301 Body Neutrality. Körper sind keine Ausstellungsstücke.
Teil 1: Der Körper als Spielfigur
Mein Zugang zu Body Neutrality ist nicht aus theoretischem Interesse heraus entstanden, sondern aus Leid. Ein gesundes Verhältnis zu meinem Körper hatte ich nie. So mit 12 fingen die inneren (seltener äußeren) Abwertungen an. Bis 2009 war ich zwar objektiv betrachtet durchweg untergewichtig, sah mich selbst aber als unglaublich dick. Dann nahm ich aufgrund von Psychopharmaka sehr stark zu und in den Jahren seitdem hungerte ich oft runter und hatte es nachher wieder drauf.
In dieser Gemengelage entstand irgendwann ein Konzept, das für mich bis heute stabilisierend wirkt: der Körper als Spielfigur in meinem eigenen Rollenspiel, als Fleischroboter. Unterstützt wurde diese Einstellung durch den Gedanken der Body Neutrality, den ich irgendwo im Internet aufgabelte.
Dieses Bild ist nicht abwertend gemeint, sondern funktional. Der Körper ist das Gefährt, das mich durch die Welt trägt. Er ist Fortbewegungsmittel, ermöglicht sämtliche sensorischen Eindrücke und ist somit Grundlage jeder Erfahrung. Ich habe nur diesen einen Körper in diesem Leben. Wenn er beschädigt wird, ist diese Beschädigung möglicherweise nicht reversibel. Der Körper schuldet mir keine Schönheit, ich schulde ihm aber Fürsorge. Body Neutrality bedeutet für mich deshalb nicht Gleichgültigkeit gegenüber dem Körper, sondern im Gegenteil eine sehr hohe Wertschätzung. Ich versuche, meinen Körper nicht mehr primär über Attraktivität zu bewerten. Die Frage „Bin ich schön?“ verliert an Bedeutung. Die Frage „Funktioniert dieser Körper?“ bleibt zentral. Funktioniert er mal nur eingeschränkt oder hat Bedürfnisse, die mein Empfinden von Ästhetik stören, dann nehme ich trotzdem Rücksicht darauf.
Bei Bodypositivity stört mich dieser Zwang den eigenen Körper als schön zu empfinden. Mein Verständnis von weiblicher Schönheit ist schon früh in meinem Leben durch mein Umfeld, die Medien, die allgemeinen Schönheitsideale und meinem Bedürfnis gefallen zu wollen, in eine ganz magere Ecke getrieben worden. Ich hab lange versucht, ihn zu optimieren, mit grausamer Selbstkasteiung, ich hab mich brutal abgewertet, ich habe versucht zu lernen diese Hülle um mich herum schön zu finden. Aber dann vor ein paar Jahren erst erkannt: Ich werde meinen eigenen, leicht übergewichtigen und wenig straffen Körper nie attraktiv finden. Aber mit Body Neutrality schaffe ich es, dass es mir weniger bedeutet, dass dies so ist.
Mein Körper ist kein Ausstellungsstück, er ist mein Interface zur Welt.
Teil 2: Gesellschaft als Bewertungsmaschine
Diese individuelle Perspektive ist für mich untrennbar mit einer gesellschaftlichen Entwicklung verbunden. Und hier zunächst ein Exkurs zu den Körperbildern und der Normalisierung ihrer Bewertung: Wir leben in einer Kultur, in der Körperbewertung ein permanenter Grundmodus geworden ist. Das beginnt lange vor Social Media, ich werde hier aber nur über den Teil schreiben, den ich selbst miterlebt habe. In den 90er Jahren bereits war der öffentliche Raum stark geprägt von oft extremen Körperbildern. Werbung, Magazine, Fernsehen und Kino haben über Jahre hinweg eine sehr enge Vorstellung davon vermittelt, wie Körper auszusehen haben. Und sehr häufig waren diese Bilder bereits stark bearbeitet und mit allem fotografischen Können gemacht, um den dargestellten Körper optimal dazustellen. Diese Entwicklung hat sich nicht abgeschwächt, sondern verschoben und verstärkt.
