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320 Wir sind die Guten

Für mich ist einer der gefährlichsten Sätze, die ein Mensch über sich selbst sagen kann: „Ich bin ein guter Mensch.“ Warum? Weil dieser Satz scheinbar oft das Ende des Nachdenkens markiert, statt seinen Anfang. Ich frage mich dann immer, was dieser Satz für diese Person eigentlich bedeutet. Wenn möglich, frage ich nach. Die Antworten, die ich im Laufe meines Lebens bekommen habe, haben schließlich zu diesem Text geführt. Ein Ziel, kein Etikett Ich glaube nicht, dass jeder Mensch das Ziel haben muss, gut zu sein. Vielleicht möchte jemand ein großer Künstler werden, eine brillante Wissenschaftlerin, ein religiöser Einsiedler oder einfach ein ruhiges Leben führen. Das sind alles legitime Lebensziele. Keines davon setzt zwingend voraus, ein guter Mensch sein zu wollen. Ich selbst habe mir dieses Ziel gesetzt. (siehe 174 GUT SEIN ) Gerade deshalb möchte ich mir das Urteil „Ich bin ein guter Mensc...

318 Warum erzählt ihr mir das? Teil 3: Gedankenexperimente

 Die ersten beiden Texte haben bei mir mehr neue Fragen ausgelöst als beantwortet. Text 1 Text 2 Vor allem eine: Was denkst du eigentlich spontan, wenn jemand zu dir sagt „Ich bin trockener Alkoholiker.“? Vielleicht ist es das wert, mal einen Moment darüber nachzudenken. Je länger ich mich mit den Antworten auf Text 1 beschäftigt habe, desto mehr hatte ich den Eindruck, dass wir vielleicht gar nicht alle über dasselbe sprechen. Ich sage: „Ich bin trockener Alkoholiker.“ Durch die Antworten scheint sich aber herauszukristallisieren, dass viele eher eine moralische Überlegenheit meinerseits hören, etwa so: „Ich bin freiwillig abstinent, weil ich viel Willenskraft habe.“ Vielleicht liegt genau dort ein Teil des Missverständnisses. Deshalb habe ich angefangen, mit Gedankenexperimenten zu spielen. Nicht, weil Alkoholismus dasselbe wäre wie Diabetes, Zöliakie, Veganismus oder Allergien. Sondern weil Vergleiche manchmal helfen, Kommunikation besser zu verstehen. Ged...

317 Warum erzählt ihr mir das? Teil 2

Vor einigen Tagen habe ich einen Text auf vielen Plattformen veröffentlicht, in dem ich eine Frage stelle, die mich seit Jahren umtreibt: Warum erzählen mir so viele Menschen nach dem Satz “Ich bin trockener Alkoholiker.” ihren eigenen Alkoholkonsum? Den ersten Text (auf Reddit) verlinke ich hier: https://www.reddit.com/r/WriteAndPost/s/TVPptmrPz9 Erst einmal danke für die Antworten. Auch wenn über alle Plattformen verteilt erstaunlich wenige Menschen geschrieben haben: “Ja, das mache ich selbst und deshalb.”, wurden in den Kommentaren verschiedene mögliche Motive genannt oder vermutet. Im Wesentlichen lassen sie sich in drei Gruppen einteilen. 1. Selbstbezogene Motive Einige vermuteten, dass Menschen sich rechtfertigen möchten. Vielleicht geht es um kognitive Dissonanz. Vielleicht um ein schlechtes Gewissen. Vielleicht darum, das eigene Selbstbild zu stabilisieren. Falls so etwas tatsächlich der Grund sein sollte, möchte ich euch sagen: Vor mir braucht ihr euch nicht zu rechtfertigen....

