330 Tante Anne, warum hattest du so viel Angst?

 Dieses Wochenende war wunderschön.

Wir sind nach Bourtange in den Niederlanden gefahren. Eine gute Stunde mit dem Auto, über die Grenze, durch ein anderes Land, um einen Ort anzuschauen, weil Sonntag war, weil Kaffee alle war und um leckeres Essen mitzunehmen. Den Rest des Wochenendes davor und danach haben wir gekuschelt, gekocht, Serien geschaut und Herr der Ringe gezockt. Es war eines dieser Wochenenden, bei denen ich dauernd denke: Genau so soll mein Leben sein.

Aber es war Sonntag 06.09.2026, Wahltag in Sachsen-Anhalt.

Ich habe die Ergebnisse absichtlich nicht am Abend angeschaut. Hochrechnungen sind sonntags oft noch unruhig, und ich wollte mir diesen Tag auch einfach nicht kaputtmachen.

Heute Morgen habe ich nachgesehen: Weit über 43 Prozent für die AfD. Und seitdem geht mir nur ein einziger Satz durch den Kopf.

Noch nie in meinem Leben habe ich mir so sehr gewünscht, Unrecht zu haben.

Ich habe wirklich gern Recht, manche Menschen definieren sich über Aussehen, Erfolg, Kinder, Haus oder ihr Ansehen. Ich definiere mich übers Denken. Und wenn ich Recht habe ist das eine Genugtuung für mich.

Aber diesmal wünsche ich mir nichts sehnlicher, als dass ich komplett falsch liege. Mehr noch, ich wünsche mir, dass meine heutige Angst irgendwann lächerlich wirkt. Einfach weil niemand mehr begreifen kann, wie man überhaupt auf diese Gedanken kommen konnte.

Denn ich habe Angst. Nicht erst seit heute Morgen. Die Wahl in Sachsen-Anhalt hat meiner Angst nur eine Zahl gegeben, aber sie lebt schon Jahre in mir.

Seit mindestens 10 Jahren passiert mir etwas Merkwürdiges zunehmend häufiger:

Ich mache ganz normale Dinge. Ich laufe durch meine Stadt. Ich fahre Bus. Ich sehe Menschen in Autos, Menschen auf Fahrrädern, Rentner mit Hunden, Jugendliche mit Rucksäcken auf dem Weg zur Schule. Leute eben. Die Stadt ist friedlich. Ein bisschen bieder vielleicht. So wie viele deutsche Städte eben sind.

Und plötzlich frage ich mich:

Was würde aus genau dieser Straße werden, wenn meine schlimmsten Befürchtungen wahr würden?

Wenn Krieg in Deutschland wäre und/oder wenn Deutschland autoritär beherrscht würde. Nicht theoretisch. Ganz praktisch.

Würde hier kontrolliert werden, wer überhaupt durch diese Straße laufen darf?

Würde jemand entscheiden, wo man arbeiten muss?

Würde jemand entscheiden, wo Menschen wohnen dürfen?

Würde jemand entscheiden, wen Menschen lieben dürfen?

Würde jemand entscheiden, dass Menschen einfach weil sie nichts ins "Stadtbild" passen das Land verlassen müssen?

Würde jemand entscheiden, wer es wert ist zu leben?

Ich sehe diese ganz normalen Menschen. Und ich frage mich, wie sehr sich ihr ganz normales Leben verändern würde. Das ist die Zukunft, vor der ich Angst habe. Ich habe Angst vor einem autoritären Staat. Ich habe Angst vor einer Zukunft, in der das Wohl des Staates wichtiger wird als das Wohl seiner Bürger. Vor einem Staat, der gar nicht mehr fragt: Was schützt den Menschen? Sondern nur noch: Was nützt dem Staat? Ich habe Angst vor einem Staat, der über das Leben seiner Bürger verfügen darf.

Menschen haben unter solchen Staaten gelebt. Unter nationalsozialistischen Regimen. Unter stalinistischen Regimen. Unter Militärdiktaturen. Unter absolutistischen Monarchien. Unter vielen autoritären Systemen dieser Welt. Mich erschreckt nicht nur, dass es so etwas gegeben hat und nicht mal, dass es so was in Teilen noch gibt.

Mich erschreckt, dass ich 2026 überhaupt darüber nachdenke, ob so etwas irgendwann wieder hier möglich werden könnte. Ich hätte mit 17, also 1999 nie gedacht, dass ich solche Gedanken je haben könnte, dabei war ich damals stark suizidgefährdet.

