328 Mittwoch im Kapitalismus

 Es ist Mittwoch.

Ein ganz normaler Mittwoch in Wilhelmshaven.

Ich laufe zum Aldi, kaufe Bananen, Mozzarella. Später gibt es Kaffee mit Rohrzucker. Nichts Besonderes. Mittwoch eben.

Und genau das ist der Punkt.

Ich halte eine Banane in der Hand. Auf dem Aufkleber steht Costa Rica. Der Mozzarella kommt aus Italien. Der Kaffee sicher nicht aus Deutschland, auch wenn die Rösterei hier ist. Der Rohrzucker wurde in Mannheim verpackt, aber das Zuckerrohr ist dort ganz bestimmt nicht gewachsen.

Ich stehe in meiner Küche und plötzlich zerfasert dieser durchschnittliche Tag zu endlosem Staunen.

Die Banane ist nicht heute Morgen in Costa Rica gepflückt worden. Sie ist irgendwann gewachsen, wurde geerntet, sortiert, gekühlt, in einen Container gepackt, auf ein Schiff geladen, über den Atlantik transportiert, in einem Hafen entladen, auf einen Zug oder LKW gestellt, in ein Lager gebracht und irgendwann in ein Aldi-Regal gelegt. Heute wird sie mein Frühstück. Sie ist Vergangenheit. Eigentlich sind alle Dinge in meiner Wohnung Vergangenheit. Jeder Gegenstand hat einen Weg hinter sich. Unzählige Hände haben ihn berührt, bevor er bei mir gelandet ist.

Und wenn man einmal angefangen hat, die Wege der Dinge zu sehen, dann sieht man sie überall. Vor einer Woche fuhr ich mit der Hafenrundfahrt am JadeWeserPort vorbei. Zwei Containerschiffe lagen dort hintereinander. 400 Meter lang. So groß, dass das Gehirn sie nicht richtig versteht. Unser Auge macht Container plötzlich klein, obwohl jeder Container so groß ist wie der auf einem LKW auf der Autobahn.

Die MAERSK Manchester ist längst weitergefahren. Die OOCL Zeebrugge wahrscheinlich auch. Heute liegen andere Schiffe dort. Andere Container werden entladen. Andere Züge fahren los. Andere LKWs verlassen den Hafen.

Es ist wieder Mittwoch am JadeWeserPort.

Das Verrückte ist nicht, dass diese Schiffe existieren. Das Verrückte ist, dass sie keine Sensation sind. Sie sind der Fahrplan, die Routine, der Alltag.

Wir leben in einer Welt, in der Waren, Energie und Menschen in riesigen Strömen um den Planeten fließen. Flughäfen schleusen täglich Hunderttausende Menschen durch. Häfen löschen und laden schwimmende Häuserblöcke. Fabriken stellen Teile her, die in andere Fabriken gehen, die daraus Teile machen, die irgendwann ein Endprodukt werden. Niemand überblickt das Ganze. Und trotzdem funktioniert es. Nicht perfekt. Nicht gerecht. Nicht störungsfrei. Aber erstaunlich oft funktioniert es.

Und dann merke ich: Ich bin gar nicht der Beobachter dieses Geflechts. Ich bin ein Teil davon… ein Bananenesser, ein Kaffeetrinker, ein Mozzarellaretter, ein Konsument, ein Verbraucher, ein Wähler usw. ich bin ein Teil dieses endlos komplexen, weltweiten Netzes.

Ich glaube, das ist keine Liebeserklärung an den Kapitalismus. Es ist eine Liebeserklärung an den Mittwoch. Der stinknormale Durchschnittstag gibt mir den Raum, über meine Mutter nachzudenken. Mich mal wieder bei Moglie melden zu wollen. Wolkenschlösser mit Herrn Schmitt zu malen. Eine kleine Sinnkrise wegen meiner Figur zu haben. Mich über einen Sonnenaufgang zu freuen und Mozzarella zu retten, weil sie im Angebot waren.

Wenn außen immer mehr aufhört zu funktionieren, wird dieser Raum kleiner. Dann geht es plötzlich um Strom, Wasser, Verkehr, Medikamente, Lieferketten. Das Private verschwindet nicht, aber es wird verdrängt.

Jedes Menschenleben beinhaltet schon genug. Es braucht kein zusätzliches Weltdrama, um voller Liebe, Trauer, Hoffnung, Angst und Chaos zu sein.

Vielleicht ist das der schönste Satz dieses Mittwochs:

…but life still goes on.

Zum Glück.

Denn genau deshalb kann ich heute eine Banane aus Costa Rica essen und über einen ganz gewöhnlichen Mittwoch in endloses Staunen ausbrechen.

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