329 Nein, Social Media hat die Menschen nicht verändert.
Aber die Menschen sollten Social Media verändern.
Kapitel 1: Der Mensch ist nicht neu.
Ich glaube, wir stellen gerade die falsche Frage.
Immer wieder höre ich Sätze wie: “Social Media hat die Menschen verändert” Oder: “Die jungen Leute sind heute einfach anders.” Ich glaube beides nicht.
Der Mensch, der heute durch Instagram-Reels oder TikTok scrollt, gehört biologisch zu derselben Spezies wie der Mensch, der vor tausenden Jahren in einem jungsteinzeitlichen Dorf gelebt hat. Er hatte eine andere Umgebung, aber die selben Grundbedürfnisse, Emotionen und Sinne.
Menschen wollen schon immer dazugehören, Recht haben, Anerkennung bekommen, wahrgenommen, wertgeschätzt und verstanden werden. Neugier und Abgrenzung gegenüber anderen Gruppen waren wahrscheinlich im Wettstreit miteinander seit es uns als Mensch gibt.
Das Gefühl sich einer Gruppe oder einem höheren Ziel zugehörig zu fühlen ist nicht neu.
Wir haben keine neue Evolutionsstufe erreicht, seit das Smartphone erfunden wurde oder Algorithmen auf Social Media eingeführt wurden. Wir arbeiten bis heute mit demselben Werkzeugkasten.
Das ist wichtig, weil viele Erklärungen genau hier anfangen und deshalb falsch abbiegen. Wenn wir glauben, Menschen seien plötzlich schlechter geworden, suchen wir die Ursache im Menschen. Ich glaube, die Ursache liegt woanders.
Kapitel 2: Das alles gab es schon lange vor dem Internet.
Auch Filterblasen sind keine Erfindung von Social Media. Es gab sie schon immer: Familie, Freundeskreis, Kirchengemeinde, Fußballverein, Firma, Branche, Gewerkschaft, Partei…
Menschen suchen Menschen, die ähnlich denken. Das ist weder gut noch böse. Das ist normal.
Werbung ist uralt. Früher stand der Marktschreier auf dem Marktplatz. Dann kamen Plakate. Zeitungen. Radio. Fernsehen. Werbung versucht seit Jahrhunderten, unsere Aufmerksamkeit zu bekommen.
Politik ist nicht neu. Menschen streiten sich wahrscheinlich seit Beginn der Gründung der ersten größeren Siedlungen darüber, wie Zusammenleben funktionieren soll, vielleicht schon vorher.
Unterschiedliche Weltbilder sind nichts Neues. Zwei Menschen können dasselbe Land sehen und völlig unterschiedliche Vorstellungen davon haben, wie dieses Land sein sollte. Der eine möchte mehr Freiheit. Die andere mehr Sicherheit. Der eine möchte mehr Tradition. Die andere mehr Veränderung.
Das gehört zu einer freien Gesellschaft dazu. Bis hierhin ist eigentlich nichts Besonderes passiert.
Kapitel 3: Social Media hat nichts erfunden. Es hat alles gleichzeitig verstärkt.
Jetzt kommt der Unterschied, denn Social Media hat ja keine neuen Bedürfnisse erschaffen, sondern alte Bedürfnisse in eine Maschine gesteckt, die niemals müde wird. Früher hattest du einen Stammtisch und einen Marktplatz. Heute hast du Millionen. Früher hattest du eine handvoll Fernsehsender. Heute hast du einen Feed, der sich jede Sekunde verändert. Es gibt kein Ende mehr. Du kannst immer weiter scrollen.
Ich glaube deshalb auch nicht an das Bild der Filterblase als Gefängnis. Niemand sperrt uns ein. Die Tür steht offen. Das Problem ist etwas anderes:
Wir schauen nicht mehr alle durch ähnliche Fenster. Was in der Welt geschieht, ist unabhängig von unserer Wahrnehmung. Unsere Feeds sind es nicht. Du bekommst nicht dieselbe Welt wie ich. Du bekommst die Welt, auf die dein bisheriges Verhalten den Algorithmus trainiert hat. Zwei Menschen öffnen morgens dieselbe App. Der eine bekommt fast nur Beiträge über Migration und Kriminalität. Die andere bekommt fast nur Beiträge über Klimawandel und rechte Gewalt. Ab und an bekommen beide einen Beitrag serviert, in dem jemand aus der jeweils anderen politischen Richtung ganz offensichtlich Blödsinn erzählt. Eine kleine Ragebait-Beilage zwischen all dem Selbstbestätigungsfutter. Beide haben das ehrliche Gefühl, sie hätten sich einfach informiert. Tatsächlich haben beide nur einen anderen Ausschnitt derselben Wirklichkeit gesehen. (ich rede hier nicht von Fake-News, das kommt noch obendrauf)
Das Gefährliche daran ist nicht, dass Menschen unterschiedliche Meinungen haben. Die braucht eine Demokratie sogar.
