336 Der Angst zum Trotz VI - Von den Alpen bis zum Wattenmeer

23.09.2026, 04:47 Uhr 

Ich verlasse die Wohnung von Michi, laufe mit viel zu viel Gepäck durch die Dunkelheit Richtung Bahnhof, weil die ganze Nacht immer wieder einen Satz im Kopf hatte:

„Ich will heim.“

Eigentlich wäre ich bis Freitag geblieben. Stattdessen sitze ich gleich fast 18 Stunden in Regionalbahnen und einem Bus, aus Österreich raus und einmal quer durch Deutschland bis nach Wilhelmshaven.

Das hier ist keine Urlaubsrückfahrt. Es ist eine Heimkehr.

Ich habe mir bei der Wanderung zur Alm (Schön schön schön - Das mache ich nie wieder) zu viel zugetraut, aber dadurch wurde mir noch klarer, dass ich mir insgesamt in den letzten Monaten zu viel vorgenommen hatte: zwei Umzüge, Hamburg, Wangerooge, Langeoog, Harz, Franken, Österreich. Seit Mai wohne ich in Wilhelmshaven und war gefühlt ständig woanders. Jetzt möchte ich zum ersten Mal dort einen Alltag anfangen.

Die Challenge beginnt also heute: „Von den Alpen bis zum Wattenmeer“. Mal sehen, ob ich alle Umstiege meistere oder doch irgendwann in einem Flixbus übernachte.



Der Freilassing-Zwischenfall

23.09.2026, etwa 07:30 Uhr,

Der erste große Stress der Challenge.

Ich tapste verwirrt durch den Nightjet Richtung München, als die Schaffnerin mich anhielt und viel zu komplizierte Sachen für meinen müden, heimwehgeplagten Kopf erzählte. Sie meinte sie müsse mit mir zu ihrem Chef. Während wir gingen tauchte eine geisterhafte Erinnerung daran auf was Michi mal über die Heimfahrt gesagt hatte… Aber ich bekam es nicht mehr zusammen.

Ihr Chef wollte das Ticket sehen und erklärte mir schließlich, dass mein Deutschlandticket in diesem Zug nicht gilt. Ich musste in Freilassing aussteigen.

Hätte ich das vorher gewusst, wäre ich schon in Vöcklabruck oder spätestens in Salzburg in einen Regionalzug nach Freilassing gestiegen. Stattdessen stand ich plötzlich auf einem Bahnhof, auf dem ich überhaupt nicht stehen wollte.

Der Chef war etwas unnötig unfreundlich. Die Schaffnerin daneben war dagegen menschlich. Sie fragte noch:

„Und wann fährt der nächste Zug?“

Ich: „In zwei Stunden.“

Sie: „Oh.“ es klang tatsächlich empatisch.

Das „Oh“ war das Mitfühlendste an dieser ganzen Aktion.

In Freilassing auch noch jede Menge Polizeibeamte in den Zug und standen mir beim Aussteigen ehrlich gesagt banal im Weg, aber ich fragte nett und sie machten mir Platz. Ich hatte überhaupt nicht mehr daran gedacht, dass Freilassing ein Grenzbahnhof ist. So selbstverständlich ist ein vereintes Europa für mich inzwischen geworden.

Die gute Nachricht: Die Mission lebt. Neue Route gefunden, nur 30 Minuten später, durch Anzeigen-Watching. Die Bahnapp hatte diesen Zug verschwiegen. Weiter geht's.

Auch wenn mir die Gegend hier unten selbst beim Bahnfahren zeigt, dass ich hier nicht hergehöre.


Wikingerüberfall auf den RE5

23.09.2026, 08:25 Uhr. Freilassing

Gerade ist eine Gruppe Skandinavier eingestiegen. Oder na ja... haben zum Angriff auf den Zug gerufen.

Einer hielt die Tür auf und brüllte ohrenbetäubende Wikingerlaute nach draußen. Sekunden später kamen drei weitere Gestalten mit Vollspeed angerannt und brüllten genauso zurück.

