332 Der Angst zum Trotz II - Wagner wir kommen

 16.09.2026 Es beginnt


Der Morgen vor der Abfahrt war viel ruhiger, als ich gedacht hatte. Herr Schmitt-Beutlin muss selbst früh arbeiten, wäre aber eigentlich „erst“ gegen 4:40 Uhr aufgestanden. Stattdessen ist er um 3 Uhr mit mir aufgestanden, hat Kaffee gemacht und mir sogar noch eine kleine Schale Müsli gemacht, während ich im Bad war. Danach sind wir gemeinsam noch einmal alles durchgegangen: Habe ich wirklich alles dabei? Akkuladegerät, Wanderschuhe, Energy für Zwischendurch? Taschentücher? (Ich bin ja kein Beutlin, der ohne Taschentuch in sein größtes Abenteuer zieht). Es war so ein fürsorglicher Abschied, bei dem man merkt, dass jemand möchte, dass es einem unterwegs gut geht.


Wegzugehen fiel mir dadurch natürlich nur schwerer. Aber ich bin wie immer viel zu früh am Bahnhof gewesen. Das ist eine meiner Macken: Lieber zwanzig Minuten zu früh als zwei Minuten zu spät.


Aber noch etwas ist anders als sonst: Ich habe so viel Gepäck dabei wie wahrscheinlich noch nie. Normalerweise reise ich erstaunlich spartanisch. Diesmal habe ich alles durchdacht, geplant und eingepackt, weil an Anfang und Ende dieser Reise Leute sitzen die sich sonst Sorgen machen.




Während ich diesen Text getippt habe, ist der Zug eingefahren.


Und die Reise beginnt 



Start in die Reiseplaylist


16.09.2026 06:08 Uhr

Vor zwei Wochen habe ich J.J. Cale erst kennengelernt. Mit Call Me the Breeze hat er sich vorgestellt. Und seitdem habe ich dieses seltsame Gefühl: Ich habe festgestellt, dass er gefehlt hatte, als ich ihn noch nicht kannte. Seit dem bekomme ich nicht genug von ihm.

Das ist wie bei meinem Herr Beutlin-Schmitt… da kommt jemand und du weißt plötzlich: Ja, genau das hat immer gefehlt.


Wie ich in Wilhelmshaven gelandet bin

16.09.2026 08:51 Uhr

Eigentlich ist das Münsterland schuld, dass ich heute in Wilhelmshaven wohne, obwohl ich ja erst „wenn ich alt bin“ ans Meer ziehen wollte:

Aschaffenburg war zu teuer. Das Rheintal war zu teuer. Nürnberg ebenfalls. Im Ruhrgebiet habe ich nichts gefunden. Also habe ich mir irgendwann eine ganz einfache Frage gestellt: Wo ist es auch schön?

Ich durchsuchte meine Erinnerung und diese führte meinen Finger auf der Karte zur Landschaft rund um Münster.

Dann kam die nächste Frage: Wo wohnt man verkehrsgünstig?

Also habe ich Bahnlinien verfolgt.

Und eine endete in Wilhelmshaven.

Mein Hirn rastete ein:

„Ich könnte in Wilhelmshaven wohnen. Am Meer. Wo Möwen und Wellen eine beinahe legolasmäßige Sehnsucht in mir geweckt haben. Der Südstrand, die Klinkerexplosion, die Kaiser-Wilhelm-Brücke, die Häfen… ich könnte in Wilhelmshaven wohnen.“

So ist die Schönheit des Münsterlands schuld daran, das Schlicktown meine Base wurde.


Verlust auf der Reise

16.09.2026 10:09 Uhr


In tiefer Trauer nehmen wir Abschied von einem Hosenträgerverstellerdings.

Es hielt tapfer die Hose an Ort und Stelle. Wenn auch nicht besonders lange.

🛒 Gekauft bei einem offensichtlich unzuverlässigen Onlinehändler am 07.09.2026

☠️ Verstorben zwischen Schwerte und Köln am 16.09.2026

Die Beisetzung erfolgte vermutlich beim Toilettengang im RE7.

Es hinterlässt einen zu lockeren rechten Hosenträger und einen etwas ratlosen Besitzer.

Ich wünschte du wärst länger bei mir geblieben. 💧


Wagner wir kommen

16.09.2026 11:22 Uhr

Wir sind druchs Münsterland durch, wir haben den Ruhrpott durchquert. Die Haltestellen der beiden letzten Züge lesen sich für mich wie real existierendene Nachkriegsgeschichte und Mythen zugleich.