316 Warum erzählst du mir das?

Seit Jahren beschäftigt mich eine Frage. Bevor ich sie stelle, möchte ich ein bisschen was klarstellen. Niemand muss sich wegen dieses Textes schuldig fühlen. Nicht der trockene Alkoholiker. Nicht der nasse Alkoholiker. Nicht der Mensch mit problematischem Alkoholkonsum. Nicht der Partysäufer. Nicht der Gelegenheits- oder Wenigtrinker. Nicht der Abstinenzler. Wenn ich sage: „Ich bin trockener Alkoholiker.“, dann sage ich nichts über dich. Ich sage nicht, dass du zu viel trinkst. Ich sage nicht, dass du abstinent leben solltest. Ich sage nur etwas über mich: “Ich habe eine Alkoholsucht. Deshalb lebe ich abstinent.” Die einzige Information, die für dich unmittelbar relevant ist, lautet eigentlich nur: „Bitte biete mir keinen Alkohol an.“ Ich verspreche übrigens: Ich werde keine Antwort auf meine Frage verurteilen. Ich möchte die Antworten verstehen. Damit allerdings kein Missverständnis entsteht: Es gibt Menschen, an die sich meine Frage ausdrücklich NICHT richtet: Wenn du Angst hast, ...

309 Meine einzige echte Red Flag 🚩

​ Es wird ein generisches Femininum verwendet, gemeint sind alle Geschlechter. Ich höre immer darauf, wie Menschen über die reden, die nerven, die im Weg stehen, die unangenehm sind und ganz besonders über ihre ehemaligen Partnerinnen. Nicht, weil ich erwarte, dass jeder immer verständnisvoll und zenartig durch die Welt schwebt. Menschen sind genervt, verletzt, wütend und dann manchmal ungerecht. Das ist schlichtweg menschlich und Freundinnen/Partnerinnen sind auch dafür da sich mal den Frust vom Herzen zu reden. Aber ich höre darauf, ob andere Menschen in diesen Geschichten noch Menschen bleiben. Die beste Prüfung sind oft die Ex-Freundinnen. Wenn angeblich jede Ex eine Narzisstin, ein Arschloch oder eine manipulative Dämonin war, werde ich vorsichtig. Nicht, weil das unmöglich wäre. Sondern weil ich mich frage, warum in all diesen Geschichten kein eigener Anteil, kein Zweifel an der eigenen Sicht der Dinge und keine Grautöne vorkommen. Ein einfaches: "Naja, es hat halt nic...

295 Mitautoren meiner Momente

Zunächst ein Hinweis zur RPG - Reihe, da hatte ich hier vergessen einen Teil zu posten. Auf Substrack ist die Reihe vollständig siehe hier Mitautoren meiner Momente Für mich hat das Kennenlernen von Menschen eine Bedeutung, die anscheinend etwas tiefer ist als üblich. Es ist nicht einfach ein notwendiges Übel um nicht allein zu sein, sondern eine Art Hauptbewegung meines Lebens. Für mich ist eine Hauptquest des Lebens: Menschen zu begegnen, sie wirklich zu erleben, und dadurch selbst Teil ihrer Geschichte zu werden und sie Teil meiner werden zu lassen. Damit meine ich nicht, dass ich in Erinnerung bleibe oder dass jemand irgendwann sagt „da war mal jemand“. Das ist etwas Oberflächlicheres, das passiert fast automatisch unter bestimmten Bedingungen. Ich meine etwas anderes: dass man in zumindest einem Lebensabschnitt aus der Erzählung des selben nicht mehr wegzudenken ist. Nicht als Randfigur, sondern als notwendiger Teil der Struktur dieser Zeit. Das kann bei mir durch ...

294 RPG Real Life. Was ist überhaupt ein Skill?

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 Das folgende Modell ist sogar eine stärkere Vereinfachung als das Colorgrading-System für die Kommunikationsziele. Das echte Leben ist deutlich komplexer. Dennoch werde ich das Skill- und Buildsystem (Fähigkeiten und Ausrüstungssystem) später möglicherweise noch klarer ausarbeiten, denn manchmal muss man Dinge vereinfachen, um überhaupt über sie sprechen zu können. Wenn ich hier von Skills spreche, meine ich nicht Charaktereigenschaften und auch keine moralischen Kategorien. Und das ist deutlich weiter gefasst, als Games es meist darstellen. Ein Skill kann Wissen sein: Wissen ist dabei keineswegs nur das, was gesellschaftlich als „nützlich“ gilt. Ganz ehrlich: Ich glaube nicht an nutzloses Wissen. Wie viel ich über Geschichte, über Stil und Mode, über Motoren, über Mathematik, über Züge, über Pflanzen, über Games oder über völlig obskure Nerduniversen, usw. weiß entscheidet zunächst wie gut vorbereitet ich in die Quest (Aufgabe) gehe. Aber auch scheinbar “unnütze...