Rennen und Brüllen. Beides auf Maximalleistung. Das klang sehr… beeindruckend.

Dann nahmen sie dieses Langschiff... äh, den RE5 in Besitz.

Ich weiß nicht, was sie gerufen haben. Es klang aber deutlich mehr nach „RAGNARØØØK!“ als nach „Bettina, schnell.“ oder „Halt die Tür auf, Carsten!“

Das Schönste an der Szene kam allerdings direkt danach.

Kaum waren die Wikinger an Bord, verwandelten sie sich augenblicklich in ganz normale Fahrgäste. Eben noch Götterdämmerung auf dem Bahnsteig, zwei Sekunden später der universelle Blick aller Bahnreisenden:

„Ist da vorne noch ein Vierer frei?“

Ragnarök war beendet. Das Langschiff wurde zum Regionalexpress, und die Walküren suchten schweigend (wenn auch beeindruckend wenig außer Atem) einen Sitzplatz.

Verspätung durch den Wikingerüberfall: 3 Minuten.


73 Minuten Nürnberg Cousine

12:58 Uhr - 14:11 Uhr, 23.09.2026

Ich hatte 73 Minuten Aufenthalt in Nürnberg.

In jedem normalen Reiseplan wäre das einfach „lange Umsteigezeit“. Aber ich hab in Nürnberg eine wunderbare Cousine, die spontan auf meine auf den Anrufbeantworter gequatschte Nachricht zum Hauptbahnhof kam.

Ich traf sie an der Information in der Mittelhalle. Wir hatten uns seit ein paar Jahren nicht gesehen, und trotzdem war nach wenigen Sekunden alles wieder erstaunlich vertraut.

Ich fragte sie, ob sie irgendwohin möchte. Sie schaute mich mit diesem Blick an, den nur Menschen beherrschen, die seit Jahrzehnten überzeugt sind, dass es den perfekt unperfekten Ort gibt. „Na ja… ich würde schon gern zum DB Museum, zu ‚Hildes Backzug‘.“ Acht Minuten einfach. Egal ihre Tipps sind wirklich oft gut. Also marschierten wir los. Mit viel zu viel Gepäck bei mir.

Es gab Cappuccino und ein Nusshörnchen (beides tatsächlich lecker), cooles Ambiente und vor allem Gespräche, die sich gleichzeitig wie „gestern beendet“ und wie „viele Jahre vergangen“ anfühlten.

Sie erzählte von ihrer solidarischen Landwirtschaft, in der sie mitarbeitet. Davon, dass sie bald auf eine Art Studienreise nach Nordmazedonien fährt. Von Büchern, Kultur und Dingen, für die sie sich begeistert. Das Faszinierende daran ist: Sie merkt überhaupt nicht, dass sie dabei wie der Inbegriff eines alternativen Hochkultur-Snobs wirkt. Sie erzählt einfach mit leuchtenden Augen.

Ich kenne sie seit Anfang September 1999.

In all den Jahren hat sich viel verändert. Aber eines nicht: Wenn sie über Dinge spricht, die sie liebt, leuchtet sie.

Irgendwann kamen wir aufs Schreiben.

Ich erzählte ihr, dass Schreiben für mich jeden Tag wertvoll macht. Ich sagte sehr überzeugt, dass ich finde, es würden nicht genug ganz normale Geschichten erzählt, die jedem passieren können. Sie sagte dass ja schon viele Geschichten die Realität spiegeln und als Beispiel wählte sie ausgerechnet ein Buch, dass von drei außergewöhnlich großen Frauen erzählt. Ich schmunzelte und erläuterte warum mein Künstlername „Jemand“ ist.

Ich warf noch mit Joseph Beuys, seinem Satz „Jeder Mensch ist ein Künstler.“ und der Idee der sozialen Plastik um mich.

