und am Ende isst man die Kuh. Ohne Ideologie, ohne Romantisierung, ohne spirituellen Überbau.
Meine Eltern mochten sich anfangs nicht besonders. Rock’n’Roll und Tanzen brachten sie einander näher.
Sie heirateten 1960, trotz Widerständen, insbesondere von meiner Großmutter mütterlicherseits, die einem Bauer ohne Land, ohne Glauben und ohne klare gesellschaftliche Verortung wenig abgewinnen konnte. Mein Vater ließ sich taufen, nicht aus innerer Überzeugung, sondern um meine Mutter heiraten zu können. Denn ihr war eine kirchliche Heirat wichtig.
Die Ehe, die daraus entstand, war keine heile. Sie war geprägt von Machtkämpfen, von Abhängigkeiten, und gleichzeitig von einer Form von Pragmatismus, die vieles möglich machte, was damals unüblich war. Mein Vater gab meiner Mutter früh eine Bankvollmacht, drängte sie, den Führerschein zu machen, bestand darauf, dass sie landwirtschaftliche Geräte bediente, Traktor fuhr, Verantwortung übernahm, nicht aus einem emanzipatorischen Ideal heraus, sondern weil es den Alltag erleichterte. Er vertraute ihrem Geschmack, auch bei Büchern, und las, was sie aus der Bibliothek mitbrachte. Sie hielten einander aus, trugen ein gemeinsames Leben, ohne dabei wirklich heil zu werden.
Sie bekamen 11 Kinder, aus unterschiedlichen Motiven heraus. Meine Mutter wollte immer viele Kinder, mein Vater viele helfende Hände für die Landwirtschaft. Vier dieser Kinder starben, Verluste, die für alle Eltern kaum zu schaffen sind, auch für meine eigentlich viel zu viel um es auszuhalten.
1974 verlor mein Vater bei einem Autounfall seinen linken Arm, ein Unfall, an dem er nicht vollständig unverschuldet war. Er ging damit trotzdem auf eine Weise um, die mich tief beeindruckte. Er trug kaum eine Prothese, zeigte die Behinderung offen, ging so ins Schwimmbad, an den FKK-Strand, beantragte selbstverständlich seinen Behindertenausweis und machte kein Geheimnis daraus. Vielleicht, weil ihm das Konzept von Scham nie besonders zugänglich war, vielleicht auch, weil er sich selbst immer als jemand sah, der ohnehin nicht ganz in die Ordnung der Dinge passte. Er arbeitete weiter, machte später noch seinen Meister, und als ich geboren wurde, bezeichnete er mich scherzhaft als sein eigentliches Meisterstück.
Meine Eltern arbeiteten viel, sparten, bauten ein Haus, betrieben Landwirtschaft im Nebenerwerb, lebten sparsam, naja meist eher geizig, mit einem hohen Maß an Eigenleistung und wenig Schonraum füreinander oder uns. Es gab keine romantische Vorstellung von Familie, aber es gab Verbindlichkeit. Niemand wurde verleugnet, niemand wurde ausgegrenzt, niemand wurde verschwiegen.
Als ich geboren wurde, war meine Mutter 41 Jahre alt. Niemand hatte mehr mit einem weiteren Kind gerechnet. Ein Arzt hatte ihr Angst gemacht, von möglichen Behinderungen gesprochen, von Nicht-Lebensfähigkeit, von Risiken, die man ihr eindringlich vor Augen führte. Sie entschied sich trotzdem, dieses Kind zu bekommen, nicht aus Trotz und nicht aus Naivität, sondern aus ihrer eigenen ethischen Haltung heraus, die sie ihr Leben lang begleitet hat.
Die Geburt war schwer. Und dann war ich da. Alle Werte lagen bei zehn. Meine Mutter ließ den Arzt, der ihr so Angst gemacht hatte, wecken... noch einmal messen, noch einmal prüfen. Alles war gut.
In diese Konstellation bin ich hineingeboren worden. Zwei Menschen mit beschädigten Biografien, mit großer Härte und großer Pragmatik, mit Überlebensstrategien, die funktionierten, aber ihren Preis hatten.Eine Familie, die mit damals schon 7 Kindern, lange vor mir gelernt hatte, wie man zerbricht und trotzdem weiter geht, manchmal mit Pathos, aber ohne Pause.
Bevor ich da war, war all das schon da.

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