294 RPG Real Life. Was ist überhaupt ein Skill?
Das folgende Modell ist sogar eine stärkere Vereinfachung als das Colorgrading-System für die Kommunikationsziele. Das echte Leben ist deutlich komplexer. Dennoch werde ich das Skill- und Buildsystem (Fähigkeiten und Ausrüstungssystem) später möglicherweise noch klarer ausarbeiten, denn manchmal muss man Dinge vereinfachen, um überhaupt über sie sprechen zu können.
Wenn ich hier von Skills spreche, meine ich nicht Charaktereigenschaften und auch keine moralischen Kategorien. Und das ist deutlich weiter gefasst, als Games es meist darstellen.
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Ein Skill kann Wissen sein: Wissen ist dabei keineswegs nur das, was gesellschaftlich als „nützlich“ gilt. Ganz ehrlich: Ich glaube nicht an nutzloses Wissen. Wie viel ich über Geschichte, über Stil und Mode, über Motoren, über Mathematik, über Züge, über Pflanzen, über Games oder über völlig obskure Nerduniversen, usw. weiß entscheidet zunächst wie gut vorbereitet ich in die Quest (Aufgabe) gehe. Aber auch scheinbar “unnützes” Wissen erzeugt Verknüpfungen und dass lässt einen manchmal einfach lächeln, weil das Hirn lustig assoziiert, was einen Tag erträglicher machen kann. Doch jedes vorhandene Wissen kann helfen zu neuem Wissen anzuknüpfen, somit ist viel Wissen, egal welches, schon ein eigener Skill in mehrerer Hinsicht.
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Können gehört ebenfalls dazu. Alles, was man geübt, wiederholt oder praktisch angewendet hat. Beispiele: Kochen, Handarbeiten, Autofahren, Programme bedienen, Handwerk, Bodybuilding usw. Natürlich gibt es Fähigkeiten, für die man Ausbildung, Prüfungen oder Berechtigungen braucht. Das stellt auch oft eine besonders fundierte Art des Wissens und Könnens dar (Anmerkung von mir: Warum nicht immer? Denkt an alle Leute, die einen Autoführerschein haben! Na? Eben!)
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Dann gibt es Denkweisen und mentale Techniken. Beispiele: Achtsamkeit nach DBT, Meditation (ich kann es nicht), Erörterung aus dem Schulunterricht, stoisches Weitergehen usw.
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Auch Kulturtechniken gehören dazu. Beispiele: Lesen, Sprache, Computer/Smartphonebedienung, den öffentlichen Nahverkehr einer Region verstehen, sich in einer Stadt auskennen usw.
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Diverse Sachen die Menschen eben können, deren Nutzen oder Einteilung sich mir aber nciht erschließt, aber: “Hey, jeder ist sein eigener Spielleiter!”. Nur Beispiele: Mit den Ohren wackeln können, ein Bier ohne Schlucken exen können, prächtige Popel produzieren können usw.
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Ach und “Softskills”, ihr wisst schon Einfühlungsvermögen und so. Bei mir steht das auf verlorenem Posten… dafür kann ich oft durch Wissen und Erfahrung hier “ausgleichen” oder so tun als hätte ich es. Glaubt mir, ihr wollt dass ich so tue.
All das erweitert Handlungsmöglichkeiten und ermöglicht unendliche Kombinationen.
Und genau darum geht es. Ein Skill ist nicht etwas, das gut oder moralisch überlegen ist. Ein Skill ist etwas, was du anwenden kannst. Wie du dazu kamst ist egal: gelernt, geübt, vom TikTokTutorial, zufällig erfahren, angeboren, bewusst entwickelt usw. . Wozu du ihn anwendest auch. Übrigens entscheidest logischerweise du ob du einen Skill genug beherrschst um ihn anzuwenden… du darfst alles tun, aber logischerweise wirst du die Konsequenzen tragen.
Allerdings schon mal vorab: Ich lass mir kein Wissen und Können entgehen, dass ich mir leicht aneignen kann, ich bin Gamer, kann ja jeder anders sehen, aber: „Heb den Loot auf. Du weißt nie, welcher Dungeon morgen kommt.“
Wie benutzt man diese ganzen Skills denn jetzt?
Die Realität ist deutlich unordentlicher. Skills überlappen sich und vermischen sich. Sie können gleichzeitig Schutz und “Waffe” sein. Aber das hier ist mein Modell: Ich denke dabei oft in vier "Ausrüstungs-"Slots:
Mainhand (Haupthand), Offhand (Nebenhand beziehungsweise Schildhand), Rüstung und quasi grundsätzlich der Notfallrucksack.