Sie hörte zu. Dann fragte sie ganz ruhig:

„Wo kann ich deine Texte lesen?“

Ich gab ihr einfach meine Homepage, die nur Leute bekommen, die auch meine Telefonnummer bekommen, dort gibt es keine Werbung, man muss und kann sich nicht anmelden oder liken und kommentieren. Dort findet man einfach etwas unsortiert meine Arbeit: Texte, Bilder, Videos, Reels/Shorts und Streams.

Dann schaute ich auf die Uhr und stellte fest, dass aus einem gemütlichen Wiedersehen plötzlich eine kleine Sporteinheit geworden war (schon wieder, davon hatte ich eigentlich erstmal genug). Also verabschiedete ich mich und lief die acht Minuten wieder zurück zum Bahnhof.

Ich saß schließlich schnaufend im RE29 nach Erfurt und schaute ein letztes Mal durch das Zugfenster auf Nürnberg.

Für einen Umstieg von 73 Minuten war das erstaunlich viel Leben.

Bahntheologie, Kanon der BahnReisenden 📜🚆

Erfurt 23.09.2026, 16:09 Uhr bis der Allgleisige etwas anderes verkündet

Fahrplan und Zeit gerieten in Erfurt aneinander. Bei solcher Häresie muss klar gestellt werden was in solchen Fällen zu tun ist.

Evangelium nach dem DrachenSchaf, Kapitel 1

Daheim kannst du schimpfen wie ein Rohrspatz. Unterwegs huldige dem Bahngott und seiner Heiligen Schrift. Gern auch digital. Aber lästere nicht den Allgleisigen in seinem Gebiete.

Die Zehn Gebote des Allgleisigen Bahngottes (DB)

  1. Du sollst den Fahrplan als Heilige Schrift anerkennen.

  2. Du darfst ihn in Papierform oder digital verehren.

  3. Du sollst die beiden verbotenen Wörter, V..spätung und P..nktlichkeit unterwegs nicht aussprechen.

  4. Du sollst die Anzeigetafel regelmäßig konsultieren.

  5. Du sollst den Gleiswechsel nicht verachten, denn seine Wege sind unergründlich.

  6. Du sollst in Bastionen (genannt auch Bahnhöfe) aufmerksam wandeln.

  7. Du sollst niemals vorzeitig vom Sieg sprechen.

  8. Du sollst bei Scripted Wins (der Folgezug hat massive Beschwerden über die angebliche Uhrzeit) Dankbarkeit zeigen.

  9. Du sollst bei Scripted Deaths (dein Zug verlässt den Bahnhof mit großen Differenzen mit dem Raum-Zeit-Kontinuum) den Questlog aktualisieren.

  10. Daheim darfst du schimpfen wie ein Rohrspatz. Unterwegs nicht.

Wenn ein Anschluss gelingt, obwohl er eigentlich nicht gelingen dürfe sagst du:

„Die Zeit kapituliert vor dem heiligen Fahrplan, DB-Navigator sei ihr Name.“

Wenn Zeit und Schrift voneinander abweichen:

„Der Fahrplan besitzt mehr Dogmatic Power als die profane Raum-Zeit.“


Schweigendes Leiden ab hier... im Schienenersatzverkehr von Oldenburg nach Wilhelmshaven wurden am 24.09.2026 um 00:43 Uhr dann nur noch folgende tiefgreifende Worte notiert:

Es war: das war irrer Shit 17 h geplant 20 h gebraucht

Anne du bist durchgeknallte Möwe, aber Hut ab

mehr sobald ich wieder denken kann



Seit dem befindet sich die Möwe, auch Drachenschaf, Jemand oder Anne genannt im Wiederaufbaumodus und wird bald mit geballten neuen Kräften wieder los schreiben.


Kommentare

Beliebte Posts aus diesem Blog

331 Der Angst zum Trotz

334 Der Angst zum Trotz IV - Das Abenteuer geht weiter

Kapitel 5 Kaputt geliefert. Trotzdem geblieben.