306 BLITZLICHT: Ich habe aufgehört zu suchen

Gestern hat mich Herr Schmitt süßerweise vom Bahnhof abgeholt, heute Morgen hat er mich um kurz nach vier vor meiner Wohnung abgesetzt. Er musste zur Arbeit, ich nach Hause. 13,5 Stunden Reise lagen hinter mir. Busse, Züge, Umstiege, Verspätungen, Rückenschmerzen. Und dann vier Stunden Schlaf.

Ich kam in die Wohnung, noch in der unbequemen Jeans. Die Reisetasche stand unberührt im Flur. Ich hatte noch nicht geduscht. Ich hatte noch nicht einmal Kaffee gemacht! Und doch setzte ich mich an den Rechner und fing an die Texte von gestern zu ordnen und zu veröffentlichen.

Nicht weil ich musste.

Nicht weil jemand darauf wartete.

Nicht weil ich Geld damit verdiene.

Sondern weil ich meine Texte ordentlich veröffentlichen wollte.

Was ich zu sagen hatte musste raus an die Leute und zwar genauso wie ich es haben will.

Die drei Blitzlichter von unterwegs waren schon online, aber noch nicht überall. Ich wollte Bilder ergänzen. Fehler korrigieren. Alles so haben, wie ich es haben wollte. Erst nach 5, als ich mir endlich nen Kaffee machte und verspätet auf die Nachricht meines Herrn Schmitts reagierte, fiel mir auf, wie absurd das eigentlich ist.

Ich habe einen großen Teil meines Lebens nach dem einen Ding gesucht. Dem, was meine Geschwister scheinbar alle hatten. Etwas, für das ich brenne. Etwas, das ich nicht mache, weil ich muss, sondern weil ich gar nicht anders kann.

Ich hatte viele Jobs. Ich hab zweimal studiert. Ich hab unzählige Hobbys ausprobiert. Jede Kunstformen ausprobiert die mir irgendwie zugänglich war. Ich habe Erfüllung in Beziehungen gesucht. Ich habe jeden Menschen, der mich nur ein bisschen kennt gefragt, was er glaubt, was ich gut kann.

Und immer dachte ich, ich würde noch suchen oder mich langsam damit abfinden nie "mein Baby" zu finden, nie das Ding, was ich der Welt hinterlassen will und mich im Leben erfüllt.

Mein Werk.

Nicht nur die Texte.

Auch die Videos. Die Fotos. Die Gedanken. Die Streams. Die Essays. Die Blitzlichter. Dieses ganze seltsame, chaotische, öffentliche Performance-Projekt namens „Jemands Leben - nur viel davon“.

Das ist mein Werk.

Das ist das, was ich hinterlassen möchte.

Nicht weil ich glaube, wichtig zu sein, das würde dem "Jemand"-Gedanken und somit einem der Grundkonzepte des Werks, auch völlig widersprechen.

Sondern weil ich glaube, dass die Dinge, für die ich dort einstehe, die ich darin zeige, die ich dokumentiere, wichtig sind. Das ist genau das was von mir übrig bleiben soll, wofür ich in Erinnerung bleiben soll.

Und vielleicht war die größte Überraschung des Morgens gar nicht, dass mir das klar wurde.

Sondern dass ich offenbar schon vor Monaten aufgehört habe "mein Ding" zu suchen.

Ich hatte es nur noch nicht bemerkt.


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