Das Gefährliche ist, dass wir anfangen, unterschiedliche Wirklichkeitsmodelle zu entwickeln, dazu neigen Menschen ja auch ohne algorithmisch gesteuerte Präsentation von “der Welt”. Nicht weil jemand lügt. Sondern weil jeder Feed ausgewählt präsentiert, was die längste Verweildauer und die meiste Interaktion des Users verspricht.
Und genau hier taucht ein Wort auf, das für den ganzen Text wichtig wird:
Anreize.
Der Algorithmus fragt nicht: “Was ist gut für dich oder die Gesellschaft? Was ist eine korrekte Darstellung der Welt?”
Er fragt: “Worauf reagierst du?”
Und damit beginnt die eigentliche Geschichte.
Kapitel 4: Aufmerksamkeit ist die eigentliche Währung.
In Nerdkreisen gibt es seit Jahren einen Satz über die neuen Star-Wars-Filme:
“Disney ist es egal, ob ihr die Filme geliebt oder gehasst habt. Ihr habt sie geschaut.”
Ich weiß nicht einmal, ob dieser Satz jemals von jemandem bei Disney gesagt wurde. Wahrscheinlich nicht. Aber als Beschreibung des Internets trifft er einen wichtigen Punkt.
Der Satz klingt erst mal zynisch. Tatsächlich beschreibt er ein Geschäftsmodell. Wer einen Film liebt, schaut ihn. Wer ihn hasst, schaut ihn oft trotzdem, wenn das Franchise bekannt genug ist, oder der erste Teil ein Hit war. Vielleicht sogar zweimal, damit man bei der Kritik mitreden kann. Dann kommentiert man wütend über den Film… Vielleicht macht man ein TikTok darüber, oder ein Video, oder einen Reddit-Thread… Man lacht über die Memes zum Film und teilt sie… Der Film bekommt Aufmerksamkeit. Und Aufmerksamkeit ist im Internet eine sehr wichtige Währung, Werbekunden lieben Aufmerksamkeit, deshalb auch Plattformgeber.
Was eine Aufmerksamkeitsökonomie so gefährlich macht, ist dass sie nicht zwischen Zustimmung und Empörung unterscheidet. Ein Klick ist ein Klick. Ein Kommentar ist ein Kommentar. Auch ein wütender Kommentar hält Menschen länger auf einer Plattform.
Ich habe genau das selbst gemacht. Ich habe Beiträge angeklickt, weil sie mich aufgeregt haben. Ich habe Menschen widersprochen, die offensichtlich Unsinn erzählt haben. Ich dachte, ich würde das richtige tun. Tatsächlich habe ich oft genau das getan, was der Algorithmus belohnt: Ich habe Aufmerksamkeit gegeben.
Und genau hier wird das Wort Anreiz plötzlich ganz praktisch.
Kapitel 5: Warum zieht es mich rein?
Bevor ich weiterschreibe, muss ich etwas zugeben: Diesen Text schreibt jemand, der mediensüchtig ist.
Das ist kein Etikett, das ich anderen gebe. Das ist eine Beschreibung die ich selbst mir gebe. Ich musste meinen Threads-Account löschen, weil ich gemerkt habe, dass Threads etwas mit mir macht. (Das kann natürlich bei jeder Person anders oder bei einer anderen Plattform der Fall sein.) Ich wollte nur kurz schauen. Ich reagierte auf Menschen, die mich aufregten. Ich diskutierte mit Leuten, die nur provozieren wollten. Ich schenkte meine Aufmerksamkeit immer wieder genau den Beiträgen, von denen ich hoffte es würde sie nicht geben.
Bei YouTube habe ich irgendwann radikal ausgemistet. Autoplay aus. Startseite praktisch ignoriert. Viele Kanäle deabonniert. Das war keine moralische Entscheidung, sondern Selbstschutz.
Und erst dabei habe ich verstanden: Das Problem ist nicht nur mein Stresslevel. Das Problem ist auch, dass ich mit jeder Reaktion mitentscheide, was auf einer Plattform erfolgreich wird. Meine Aufmerksamkeit bleibt nämlich nicht bei mir. Auf vielen Plattformen wird denen die mir folgen angezeigt, womit ich interagiert habe, was ich kommentiert habe oder was mir gefällt… wenn die dann auch kommentieren, dann denen die ihnen folgen… Dadurch landet derselbe Beitrag in immer mehr Feeds. Selbst wenn ich nur eine kleine Reichweite habe, kann ich ohne es zu wollen dabei helfen, dass sich Bullshit oder Ragebait weiter verbreitet.
