202 Tabus

Auch wenn ich hier nur über meine persönlichen Erfahrungen spreche, will ich unsere Eltern nicht für mich vereinnahmen und werde sie durchgehend als unsere Eltern bezeichnen, weil das schlicht biologisch korrekt ist. Unsere Mutter nannten wir meist "Muddy" und unseren Vater "Holger", das erste kleine Tabu war also ihn Vater, Papa usw. zu nennen. 

In unserer Familie gab es erstaunlich wenig Tabus im klassischen Sinn. Wir sprachen über Tod. Tiere wurden geschlachtet und gegessen, ohne romantische Verklärung. Holger ging mit nur einem Arm selbstverständlich ins Schwimmbad, stellte keinen Mythos um seine Behinderung auf, machte sich eher lustig über neugierige Fragen. Psychische Zusammenbrüche wurden nicht geleugnet, Alkoholprobleme nicht unsichtbar gemacht. Wir waren keine Familie, die nach außen eine heile Welt vorspielte.

Und doch war unsere Familie von Tabus durchzogen.

Das erste Tabu war Hilfe.

Ich habe als Kind auf den Knien um Hilfe gebettelt. Unsere Familie war laut, theatralisch und ich selbst darin schon als übertrieben verschrien, also nahm ich was ich hatte um gehört zu werden. Ich war zwölf oder dreizehn, ich wusste, dass etwas mit mir nicht stimmte. Nicht nur die anderen waren gemein. Ich spürte, dass in mir etwas war, das ich alleine nicht regulieren konnte. „Muddy, ich brauche Hilfe. Ich bin nicht normal.“ Ich wollte zu einem Arzt. Gemeint war meine Psyche. Die Antwort war kein Gespräch über Gefühle. Die Antwort war Schweigen und Abwehr. Hilfe holen hätte für sie bedeutet, als Mutter versagt zu haben. Hilfe holen hätte bedeutet, dass die Leute reden.

Das zweite Tabu war Trennung.

Ich bin wieder auf die Knie gefallen und habe die Muddy angefleht, Holger zu verlassen. Unsere Mutter antwortete auf meinen Kniefall mit einem Satz, der tiefer saß als alles andere was danach noch kam: „Was würden die Leute sagen, wenn ich einen einarmigen Mann verlasse?“ Nicht sein Charakter, nicht unser Wohlergehen, sondern das Urteil der Außenwelt war Maßstab. Das Leiden war erlaubt. Die Veränderung nicht.

Holger war kein Heiliger. Er war cholerisch, tyrannisch, ließ uns frieren, kontrollierte Wasser-, Holz- und Stromverbrauch und zwang uns zu Disziplin, die mit Fürsorge wenig zu tun hatte. Es hätte sein können und war mir damals schon bewusst, dass er bei einer Trennung ausrastet und gewalttätig versucht diese zu verhindern. 

Gleichzeitig war er gebildet, leidenschaftlicher Musiker, ein Freigeist, ein Querulant, ein Mann mit Humor und Selbstironie. Er stellte sich selbst nicht als guten Menschen dar. 

Trotzdem war ihn nicht verlassen können mehr vom Tratsch abhängig als von seinem Wesen oder Angst.

Das dritte Tabu war Bedürftigkeit von Kindern.

Wir waren viele Kinder. Zuständigkeiten ergaben sich aus Arbeit und Anzahl. Unsere Eltern waren faszinierende Menschen, kulturell hungrig, musikalisch, voller Geschichten. Sie zogen andere in ihren Bann. Fremde Kinder sammelte meine Mutter wie verlorene Schätze. Wir selbst waren oft Kulisse. Wir funktionierten. Wir halfen. Wir froren, wir hielten Lampen und durften trotz Kälte nicht wackeln. Wir standen in Arbeitsklamotten bereit. Unsere Mutter war die Fragile, nicht wir Kinder. Schutz kam seitlich, von Geschwistern, nicht von oben.

Das vierte Tabu war Scheitern.

Ich war „der Kluge“. Mein Spitzname war "Zweistein". Ich erklärte, ich fragte, ich wollte verstehen, wie die Welt funktioniert. Unser Vater fragte mich zu Astronomie, zu Mathematik, zur englischen Sprache, sogar noch, als er schon geistig abzubauen begann. Ich hatte schlicht diese Rolle. Und Rollen sind in großen Familien (vielleicht in allen) kein Spiel, sondern systemische Struktur.

Als ich ein Ingenieurstudium begann, trotz Dyskalkulie, tat ich das nicht aus Leichtsinn, sondern weil ein „Laberfach“ in unserer Familie nicht wirklich gezählt hätte. Ich wollte etwas "Gescheites" lernen. Ich scheiterte. Ich fiel durch Klausuren. Ich war verzweifelt. Und die Reaktion war kein „Vielleicht ist das nicht dein Weg“, sondern „Du schaffst das schon.“ Als wäre Nicht-Schaffen keine Option. Ich durfte nicht versagen. Nicht, weil jemand böse war, sondern mehr weil mein Scheitern die Rolle zerstört hätte, denke ich.

Intelligenz war das was man mir anerkannte. Aber sie war auch Verpflichtung.

Holger sagte zu mir oft, wenn er betrunken und melancholisch war: „Werd nicht so wie ich.“ Er meinte es als Warnung, aus Reue. Ich habe diesen Satz ernst genommen. Nicht als Anklage, sondern als Auftrag. Ich habe mir vorgenommen, es besser zu machen. Mit denselben Genen, derselben Wut, derselben Neigung zur Überheblichkeit. Ich bin ihm ähnlich. Aber ich nehme Hilfe an. Ich nehme Kant, Aristoteles, die Bergpredigt, DBT Therapie, buddhistische Texte, die Sozialgesetze... Ich nehme mir, was für mich funktioniert. Auch das, was er vielleicht belächelt hätte.

Die größten Tabus unserer Familie waren, Hilfe zu brauchen und zu scheitern. Ich habe schon als Kind um Hilfe gebeten. Später habe ich sie mir genommen. Ich bin gescheitert. Ich habe das Studium abgebrochen (nach dem Suizidversuch, bei dem der "alte Anne" starb Kaputt geliefert. Trotzdem geblieben. Kapitel 5. Funktionieren bis zum Zerbrechen.). Ich habe Therapie gemacht. Ich habe ausgesprochen, was man nicht aussprechen sollte: "Ich schaff das nicht allein."

Ich habe jedes unserer Tabus gebrochen.

Nicht aus Rebellion. Sondern aus dem Ziel heraus, ein guter Mensch zu sein, denn das ist meine ehrliche Antwort auf seinen Auftrag: „Werd nicht so wie ich“.


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