Kapitel 4 Kaputt geliefert. Trotzdem geblieben.

Kapitel 4
Sich den Ängsten stellen 

In der Schule war ich also stets sehr isoliert und fand keinen wirklichen Anschluss.
Mit siebzehn traf ich eine Entscheidung, die rückblickend absurd und folgerichtig zugleich war. Ich war schüchtern, unsicher, voller Scham, sozial unbeholfen und gleichzeitig jemand, der reden wollte, senden wollte, gesehen werden wollte, und genau deshalb entschied ich mich für eine Ausbildung, in der man mit Menschen zu tun hat, im direkten Kontakt, im Verkauf, im Gespräch, im Blickfeld anderer.
Nicht, weil mir das lag, sondern weil mir klar war, dass die Gefahr bestand nur zu lernen wie man Kontakte aufbaut.

In meiner Familie war klar, dass man einen Handwerksberuf lernt, etwas „Gescheites“, etwas, das trägt. Ich entschied mich für die Augenoptik, aus Leidenschaft für Brillen und weil sich dort mehrere Dinge trafen, die ich mir zutraute: präzises Arbeiten, technische Zusammenhänge, Strahlengänge, Mathematik, die mir später noch Probleme machen sollte, und eben der Verkauf, das Gespräch, das Aushalten von Blicken, Erwartungen, Fragen fragen stellen. Von diesem zweiten Teil war mir völlig bewusst, dass ich mich in die Hölle schickte.

Ich wusste damals allerdings noch nicht, dass man das was ich habe Dyskalkulie nennt, ich wusste nur, dass Zahlen mir nicht gehorchen, aber ich wusste auch, dass ich lernen kann, wenn Strukturen klar sind.
Die Berufsschule war Blockunterricht in Nürnberg. Für ein Dorfkind mit siebzehn war das eine andere Welt. Großstadt, fremde Menschen, andere Codes, andere Selbstverständlichkeiten… Futter für meine Neugier. Ich lernte dort auch meine Cousine besser kennen, die schon länger in der Stadt lebte, kulturell erfahren war und mir Dinge zeigte, ohne sie mir erklären zu müssen. Es war eine erste Ahnung davon, dass ich mich ohne die soziale Kontrolle im Dorf besser fühlte.

Der Verkauf selbst war kein Rollenspiel, keine Maske, die man einfach aufsetzt, sondern eine Form von Begegnung, die mich zwang, präsent zu sein. Ich konnte mich nicht verstecken, nicht wegträumen, nicht innerlich ausblenden, ohne dass es sofort auffiel. Also lernte ich. Nicht aus Talent, sondern aus der Angst nie Anschluss zu finden heraus.

Mein Chef war geduldig, die Berufsschule fordernd, die Schulungen oft hart, aber klar. Es gab Regeln, Abläufe, Gesprächsstrukturen, an denen ich mich entlanghangeln konnte. Ich machte Fehler, und ich machte weiter.

Diese Zeit war anstrengend. Ich habe viel geweint, war oft überfordert, wütend auf mich selbst, erschöpft von dem ständigen Über-sich-hinaus-Müssen. Aber ich bin im Endeffekt nicht gescheitert. Ich habe diese Ausbildung abgeschlossen. Und etwas für mich lebenswichtiges gelernt: dass Angst kein Kriterium dafür ist, ob man etwas tun darf, sondern der Preis dafür es zu tun. Ich habe meine Unsicherheit nicht überwunden, sie ist bis heute mein täglicher Begleiter, aber ich habe gelernt, mich trotz ihr zu bewegen.

Rückblickend war das eine der härtesten und zugleich hilfreichsten Entscheidungen meines Lebens. Mir etwas zuzumuten, was unglaubliche Angst ausgelöst, nicht um mich zu optimieren oder zu „reparieren“, sondern um handlungsfähig zu sein. Später habe ich viel über Kommunikation gelernt, aus Fachbüchern, aus Psychologie, aus Psychoedukation, aus Therapie, aus Studium, aus Begegnungen, aber der Grundstein lag hier, in dieser frühen Entscheidung, nicht darauf zu warten, dass Angst verschwindet, sondern sondern mitten rein zu stechen.

Diese Entscheidung beendete die einsamste Zeit meines Lebens und ab da begann ich mal vernünftig und mal verzweifelt an meinen sozialen Fähigkeiten zu arbeiten.

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