318 Warum erzählt ihr mir das? Teil 3: Gedankenexperimente
Die ersten beiden Texte haben bei mir mehr neue Fragen ausgelöst als beantwortet.
Vor allem eine: Was denkst du eigentlich spontan, wenn jemand zu dir sagt „Ich bin trockener Alkoholiker.“?
Vielleicht ist es das wert, mal einen Moment darüber nachzudenken.
Je länger ich mich mit den Antworten auf Text 1 beschäftigt habe, desto mehr hatte ich den Eindruck, dass wir vielleicht gar nicht alle über dasselbe sprechen.
Ich sage:
„Ich bin trockener Alkoholiker.“
Durch die Antworten scheint sich aber herauszukristallisieren, dass viele eher eine moralische Überlegenheit meinerseits hören, etwa so:
„Ich bin freiwillig abstinent, weil ich viel Willenskraft habe.“
Vielleicht liegt genau dort ein Teil des Missverständnisses. Deshalb habe ich angefangen, mit Gedankenexperimenten zu spielen. Nicht, weil Alkoholismus dasselbe wäre wie Diabetes, Zöliakie, Veganismus oder Allergien. Sondern weil Vergleiche manchmal helfen, Kommunikation besser zu verstehen.
Gedankenexperiment 1: Zöliakie
Stell dir vor, jemand sagt:
„Ich habe Zöliakie.“
Würdest du antworten:
„Ich esse übrigens auch nur selten Brot.“
Oder würdest du eher sagen:
„Gut zu wissen. Dann achte ich darauf.“
Ich vermute Letzteres.
Gedankenexperiment 2: Eine Allergie
Jemand sagt:
„Ich habe eine schwere Erdnussallergie.“
Würdest du erzählen, wie gerne du Erdnüsse isst?
Oder würdest du einfach darauf achten, dass keine Erdnüsse im Essen sind?
Auch hier dürfte die Antwort für die meisten ziemlich eindeutig sein.
Gedankenexperiment 3: Typ-2-Diabetes
Dieses Gedankenexperiment beschäftigt mich am meisten.
Stell dir vor, jemand sagt:
„Ich habe Typ-2-Diabetes.“
Würdest du antworten:
„Ich vertrage Zucker hervorragend.“
Wahrscheinlich nicht.
Du würdest vermutlich eher fragen:
„Gibt es etwas, worauf ich achten sollte?“
Oder einfach denken:
„Das tut mir leid.“
Dabei darf ein Mensch mit Typ-2-Diabetes durchaus stolz darauf sein, wie gut er heute mit seiner Krankheit umgeht. Das bedeutet aber nicht, dass er froh darüber ist, sie bekommen zu haben. Genau so empfinde ich meine Trockenheit. Ich bin stolz darauf, seit zwölf Jahren trocken zu sein. Aber hätte ich kontrolliert trinken können, hätte ich nie aufgehört.
Ich wäre lieber nie alkoholkrank geworden.
Gedankenexperiment 4: Veganismus
Hier wurde es für mich plötzlich komplizierter. Denn hier habe ich mich selbst ertappt. Wenn mir jemand erzählt, dass er Vegetarier oder Veganer ist, neige ich manchmal dazu zu erzählen, dass ich selbst nur wenig Fleisch esse.
Warum? Vielleicht, weil ich Gemeinsamkeit herstellen möchte. Vielleicht, weil ich sympathisch wirken möchte. Vielleicht sogar ein kleines bisschen, weil ich ein schlechtes Gewissen habe und mich rechtfertigen will. Das war für mich eine der spannendsten Erkenntnisse aus den Diskussionen.
Ich benutze selbst manchmal genau das Gesprächsmuster, das mich beim Thema Alkohol seit Jahren beschäftigt. Trotzdem sehe ich einen Unterschied. Verzicht aus ethischen oder ökologischen Gründen ist eine freiwillige Entscheidung. Trockenheit aufgrund einer Suchterkrankung empfinde ich anders.
Für mich hat ein trockener Alkoholiker mehr gemeinsam mit einem Menschen, der gelernt hat, mit einer chronischen Krankheit zu leben, als mit jemandem, der Alkohol einfach nicht mag oder freiwillig auf ihn verzichtet.
Eine neue Vermutung
Während der Diskussion ist mir noch eine weitere Frage gekommen.
Haben wir Alkoholismus gesellschaftlich wirklich als Krankheit verinnerlicht?
Oder verstehen wir ihn unbewusst doch eher als eine Frage der Willenskraft?
Vielleicht sehen wir Trockenheit deshalb eher als Tugend denn als Therapie.
Vielleicht erklärt genau das, warum manche Menschen Trockenheit eher wie Veganismus wahrnehmen als wie den Umgang mit einer chronischen Erkrankung. Ich weiß es nicht. Aber ich finde diese Frage inzwischen fast spannender als meine ursprüngliche.
Vielleicht könnt ihr mir dabei helfen.
Welches Gedankenexperiment würdet ihr wählen, um Alkoholismus besser verständlich zu machen?
Und noch eine letzte Frage:
Habt ihr schon einmal darüber nachgedacht, was die Trockenheit eines Alkoholikers von freiwilliger Abstinenz unterscheidet?
Zum Schluss möchte ich noch einen Gedanken dalassen, bei dem mir erst durch eure Antworten klar geworden ist, dass er für viele offenbar gar nicht so naheliegend ist:
Trockenheit ist für mich weder ein Zeichen besonderer Willenskraft noch moralischer Überlegenheit. Sie ist der Therapieerfolg einer chronischen Suchterkrankung. Und ich wünsche jedem Menschen, dass er diese Therapie niemals brauchen wird.
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