335 Der Angst zum Trotz V - Schön schön schön - Das mach ich nie wieder
Ich bin wirklich auf einer Alm. Mehr noch, ich habe hier übernachtet. Jetzt war ich eben pinkeln und habe kurz aus der Hintertür fotografiert. Es regnet. Das macht das Bild fast mystisch.
| Schafberg in der ersten Dämmerung |
Dann hat mein herzallerliebster Herr Schmitt-Beutlin mir wegen meines Jammerns über den Weg hier „Fenster zum Berg“ von Blumentopf empfohlen und die Erinnerungen wurden wieder ausgerollt.
Des Hobbits kurze, dicke Beine haben ihn den Spinnenpass nach oben getragen. Es fing in Unterach idyllisch an:
Ich habe mich überschätzt. Diese Quest war zu groß. Michi übernahm die Rollen von Sam, Gandalf und Streicher gleichzeitig. Sie war Wegfinder, Motivator und trug die letzte Strecke sogar mein Gepäck.
Meine Würde und meinen Stolz musste ich auf dem Weg auf die Alm ablegen.
| Einziges Foto meines treuen Stabs, episch, crafted by Michi |
Die Würde gleich am Anfang, als der Weg ein paar Kilometer über einen quasi nicht mehr erkennbaren Pfad quer durch einen Wald führte. Einmal ging es einen kleinen Abhang hinunter. Ich entschied mich, auf dem Popo runterzurutschen, weil ich mir nicht zutraute, auf den Füßen heil unten anzukommen. Mit dem „dreggische Bobbes“ war an Würde nicht mehr zu denken.
In diesem Streckenabschnitt habe ich gejammert, sobald ich die Luft dazu hatte, was mich fast noch mehr Stolz kostete als das abgegebene Gepäck.
Der Moment, in dem mir bewusst wurde, dass ich mich überschätzt hatte, kam nicht plötzlich. Er kam in diesen Serpentinen. Jede zweite Kehre musste ich stehen bleiben. Erst zum Atmen. Dann als Kinder und alte Leute auf diesem Pfad an mir vorbei gingen, blieb ich stehen, um mir einzugestehen:
„Ich hätte das nicht tun sollen. Ich habe in diesem Hang nichts verloren.“
Die Serpentinen hatten noch eine besondere Grausamkeit. Ich saß zwischendurch völlig entkräftet am Wegesrand. Da begann der gut gemeinte Satz des Tages: „Es ist nicht mehr weit.“ Der erste Mensch sagte es. Ich schöpfte Hoffnung. Der zweite sagte es, allerdings einige Kehren weiter oben. Ich begann zu zweifeln. Der dritte sagte es. Ich schaute nach oben und konnte Menschen sehen, die immer noch weiter oben liefen. Der vierte sagte es. Spätestens da fühlte es sich an wie organisierte psychologische Kriegsführung.
„Es ist nicht mehr weit“ ist auf einem Berg ein erstaunlich dehnbarer Begriff. Wenn du fit bist, sind 10 solcher Kehren wahrscheinlich nichts.
Für mich Hobbit klang „nicht mehr weit“ wie Hohn.
Selbst Michi hat später gemeint, dass sie immer Angst hatte, dass jemand wieder: „Es ist nicht mehr weit.“ sagt, weil sie gemerkt hatte, was das mit mir macht.
Hinter der letzten Kuppe stand eine Bank.
| Schafberg und Spinnerin |
Ich ließ mich darauf fallen und in meinem Kopf waren zwei Sätze:
„Es ist schmerzhaft schön hier.“ (das Wort „schön“ sagte der DrachenSchaf-Hobbit dann so oft, dass es zum Sprichwort wurde)
Ein paar Atemzüge später folgte der zweite Gedanke.
„Das mache ich nie wieder.“
Als Gipfel der Schande muss ich gestehen, dass ich zum Einzug in die Alm den eigenen Rucksack wieder übernahm, um in schönster (schön schön schön) Posermanier mir nicht die Blöße zu geben, dass ich ein gutes Stück ohne Gepäck hochgegangen war.
| Igor |
Obwohl der törichte Hobbit hier vielleicht bald einen Wetteinsatz einzutreiben hat.
Da kam gestern so: Wir saßen mit drei der Kellnerinnen und dem Freund der einen noch zusammen am Tisch, nachdem die Gaststätte geschlossen war. Ich habe dann in die Runde gefragt, ob jemand eine Kinoempfehlung hat, weil sie alle von Kino geredet haben.