Mittlerweile klicke ich bei Bullshit und Ragebait auf Ignorieren. Hass und Hetze melde ich. Und wenn jemand “auf einen schlimmen Ragebait-Account aufmerksam macht”, klicke ich auch dieses Profil auf Ignorieren. Diese Accounts sorgen dafür, dass ich ständig wieder in die Versuchung gerate und geben den fragwürdigen Accounts Bekanntheit und Reichweite. Aus dem Grund habe ich auch fast allen Reaction-Kanälen auf YouTube entfolgt.
Aber der wichtigste Schritt war: Was war mein Anreiz dafür? Was gab es mir auf totalen Bullshit zu reagieren?
Ich wusste dass ich Recht habe und der Poster unrecht. Und ich habe verdammt gern Recht. Genau deshalb war Ragebait für mich so gefährlich.
Deshalb fällt es mir langsam leichter mich nicht mehr baiten zu lassen. Threads bleibt weg für mich und YouTube nur in reduzierter Dosis. So versuche ich meinen kontrollierten Social Media Konsum zu managen.
Und ihr so?
Kapitel 6: Nicht böse. Nur voller Anreize.
Aber auch Unternehmen, Parteien, Plattformen usw. werden von Menschen gelenkt und reagieren somit auf Anreize.
Genau deshalb glaube ich, dass die Frage “Wer ist schuld?” oft in die falsche Richtung führt. Interessanter sind die Fragen: Welchen Anreiz hat jemand gerade? Und welchen Anreiz kann der Kunde oder die Gesellschaft geben?
Schauen auf die verschiedenen Beteiligten:
Die Plattform
Eine Plattform hat einen ziemlich einfachen Anreiz: Sie möchte, dass Menschen bleiben.
Je länger wir bleiben, desto öfter sehen wir Werbung. Je öfter wir zurückkommen, desto wertvoller wird die Plattform. Deshalb versucht sie nicht unbedingt, uns glücklich zu machen. Sie versucht, unsere Aufmerksamkeit festzuhalten.
Die Werbekunden
Werbekunden haben einen anderen Anreiz.
Sie wollen, dass möglichst viele Menschen ihre Werbung sehen. Gleichzeitig möchten die meisten Unternehmen nicht neben Gewalt, Pornografie oder Hass erscheinen und Kunden mit möglichst großem Budget anziehen. Ein schlechtes Umfeld schadet ihrem eigenen Image.
Deshalb entsteht plötzlich ein wirtschaftlicher Wert für “werbefreundliche Inhalte”. Nicht unbedingt aus Moral. Sondern weil ein gutes Image Geld wert ist.
Ein kleinerer Teil von ihnen (z.B: manche Alkoholwerbung, bestimmte Handyspiele…) legt weniger Wert auf “werbefreundliche Inhalte”.
Die Politik
Auch Politik braucht Aufmerksamkeit. Eine Partei möchte, dass Menschen ihre Themen sehen. Dass ihre Botschaften geteilt werden. Dass Wähler ihr Kreuz bei ihnen machen.
Social Media hat sich in den letzten Jahren immer mehr auch zum Schauplatz von politischen Auseinandersetzungen entwickelt, weil es schnell Aufmerksamkeit erzeugen kann.
Aktivisten
Und hier gehöre ich selbst mit dazu.
Ich schreibe diesen Text, weil ich ihn wichtig finde. Ich möchte, dass möglichst viele Menschen ihn lesen. Sonst würde ich ihn nicht auf Social Media veröffentlichen.
Fazit:
Ich glaube deshalb nicht, dass Social Media grundsätzlich gut oder böse ist. Das Problem sind auch nicht Algorithmen an sich. Problematisch wird die Kombination aus einem endlosen Feed, der für jeden Menschen individuell zusammengestellt wird. Ein Mensch braucht Gemeinschaft, Anerkennung, Informationen, Debatten usw., aber wir bekommen davon mittlerweile mehr an einem Nachmittag als frühere Generationen vielleicht in Wochen. Ich glaube nicht, dass Homo sapiens für diese Dauerbeschallung gebaut ist. Vielleicht entwickelt sich der Mensch irgendwann weiter. Aber Evolution arbeitet nicht im Takt von Software-Updates. Wahrscheinlich ist es einfacher, Social Media stärker an den Menschen anzupassen, als darauf zu warten, dass sich der Mensch an Social Media anpasst.
Die eigentliche Frage lautet für mich deshalb nicht mehr: Wie verändern soziale Medien den Menschen?
Sondern: Wie müssen soziale Medien aussehen, damit sie besser zum Menschen passen?

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