In diese Slots kommen die Skills. (Anmerkung von mir: ja liebe Gamer, Skills in Ausrüstungsslots, da müsst ihr jetzt durch, fangt schon mal an es für euch selbst umzubauen. Meins bleibt so). Ich hab euch drei meiner Beispiel Skillsets mitgebracht.
Zuerst aber: Der Notfallrucksack ist kein Set, sondern etwas was automatisch dabei sein sollte und im Idealfall genug trainiert, dass er automatisch eingreift. Er besteht bei mir aus: Gesprächsabbruchkompetenz, radikaler Akzeptanz von Dingen die ich (momentan) nicht ändern kann und der Fähigkeit das Gespräch auch notfalls räumlich zu verlassen.
Nun endlich:
Build 1: Defensiv einfach den Tag überleben (Bei Behördenangelegenheiten und ähnlichem)
Mainhand: “Don’t judge”, das legendäre Schwert aus DBT-Achtsamkeit… Die einzige Waffe, die es jemals gab, die, wenn du sie zückst, sagt: “Don’t judge!”, “Bewerte nicht!”. “Aber diese Waffe hält dich doch vom Angreifen ab?” Ja, das ist das Ziel dieser Waffe. Ich bin nicht von Natur aus fügsam. Ich bin nicht von Natur aus umgänglich. Ich bin von Natur aus leider eher angriffslustig und deshalb habe ich mir diese Waffe nicht einfach besorgt, sondern sie hart erarbeitet. Nichts war so schwer zu erringen wie dieses nervige Schwert und ich beherrsche es auch noch nicht meisterlich. Da fehlt noch viel.
Offhand: “Schafgarbe”-Stoizismus-Schild: Mein Schild ist in diesem Build nicht hart. Er ist weich und nachgiebig wie frische, grüne Weide und genauso “leicht” auszureißen wie die namensgebende Schafgarbe. Ich erlaube mir damit nachzugeben, auszuweichen, Umwege in Kauf zu nehmen, aber den Weg abbrechen erlaube ich mir damit nicht. Ich gehe mit dem Schild vor mir weiter, einfach weiter, egal wie sehr mein Weg mäandert, ich komme auf der anderen Seite an, heute oder wenn das Amt das nächste Mal auf hat.
Rüstung: “Das erinnert mich an…”-Magische Robe, aus miteinander und der Umgebung wild assoziierendem Kulturellem/Nerd/Popkulturellem Material. Schützt vor nix, Erhöht aber die Überlebensfähigkeit. Man muss sie nur gelegentlich wieder aufladen. Und das macht sogar Spaß.
Build 2: Echte Diskussionen (der größte Spaß)
Mainhand: Die “DobnerGlaabBirnstiehl”-ERÖRTERUNG im Namen des Bayerischen Schulsystems und aller engagierten Deutschlehrer dieser Welt (Anmerkung von mir: Hehe… ich mach PunktPunktPunkt wann ich will, ihr seit alle gemeine Sadisten, aber danke fürs strukturiert denken lernen): Die lässt sich besser mit Vorarbeit einsetzen, wenn man Themen schon mal durchdacht hat kann man leichter die Gegenargumente gleich mit bedenken. Aber hey, geht notfalls auch spontan, dafür haben die in der Schule uns ja dialektisches Denken beigebracht. Wenn ihr es in der Schule unnötig fandet, kann ich euch ja nicht helfen.
Offhand: Das “Really?”-Hochgezogene-Augenbrauen-Prüfschild: Sie sagt “Das war kein echtes Argument”, “Anekdotische Evidenz” oder “Willst du das noch mal überdenken?”. Die Offhand prüft of die Rüstung zum Einsatz kommen muss, ob ich zu Build 3 übergehe oder sich ein ernsthaftes Gespräch hier noch weiterhin rentiert.
Rüstung: “Gesprächsabbruchkompetenz”: Wenn keine echte Diskussion geführt wird, Gespräch beenden. Klingt simpel, hat bei mir aber Übung gebraucht und ist auch im Notfallrucksack unabhängig von Builds immer eingepackt, weil sie unglaublich hilfreich für die Psychohygiene ist.
Ziel: Nachvollziehbare, gut begründete neue Blickwinkel kennen lernen. Und manchmal diese wunderbaren Worte hören: “Jetzt hast du mich echt zum nachdenken gebracht.”. Echte Diskussionen scheitern oft nicht an mangelndem Wissen, sondern daran, dass sich jemand angegriffen fühlt. Gilt auch für mich natürlich.
Sobald Wut oder Identitätsabwehr übernimmt, verschwinden Argumente erstaunlich schnell. Dann diskutiert man nicht mehr über eine These, sondern verteidigt ein Selbstbild oder greift ungewollt eines an. Und das ist idealerweise der Moment, in dem ich im spätestens das Gespräch verlasse.
