322 Lange graue Haare. Ein Abschied.
Ich versuche es mit Humor zu nehmen. Was bleibt mir auch anderes übrig?
Ich habe meine Haare mein Leben lang gehasst. Sie waren fusselig, dünn, schnell fettig, ständig verknotet und nie dort, wo sie sein sollten. Aus jedem Zopf arbeiteten sie sich wieder heraus, um anschließend im Gesicht herumzufliegen.
Und dann war da noch die Farbe. "Aschblond", nennen Friseure das. Ein erstaunlich freundlicher Begriff für das, was ich immer als mausgrau, schmutziggrau oder Straßenköterbraun empfunden habe.
2020 änderte sich etwas. Meine Haare waren damals gerade sehr kurz, naturfarben, und mir fielen die grauen Strähnen auf. Es waren nicht mehr nur einzelne Haare, sondern deutliche Silbersträhnen.
Zum ersten Mal hoffte ich darauf, meine Haare mögen zu können. Denn eine Frisur fand ich schon immer wunderschön: lange graue Haare. Bei Männern genauso wie bei Frauen. Sie lassen einen Menschen für mich würdevoll, charaktervoll, gleichzeitig cool und auf eine ganz eigene Art schön wirken. Das wollte ich für mich auch.
Also begann eine ungewöhnliche Quest. Der Ziergegenstand (Ziergegenstände haben in Rollenspielen meist nur optischen Wert) „Lange graue Haare“ lässt sich ohne Cheating (färben oder Haarverlängerung) weder kaufen noch herstellen. Man erhält ihn ausschließlich durch Geduld und zwar jahrelang. Eigentlich nicht gerade eine Stärke von mir.
Ich überstand die Phase, in der die Haare zu kurz waren, um hinter den Ohren zu halten, aber lang genug, um in die Augen zu fallen. Ich überstand die Schulterlänge, bei der meine Haare NOCH schneller unordentlich aussahen. Ich widerstand unzähligen Gelegenheiten, sie einfach wieder abschneiden zu lassen.
Im Laufe der Jahre war dann der ersehnte Ziergegenstand endlich freigeschaltet. Ich fand meine Haare zum ersten Mal schön. Ich genoss, dass mir (tatsächlich oder eingebildet) Lebenserfahrung und Wissen zugestanden wurde. Ich sonnte mich im Glanz meiner silbernen Pracht.
Dann zog ich an die Nordsee.
Nach zwei Tagen war klar: Hüte sind hier keine sinnvolle Ausrüstung. Das konnte ich, obwohl Hutliebhaber, erstaunlich gelassen hinnehmen.
Bei den langen Haaren kämpfte ich deutlich länger. Ich wohne nun seit gut drei Monaten hier und wollte nicht aufgeben, aber gegen den Nordseewind helfen weder Zopf noch Haarspange noch Haarklammer. Irgendwann hängen sie wieder im Mund, in den Augen oder kleben bei Wärme überall dort, wo sie gerade nicht sein sollen.
Irgendwann musste ich mir eingestehen, dass ein Ziergegenstand zwar wunderschön sein kann, aber er ist es nicht wert, dass er jeden Tag stört.
Lange graue Haare!
ihr wart die erste Frisur meines Lebens, die ich wirklich an mir geliebt habe.
Es hat Jahre gedauert, euch zu bekommen.
Versteht mich nicht falsch, ihr seid für mich die schönste Frisur von allen.
Aber heute werde ich mich von euch verabschieden.
Mit schwerem Herzen.
Die Nordsee hat gewonnen.
Und gestern, am 30.07.2026 endete dann meine "lange graue Haare"-Phase. Ein bisschen ein weinendes Auge habe ich dabei. Die neue Frisur ist praktischer, aber weniger sinnlich in meinen Augen. Momentan ist es eine recht durchschnittliche "Alte-Frauen-Frisur", aber wer mich lange kennt, weiß, dass kurze Haare zu Veränderungen anregen. In 8 Wochen muss ich eh wieder zum Friseur. Ich bin schon gespannt, was mir einfällt bis dahin.
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