319 Jeder Mensch ist ein Mensch
Ich benutze in diesem Text ein generisches Femininum und meine alle Geschlechter damit, englischsprachige Bezeichnungen bleiben im Original.
Wie kann man nur Schimmelkäse mögen?
Oder Sauerkraut?
Oder Heavy Metal?
Oder Tattoos?
Oder Piercings?
Oder grüne Haare?
Fragen dieser Art höre ich dauernd, an mich, aber auch an andere gerichtet.
“Wie kann man nur … mögen?”
Ich finde diese Frage inzwischen seltsam. Nicht, weil man sie nicht stellen dürfte. Sondern weil sie so tut, als gäbe es darauf eine allgemeingültige Antwort. Frag zehn tätowierte Leute, warum sie Tattoos mögen. Du bekommst möglicherweise zehn verschiedene Antworten. Also…
Wie kann man nun Tattoos schön finden?
Keine Ahnung!
Frag den einen Menschen mit Tattoos den du vor dir hast.
Wenn du wissen willst, warum eine Person etwas macht, frag höflich diesen Menschen.
Ich glaube nämlich, dass wir viel zu oft über Gruppen reden und viel zu selten mit den einzelnen Leuten. Da sitzt plötzlich “die Motorradfahrerin”, “die Borderlinerin”, “die Christin”, “die Linke”, “der Gamer”, “die Rentnerin”… Nein!
Vor dir sitzt ein Mensch. Das hört übrigens nie auf. Nicht bei politischen Meinungen. Nicht bei Religion. Nicht bei Diagnosen. Nicht bei Nationalitäten. Nicht bei Geschlecht. Nicht bei irgendetwas.
Jeder Mensch ist ein Mensch.
Und genau deshalb wird es jetzt unbequem. Denn dieser Satz hört auch dann nicht auf, wenn jemand etwas Schreckliches tut.
Ich lese dann oft:
“Das ist kein Mensch.”
“Das ist ein Monster.”
“Das ist kein richtiger Mann.”
Ich verstehe, warum Menschen das sagen. Sie wollen die Tat verurteilen. Das möchte ich auch. Aber ich glaube, wir tun dabei noch etwas anderes, wenn wir entmenschlichen oder aus unserer Gruppe ausschließen: Wir schützen uns selbst.
Denn wenn das ein Monster war…
…dann war es kein Mensch.
Wenn das kein richtiger Mann war…
…dann haben richtige Männer mit so etwas nichts zu tun.
Das fühlt sich angenehm an. Plötzlich ist die eigene Gruppe sauber. Und man selbst gleich mit. Ich glaube nur nicht, dass das stimmt. Es war ein Mensch. Eine Person, die Verantwortung trägt. Und genau deshalb möchte ich diesen Menschen auch Mensch nennen. Nicht, weil ich sie entschuldigen möchte. Sondern weil Verantwortung nur bei Menschen Sinn ergibt. Ein Monster kann gar nichts dafür. Ein Mensch schon. Deshalb kann ein Mensch angeklagt werden. Deshalb kann ein Mensch verurteilt werden. Deshalb kann ein Mensch gesellschaftlich geächtet werden. Weil ein Mensch verantwortlich ist.
Ich glaube sogar, dass darin eine Gefahr liegt.
Denn wenn ich zum Beispiel sage: “Wer so etwas tut, ist kein richtiger Mann.” und dann davon ausgehe das ich und/oder meine nahen Leute natürlich richtige Männer sind, dann behaupte ich: “In meiner Gruppe kann so etwas gar nicht passieren.” Das klingt beruhigend. Aber es macht mich blind. Denn die Tat ist bereits der Beweis dafür, dass ein Mensch dazu fähig war. Wenn ich sie aus meiner Vorstellung von “uns” entferne, verliere ich auch die Fähigkeit, die eigenen Abgründe zu erkennen. Nicht, weil ich glaube, dass ich so etwas morgen tun werde. Sondern weil ich aufhöre, wachsam gegenüber dem Menschen zu sein. Auch dem Menschen in mir.
Eigentlich geht es in diesem Text aber gar nicht um Täterinnen. Es geht um dich. Und um mich. Ich möchte ein guter Mensch sein. Nicht nur behaupten, einer zu sein. Ich glaube nämlich nicht, dass man einmal beschließt: “Ich bin gut.” Und dann ist das für immer erledigt. Ich glaube, Menschlichkeit ist immer ein Pfad von dem man auch abkommen kann. Zum Beispiel dann, wenn ich versucht bin zu sagen: “Die sind doch alle…” Oder: “So einer eben.” Oder: “Das ist ein Monster.” Denn genau in diesen Momenten verliere ich meiner Ansicht nach ein kleines Stück von dem, was ich eigentlich sein möchte. Nicht, weil ich plötzlich ein Verbrecher werde. Sondern weil ich beginne, Menschen aus der Menschheit herauszunehmen. Und das verändert sie ja nicht. Sondern mich.
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