331 Der Angst zum Trotz
Morgen geht’s los. Ich fahre zwei Tage quer durch Deutschland und besuche vier Menschen, die mir wichtig sind, dabei sehe ich zum ersten Mal Salzburg und gehe endlich wieder in die Berge. Vor ein paar Jahren wäre so eine Reise für mich undenkbar gewesen. Aber nicht, weil ich heute mutiger bin. Ich habe immer noch soziale Ängste. Die Vorstellung, morgen und übermorgen stundenlang mit völlig fremden Menschen in einer Blechbüchse eingesperrt zu sein, löst in mir Beklemmung aus. Allerdings nicht Angst um meine physische Unversehrtheit, sondern Angst vor Blicken, vor Ausschluss, vorm Ausgelacht werden, davor, aufzufallen und nicht dazuzugehören. Und diese Angst ist nicht kleiner geworden. Sie ist größer geworden.
Denn ich fahre durch Deutschland, mein geliebtes Land. Ich liebe die Landschaften, die Dialekte, die unterschiedlichen Küchen, die kleinen Eigenheiten jeder Region, sogar das Wetter irgendwie. Es ist mein Land, grün, wunderschön, ein bisschen spießig, immer etwas schlecht gelaunt... mein Land. Gleichzeitig fahre ich durch ein Deutschland, das sich nach meinem Empfinden verändert. Ein Deutschland, das mir immer mehr Angst macht, dass Leute wie ich, die schräg wirken, die nicht so recht dazu gehören, nicht mehr erwünscht sind, dass sich erschreckend viele Menschen wünschen, Menschen wie ich würden nicht öffentlich stattfinden.
Lange habe ich gedacht, ich müsste warten, bis die Angst verschwindet. Dann wurde mir vor ein paar Jahren langsam klar: Vielleicht verschwindet sie nie. Wenn ich darauf warte, werde ich für immer zu Hause sitzen und man weiß nie, wie die Welt und das eigene Leben sich entwickelt.
Und deshalb steige ich in den Zug. Weil meine Angst inzwischen größer ist, eines Tages nicht mehr als freier Mensch durch eine offene Welt reisen zu können. Und ich werde jeden einzelnen Blick aus diesem Zugfenster genießen. Ich meine das wörtlich. Ich werde die satten grünen Ebenen Norddeutschlands ansehen. Ich werde durchs Rheintal fahren und den Fluss verfolgen, als wäre er ein alter Bekannter. Ich werde im Spessart ankommen, in den Wäldern meiner Kindheit, die jetzt anfangen mit den Sandsteinsteilhängen um die Wette zu leuchten. Ich werde weiter durch Bayern fahren und nicht einmal wissen, was hinter der nächsten Kurve auftaucht: Felder, Wälder, Wiesen, vielleicht Hopfen, später schon die ersten Berge. Dann Bad Reichenhall. Dann Salzburg. Und später auf dem Rückweg das Ruhrgebiet, das einen völlig anderen Charme hat als Wälder und Täler und das ich trotzdem genauso mag. Ich möchte alles aufsaugen. Weil ich Angst habe, dass sich Dinge verändern. Ich habe keine Angst davor, dass Menschen aus anderen Ländern hier leben, dass Kulturen sich begegnen, sich vermischen oder dass es in Deutschland irgendwann zu wenig helle Haut geben könnte. Ich habe Angst vor einem leeren, starren, kontrollierenden Land. Vor einem Land, in dem Menschen sich nicht mehr frei bewegen, begegnen oder verschieden sein dürfen, besonders wenn sie nicht in ein Normbild passen.
Ohne Menschen und ohne Freiheit ist auch Deutschland nur eine Fläche auf einer Landkarte.
Also fahre ich.
Und ich fahre nicht nur irgendwohin. Ich fahre auch von etwas weg. Die letzten Monate hier am Meer waren wunderschön und turbulent zugleich. Ich bin kaum zur Ruhe gekommen. Richtige Routine konnte sich nicht einpendeln. Und trotzdem ist etwas passiert, worauf ich so lange gehofft habe: Das Meer ist Alltag geworden. Morgens Salzluft riechen. Nachmittags einfach an den Wellen spazieren gehen. Sich über die Lippen lecken und merken: Sie schmecken nach Salz. Das werde ich vermissen.
Aber ich fahre auch von jemandem weg. Vor ein paar Monaten ist ein Mensch in mein Leben geplatzt, der mich komplett durch gewirbelt hat. Es sind erst ein paar Monate. Trotzdem fühlt es sich an, als würden wir uns schon Jahre kennen. Nicht, weil alles perfekt wäre, sondern weil ich mich bei ihm unglaublich schnell zu Hause gefühlt habe. Mein Herr Capybara Schmitt-Beutlin ist ein Traum, von dem ich nicht wusste, dass ich ihn träume. Und genau deshalb gehört auch diese Angst zur Reise. Borderline bedeutet bei mir nicht nur Angst vor fremden Menschen. Es bedeutet auch Verlustangst. Die Angst, wegzufahren. Die Angst, dass jemand nicht mehr da ist, wenn ich zurückkomme. Für viele klingt Vertrauen selbstverständlich. Für mich ist Vertrauen oft eine bewusste Entscheidung gegen die Angst. Ich steige morgen in den Zug und vertraue darauf, dass der Mensch, von dem ich mich verabschiede, auch noch da ist, wenn ich wiederkomme.
Ich verrate euch kein großes Geheimnis, wenn ich zugebe: Ich werde morgen und übermorgen Beklemmungen haben. Ich werde schwitzen. Ich werde mich schämen. Ich werde Situationen erleben, von denen ich jetzt schon weiß, dass sie unangenehm werden.
Und deshalb fahre ich jetzt los. Mit Angst. Mit Vorfreude. Mit vier Menschen an vier Orten. Und mit dem festen Vorsatz, jeden Kilometer bewusst mitzunehmen.
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