337 Der Angst zum Trotz - Epilog - Nervig nervig nervig. Das übe ich noch.

Jede Reise macht etwas mit mir. Jede hinterlässt Erinnerungen. Manche bringen neue Menschen in mein Leben. Manche zeigen mir etwas über mich selbst. Diese Reise brachte vieles mit sich.

Ich bin gar nicht wegen der Berge 2 Tage lang gen Süden gefahren. Es war um einer Freundin in einer schweren Zeit beizustehen. Während dieser Reise ist mir eine Sache über mich selbst klar geworden, eine Hoffnung wurde zerstört und am Ende konnte ich doch auf mich stolz sein.

1. Echte Begegnungen

Ich habe in den letzten Monaten geglaubt, vielleicht hätte sich etwas an mir verändert. Nicht, dass ich klüger geworden wäre. Sondern dass ich Menschen inzwischen eher neugierig auf das machen kann was ich kann und weiß. Weil Herrn Capybara Schmitt-Beutlin sogar dann meine Meinung zählt, wenn Dinge mal schwierig, kompliziert oder stressig sind.

Ich liebe es Menschen zu treffen, die sich auf mich freuen, die gern mit mir reden. Für solche echten Begegnungen bin ich bereit einen 3h Umweg in mein Heimatdorf zu fahren, um bei meiner Mutter zu übernachten. Oder sehr spontan 1,5 h nach Salzburg zurück, für 2 h mit meinem Bruder. Oder 73 Minuten Aufenthalt in Nürnberg für einen Turbobesuch bei meiner Cousine zu nutzen. Oder eben 900 km Regionalbahn und Bus zu fahren um eine Freundin zu treffen, die eine miese Zeit durchmacht.

Die echten Begegnungen schreiben für mich die „Lore“ (wörtlich Überlieferung, in Computerspielen die Hintergrundgeschichte) einer Freundschaft, Verwandtschaft, Partnerschaft.

Allerdings sehe ich wenig Bewandnis darin Zeit und Mühe aufzuwenden dort hin zu fahren, oder dort zu bleiben, wo mein Aufenthalt egal ist, nicht erwünscht ist, oder ich gar störe. Das wurde mir deutlich bewusst auf dieser Reise. 

2. Die sportliche Hoffnung

Eine Wanderung zu einer Alm stand an. 613 Höhenmeter. Kinder, Rentner und Sonntagsausflügler liefen den Weg hoch... Und ich: Schön schön schön - Das mache ich nie wieder 

Ich habe unterwegs meinen Stolz verloren. Ich habe meinen Rucksack abgegeben. Ich habe gedacht: Das kann doch nicht wahr sein. Ich war überzeugt, ich wäre inzwischen deutlich fitter geworden. Und dann hat mich dieser Gang zu einer Almhütte komplett zerstört. Die Landschaft war atemberaubend, die Alm wunderschön, die Menschen dort herzlich. Das alles stimmt. Aber der Weg dorthin war eine komplette Demontage meines Bildes von meiner körperlichen Fitness.

Die Hoffnung, schon eine gewisse Leistungsfähigkeit aufgebaut zu haben, ist dort oben gestorben. 

3. Wiederaufbau des Stolzes

Und dann kam die Rückfahrt.

Die endgültige Entscheidung zu fahren fiel nachts. Ich lag wach und wälzte Gedanken, ordnete Gefühle ein. Mein mehrfach verletzter Stolz wimmerte nach Heilung. Mein Heimweh brüllte, meine Sehnsucht danach mir in Wilhelmshaven endlich einen Alltag aufzubauen schrie. Doch der Weg nach Hause wäre mit  dem D-Ticket laut Bahn-App mit 9 Umstiegen verbunden, wenn alles regulär laufen würde. Die Geduld den Heimweg wieder mit einer Übernachtung zu teilen fehlte mir komplett. Ich wusste nicht ob ich das schaffen kann. Stundenlang habe ich Zugverbindungen gesucht, FlixBus-Kombinationen verworfen, ICE-Ausnahmen geprüft, gezweifelt wie ich das schaffen soll und irgendwann gedacht: Scheiß drauf! Deutschlandticket only! 17 Stunden! Schon das klang grauenhaft. Am Ende wurden es über 20 Stunden und 11 Umstiege!

Zwei Großstörungen mit Umleitungen und nicht geplanten Umstiegen... irgendwo am Attersee in Österreich gestartet und bis an die Nordseeküste gefahren, nur Bus und Regionalbahn, sogar noch einen IC als Bonus eingesammelt, weil der Zug wegen einer Großstörung für D-Ticket freigegeben wurde... Und ich habe durchgehalten!

Früher hätten mich deutlich kleinere Bahnfahrten an meine Grenzen gebracht. Ich musste mir das über Jahre erarbeiten. Normalerweise würde ich unterwegs ausrasten, zusammenklappen, aufgeben. Diesmal bin ich einfach in meinem Schlicktown angekommen, der schönsten hässlichen Stadt, die ich kenne. Ich war endlos müde und kaputt, aber ich war da. Und schon im Bus von Oldenburg bis WHV (natürlich Schienenersatzverkehr) habe ich meinen Stolz wiedergefunden. Nicht den Stolz auf meinen Körper. Sondern den Stolz auf meine psychische Ausdauer.

Ich kann vielleicht keinen kleinen Berg hochgehen, ohne völlig einzubrechen. Aber ich kann eine absurde D-Ticket-Reise quer durch Deutschland überstehen. Ich kann Chaos aushalten, warten, improvisieren... Ich kann zwanzig Stunden unterwegs sein und trotzdem am Ende meinen Capybara in den Arm nehmen (Danke für das Sandwich und den Milchshake zur Begrüßung, ein schöneres Hobbit-Ich-liebe-dich-Begrüßungsgeschenk kann ich mir nicht denken)

Darauf bin ich stolz:

Nach dem mich die Reise ihn verschiedener Hinsicht eher resigniert zurückgelassen hat, habe ich mich meinen Ängsten gestellt und von ihnen nicht aufhalten lassen. 

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