Build 3: Die Lust am Streit
Zunächst: Das ist kein Notfallbuild, er funktioniert nicht mal wenn ich wirklich wütend bin, werdet ihr gleich sehen. Ich will damit aber zeigen, ich bin kein Engel und ich will auch keiner sein. Ich habe Freude am Spott.
Allerdings wird dieses Skillset nur angewendet, wenn ich eine Meinung als nur noch lächerlich, schlecht durchdacht und schädlich betrachte. Den Notfallrucksack habe ich auch hier dabei, aber dieses Build ist gefährlich nahe an der Wut und die macht den Rucksack schwerer zu benutzen.
Mainhand: Das “Auryn”-Nerdhumor-Wurfmesserset “Tu’ was du willst, es wird DICH etwas kosten”: Bewaffnet mit mit Klingen aus Anekdoten, Anspielungen und Assoziationen. Wirst du überhaupt merken, dass die Verdrehtheit deiner Aussage hier ausgestellt habe? Wird dir klar wie menschenfeindlich dein Argument war? Nein? PECH!
Offhand: “Wissensfangkorb”: Dieses Schild ist legendär, es wurde über Jahrzehnte geknüpft und verstärkt, es ist immer oben, ich muss es nicht aktiv benutzen. Es wird allerdings teilweise oder komplett unbenutzbar, wenn ich wütend werde.
Rüstung: “Ist mir egal”-Metaphorische-Nacktheit, verwirrt Gegner: Das muss man ernsthaft so meinen in dem Moment, das ist der einzige Clou. Das wird mich verletzen - egal. Ich werd mich blamieren - egal. Die werden mich nicht mögen - egal. Ich werde mich hinterher schämen - egal.
Ziel: Markieren von lächerlichen Meinungen. Nicht Menschen, wenn ich mich über Menschen lustig mache, dann bin ICH lächerlich. Das Auryn spaßt nicht, jeder Angriff kostet, Selbstachtung zum Beispiel, aber man weiß nie was es alles fordert.
Kleidungssystem und Werkzeug
In meinem Modell werden Fähigkeiten ausgerüstet. Nicht das Handy oder die Windjacke als physische Gegenstände, sondern Wissen, Denkweisen, Erfahrungen und trainierte Kompetenzen.
Was vielleicht beruhigt: Das Kleidungssystem existiert trotzdem weiterhin und es ist viel mehr als Deko. Viele Spiele kennen das bereits. Die Kleidung zeigt nach außen etwas über dich, passt dich einer Situation an und hat auch eigene Buffs (Verstärkungen). Hier gehören auch sämtliche Werkzeuge und benutzte Gegenstände zum Kleidungsystem. Ob nun dein Auto, dein Handy oder dein billiges Schraubenschlüsselset aus dem Baumarkt, dass du dir immer schwörst auszutauschen.
Kleidung ist absolut nicht unwichtig: Wie warm, kalt, windig oder regnerisch wird es heute?
Wie körperlich belastend wird die Tätigkeit?
Muss/möchte ich einem Dresscode entsprechen?
Will ich professionell wirken, unauffällig, attraktiv, praktisch oder rebellisch auftreten?
Will ich mich schützen?
Will ich mich ausdrücken?
Oder ist mir das heute schlicht egal?
All das gehört für mich ins Kleidungssystem mit seinen Buffs und Debuffs (Schwächungen). Das Gleiche gilt für Werkzeug.
Werkzeug ist in meinem Modell keine Waffe und keine Rüstung. Es bleibt äußerlich. Und jeder weiß: Schlechtes Werkzeug lässt dich meistens nur fluchen. Egal ob kaputtes Auto, störrischer Computer, ungeeignete Schuhe oder ein Handy, das genau dann abstürzt, wenn man es dringend braucht. Wenn du mit etwas arbeiten musst und dieses Werkzeug schlecht zu dir oder zur Situation passt, wird das Spiel unnötig schwer.
Deshalb gilt auch hier: Überlege wofür du dein Werkzeug brauchst, oder leb’ halt damit dass es dich nerven wird. Denke über die heutigen Gegebenheiten nach und wähl’ die Kleidung passend, oder völlig daneben. Du wirst die Konsequenzen tragen, wie immer halt.
Alle die bis hier hin gelangt sind… JUHUHHUUUUUUUUUU ich hab euch genug gefesselt dafür. Der nächste Teil kommt demnächst. Spüre ich Vorfreude oder Desillusionierung? Macht eurem potenziellen Ärger in den Kommentaren Luft, oder auch nicht, es wird ein paar Tage dauern bis zum nächsten Teil.
Coming soon:
Entscheidungsfreiheit und System
Der Spieler als Prozess

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