H., die in der Küche arbeitet und außerhalb davon nur barfuß zu sehen war, hat äußerst begeistert „Die Odyssee“ empfohlen. Ich habe im Netz bisher nur Schlechtes darüber gehört, aber gesagt: „Gut, ich schau ob er bei uns läuft und wenn schau ich ihn mir an. Aber wenn er schlecht war, dann schuldest du mir was.“
Sie: „Eine Brotzeit aufs Haus.“
Ich: „Abgemacht.“
Wegen einer Brotzeit noch mal hier hoch? Nein!
Tatsächlich hatte sie überzeugend von diesem Film geschwärmt, über den das ganze Internet meist nur Witze macht. So sehr, dass meine Freude an begeisterungsfähigen Menschen, wie sie einer ist, mich wieder hier her locken könnte. Sie und die anderen drei sind Gründe, hier noch einmal hochzugehen.
Der Berg ist unglaublich schön (schön schön schön). Der Blick auf die Seen vom Weg aus tut fast weh vor Schönheit. Aber diese vier Menschen sind herrlich wohltuend in ihrer so selbstverständlich wirkenden Ehrlichkeit und Offenheit.
Zwei von ihnen sind aus der Oberpfalz und zur Saison hier: R. und C.. Ich dachte erst sie wären Schwestern, sind aber gute Freundinnen.
Dann noch J., der Freund von R.. J. ist ruhig. Aber wenn er etwas sagt, dann ist es lustig und passend. R. und er scheinen sehr verliebt zu sein.
R. hat eine Lache, die die Hütte beben lässt und super ansteckend ist. Einer dieser Menschen, die jeder vernünftige Mensch zum Lachen bringen will.
C. hat so eine warme Intelligenz, wenn sie redet. Sie spricht ruhig und überlegt und ich schweige konzentriert, um kein Wort zu verpassen.
Wir saßen gestern noch bis 23:30 Uhr mit den Angestellten der Hütte zusammen und redeten. Aus einem Abendessen wurde einfach ein langer Tisch voller Themen: Kino, Bücher, Franken, Oberpfalz und Bayern. Wobei wir beschlossen haben, dass Bayern eigentlich die Unterpfalz ist (Michi hat es nicht mitbeschlossen, aber ich glaube wir haben sie nicht gefragt, weil sie ja eigentlich aus Bayern ist… Oder wie sie später differenzierte aus Niederbayern und gern Bayern vereinen würde. Ob die Franken überhaupt Interesse an so einer Vereinigung hätten bleibt fraglich). Wir redeten über dumme Menschen, sogar darüber wie schräg Pornokinos sind, über das Arbeiten in der Gastronomie, in der außer mir alle Erfahrung haben, über Sucht, über Steuern und Bürokratie, über Hobbits auf dem Spinnenpass und über alles Mögliche.
Heute sollten übrigens „die Adler kommen“. Michi ist zwar nicht wirklich Gandalf, aber sie hat am Donnerstag eine Schnake in der hohlen Hand gefangen und nach draußen gebracht.
Das war wie die Szene aus Herr der Ringe, in der Gandalf auf Isengards Plattform mit der Motte spricht und ihr die Botschaft mitgibt, die Adler zu holen.
C. möchte gern Adler. Michi sagt, sie habe nach Lämmergeiern gefragt. Die Chance ist winzig. Aber nicht null. Seitdem bin ich gespannt, ob ich je einen dieser riesigen Vögel zu Gesicht bekomme.
| Kienberghütte - Eisenaueralm |
Aber scheinbar muss der Hobbit denselben Weg ohne Adler wieder runter. Ich meldete vorsorglich Bedenken wegen meiner Höhenangst an.
Michi meinte nur: „Der Weg ist gar nicht so schlimm.“
Das dachten Luke Skywalker auch.
Und Palpatine.
Und Han Solo.
Geländer würden den Weg erleichtern.
Sie versteht nicht, dass die Schmach gestern nicht daran lag, dass der Weg schwer wäre. Sondern das ich fast zerbrochen wäre an einem T2 Weg, den Rentner als Sonntagsausflug wandern.
Meine fehlende Fitness war die Niederlage.
Aber nach dem schönen (schön schön schön) Abend mit Leberknödelsuppe, Brettl-Jausen und Linzer Kuchen und dem Morgen mit Kaffee mit leckerem Schmalzbrot (Grieben heißen hier Grammeln übrigens), ging es wieder nach unten.
P.S.: Auf den Schafberg fährt vom Wolfgangsee eine Zahnradbahn zum Hotel auf 1783 m. Ob ob ich mich dafür schäme oder darauf stolz bin die andere Seite gewählt zu haben… das sage ich euch wenn alles etwas eingesickert ist.
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