Dann in Köln über die Hohenzollernbrücke… hier sollte laut Zugabfahrtschätzungsapplikation (von manchen schnöde Bahnapp genannt) eigentlich nicht mehr der von mir gewählte Zug erreichbar sein. Aber die wundersamen Irrungen des Bahngotts haben den ursprünglichen Plan nun doch wieder gewährt.



Die Rheintal-Etappe beginnt nun und bald Niebelungenland.

Vor Koblenz gibt es noch eine musikalische Zwischenstation: Lonely Boy von The Black Keys. Das ist keine Musik zum Nachdenken, sondern Musik, die einen Zug und die Gedanken anschiebt. Der Rhythmus hat etwas von Stahlrädern auf Schienen: tak-tak, tak-tak, tak-tak.

Der Plan steht also fest: Bis Koblenz Bluesrock, Americana und Fensterguckmusik. Ab Koblenz, das wie ein eifersüchtiger Drache den Eingang zum Niebelungenland bewacht, gehört der Rhein den Walküren. Götterdämmerung naht!

Wagner, wir kommen mit mindestens 2000 pummeligen Ponys unter der Haube der Regionalbahn… bis dahin:

Tony Joe White - Homemade Ice Cream

Mark Knopfler - Boom, like that

Calvin Russel - A Crack in Time

J. J. Cale - After Midnight

Dire Straits - Water of Love

Dire Straits - Once Upon a Time in the West

Neil Young - Harvest Moon

Cream - White Room





Brohl macht Vorankündigungen


Lynyrd Skynyrd - Simple Man

Paul Simon - Graceland

Jim Croce - I got a Name





Ehrenbreitstein, der wachende Drache


Erst den Passagierwahnsinn am Hauptbahnhof meistern...

Nun donnern wir los. Schwerter 🗡️, äh Handys gezückt und auf!

Jetzt in voller Lautstärke auf die Ohren (2x hören, solange dauert die Fahrt bis zur Loreley etwa):

2x Die Walküre, WWV 86B: Walkürenritt, Richard Wagner



















Carmina Burana: O Fortuna, Carl Orff

"Was ist das? Warum fotografierst du hier wie verrückt?"

"Deutschlands berühmtester Fels! 🪨"

"Ok…"

"Ja, da saß in der Mythologie ne Frau, hat sich die Haare gekämmt und dann sind Schiffe gegen den Fels gefahren. Oder so ähnlich…"

"Ok, deutsche Sirene?"

"Sie singt nicht, sie kämmt."

"Ok… hübscher Fels."

Romeo and Juliet, Op. 64 / Act 1: Dance Of The Knights, Sergei Prokofiev

Der Rhein braucht eigentlich gar keine Mythologie. Er ist auch ohne Walküren und Loreley groß genug.

Seit über zweitausend Jahren ist dieses Tal eine der wichtigsten Verkehrs- und Handelsstraßen Europas. Römer, Händler, Pilger, Flößer, Winzer, Soldaten, Züge und heute endlose Ketten aus Güterschiffen teilen sich denselben Fluss. Holz wurde hier geflößt, Wein verschifft, Erz, Kohle, Stahl und heute Container transportiert. Der Rhein verbindet Nordsee und Alpenraum, Städte und Dörfer, Vergangenheit und Gegenwart.


Oder waren es doch nicht die Haare, die Schiffe zerschellen ließen?



Vielleicht gefallen mir deshalb die Fotos so. Zwischen den Burgen stehen Kirchtürme und Wohnhäuser. Neben den Weinbergen fahren Schubverbände, auf den Gleisen rollen Container- und Rungenwagen. Das ist keine Postkartenkulisse, sondern Alltag. Ein Fluss, an dem Menschen leben, arbeiten, pendeln und seit Jahrhunderten unterwegs sind.

Und hier nach Mainz ist das Wasser des Mains auch schon im Rhein.

Wenige Stunden später landet dieses Wasser in der Nordsee. Die beiden Landschaften, die sich für mich inzwischen wie Heimat anfühlen, sind durch genau diesen Fluss miteinander verbunden.

Bach: Toccata d-moll BWV 565, Conrad Zwicky

Dann läutet Bingen, in dem ich 5 Jahre während meines Studiums gewohnt habe, das Ende der schönsten Teilstrecke meiner Fahrt ein. Bald wechsle ich in Mainz von Rhein zu Main und bin also fast schon in der alten Heimat.

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