Denn das Verrückte daran ist: Ich bin gleichzeitig so glücklich wie nie zuvor. Ich bin in diesem Jahr ans Meer gezogen, in die Stadt die mein Traum war seit ich 12 bin. Ich habe mich hier Hals über Kopf verliebt. Ich habe angefangen, Sport zu machen. Ich versuche abzunehmen. Zum ersten Mal seit vielen Jahren habe ich nicht nur keine Suizidgedanken mehr. Ich habe richtig Bock zu leben. Möglichst lange. Eigentlich müsste das die Zeit meines Lebens sein, in der ich voller Vorfreude in die Zukunft schaue.

Stattdessen schaue ich Richtung Zukunft und bekomme Angst. Warum? Weil mein Glück nicht im luftleeren Raum entstanden ist. Es gibt Menschen, die bei Demokratie, Menschenrechten und Rechtsstaat zuerst an Wahlen und Regeln denken. Ich denke zuerst an mein Leben. Ich lebe in einem Staat, in dem ich wohnen darf, wo ich wohnen möchte. Ich lebe in einem Staat, in dem ich lieben darf, wen ich liebe. Ich lebe in einem Staat, in dem Institutionen mich nicht dafür bestrafen dürfen, dass ich bisexuell bin. Nicht dafür, dass ich psychisch krank bin. Nicht dafür, wie viele Sexualpartner ich hatte. Nicht dafür was ich politisch denke.

Menschen dürfen mich dafür verurteilen. Das tut manchmal weh. Aber zwischen einem Menschen, der mich verurteilt, und einem Staat, der mich dafür brandmarkt und nach Gutdünken aussortiert, liegt für mich eine ganze Welt. Der Rechtsstaat verspricht mir nicht, dass alle Menschen nett sind. Er verspricht mir, dass ich dieselben Rechte habe wie alle anderen. Dass staatliche Macht Grenzen hat. Dass ich nicht erst um Erlaubnis bitten muss, ich selbst sein zu dürfen. Und genau das ist für mich Freiheit. Für mich ist das der größte Unterschied zwischen Demokratie und Autoritarismus.

In einer Demokratie gilt im Kern: Ich darf alles tun, was nicht verboten ist.

In einem autoritären Staat verschiebt sich dieser Gedanke: Dann darf ich nur noch das tun, was erlaubt ist.

Das klingt wie ein kleiner sprachlicher Unterschied. Für mich ist es der Unterschied zwischen einem selbst gewählten Leben und einem Leben voller Angst zu den Aussortierten zu gehören.

Das Leben ist schwer genug. Jeder Mensch trägt etwas. Krankheit. Verlust. Einsamkeit. Behinderung. Herkunft. Streit. Misserfolge. Ich brauche nicht auch noch einen Staat, der entscheidet, welche Menschen weniger wert sind als andere. Ich brauche keinen Staat, der aus Eigenschaften eine Schuld macht. Ich brauche einen Staat, der sagt: Vor dem Gesetz seid ihr gleich.

Vielleicht ist genau deshalb meine Angst so groß. Nicht, weil ich sicher sein könnte, dass alles so kommen wird. Sondern weil ich mittlerweile verdammt viel habe, das ich verlieren könnte. Ich wünsche mir so verdammt, dass ich irre.

Ich wünsche mir eine Zukunft, in der meine Nichten und Neffen oder eines ihrer Kinder meine Texte lesen und mich verständnislos anschauen.

Und eines von ihnen fragt:

„Tante Anne, warum hattest du damals so viel Angst?“

Ich antworte:

„Ich hatte Angst, dass die Demokratie zerbrechen könnte. Ich hatte Angst um den Rechtsstaat. Ich hatte Angst um den Frieden in Europa. Ich hatte Angst, dass Freiheit nicht mehr selbstverständlich sein würde.“

Das Kind legt den Kopf schief und sagt zweifelnd: „Das ist doch lächerlich.“

Ich hoffe, dass ein Kind irgendwann wirklich nicht mehr begreifen kann, warum ein erwachsener Mensch einmal Angst vor dem Ende unserer Demokratie hatte.

Ich wünsche mir nicht einfach, Unrecht zu haben. Ich wünsche mir, dass meine Angst so unvorstellbar wird wie eine Geschichte aus einer längst vergangenen Zeit. Dass Kinder in einer Welt aufwachsen, in der sie gar nicht verstehen, wie man sich davor fürchten konnte. Dass Rechtsstaatlichkeit ein langweiliges Kapitel im Sozialkunde/Politikunterricht ist. Dass Demokratie nichts Zerbrechliches mehr ist, sondern Alltag. Dass Frieden in Europa so selbstverständlich erscheint, dass man nicht einmal auf die Idee kommt, ihn verlieren zu können.

Ich wünsche mir, dass sie denken:

Tante Anne ist schräg.

Und ich hoffe, ich kann dann lächeln und sagen:

„Ich hatte noch nie in meinem Leben so gern Unrecht.“

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