Mit dem Aufkommen von Social Media wurde aus einer relativ begrenzten Anzahl öffentlicher Körperbilder eine permanente, demokratisierte und beschleunigte Sichtbarkeit. Nicht mehr nur Stars wurden bewertet, sondern sehr viele Menschen gleichzeitig. Influencer-Kultur hat diese Dynamik weiter intensiviert, weil sie Nähe simuliert. Die gezeigten Körper wirken nicht mehr wie Ausnahmefiguren, sondern wie erreichbare Normen.
Hinzu kam danach noch eine zweite Verschiebung: sehr leicht verfügbare Filter.
Filter, Bildbearbeitung und Inszenierung sind nicht neu, aber ihre Verfügbarkeit hat sich radikal verändert. Was früher professionelle Produktion erforderte, ist heute ein Knopfdruck. Körper können in Echtzeit verändert, optimiert oder vollständig transformiert werden. Mit KI erreichte diese Entwicklung eine neue Stufe. Jetzt entstehen Körperbilder, die nicht nur technisch bearbeitet, sondern vollständig synthetisch erstellt wurden. Und sie sind oft so optimiert, dass sie in der physischen Welt nicht erreichbar sind. Nicht einmal mit maximalem Training, optimierter Ernährung, fachlicher Unterstützung oder chirurgischen Eingriffen.
Wir haben damals angefangen, unsere Körper mit professionellen Models und später mit stark bearbeiteten Körpern zu vergleichen, heute vergleichen wir uns nicht einmal mehr mit Menschen. Und das war auch in den 90ern schon problematisch, denn mir geht es hier mehr um Selbstwahrnehmung als um Attraktivität und Schönheitsideale bei der Partnersuche. Ganz kurz und ganz einfach umrissen jetzt: Menschen “lernen” was schön ist aus dem, was in ihrer Umgebung als schön reproduziert wird. Vergleich ist hier völlig normal und menschlich. Je “unmenschlicher” aber das ist, was allgemein meist als schön gekennzeichnet ist, desto unrealistischer wird diese eigene Vorstellung von dem, was man als attraktiv empfindet.
Und mit diesem gelernten Schönheitsideal begegnen wir nun nicht nur dem eigenen Körper, sondern allen Körpern und heutzutage kann man noch dazu den eigenen Körper quasi direkt der ganzen Welt zur Bewertung stellen und andere mit einem Klick bewerten. Und wenn wir jetzt einen Körper einer realen Person kommentieren, egal ob positiv oder negativ, dann gießen wir Öl ins Feuer der Fixierung auf den Körper als öffentliches, bewertbares Ästhetikprojekt.
Hinzu kommt etwas, das oft vergessen wird: Habe ich überhaupt eine Berechtigung zu dieser Bewertung? Egal, ob eine Person in der Stadt, die mir gefällt oder missfällt oder eben auf Social Media. Ich weiß nicht, ob die betreffende Person mir gefallen möchte. Ich weiß nicht, ob ich überhaupt zur Zielgruppe ihrer Selbstdarstellung gehöre. Warum sollte meine Bewertung selbstverständlich relevant für sie sein? Warum sollte ich sie ungefragt äußern?
Besonders da auch positive Kommentare Teil dieser Struktur sind. Sätze wie „Du hast abgenommen“ oder „Du siehst gut aus“ sind nicht neutral. Diese gutgemeinten (oder als Anmache gemeinten) Sätze können bei der Person selbst Schaden anrichten (dazu vielleicht mal ein eigener Text), aber sie setzen auch implizite Vergleichswerte und ordnen Körper in Bewertungssysteme ein.
Entscheidend ist dabei nicht einzelne Bosheit oder guter Wille, sondern die Struktur. Körper werden kontinuierlich als kommentierbare Information behandelt. Das gilt besonders für den öffentlichen Raum. In privaten Beziehungen, in denen Einverständnis, Nähe und Gegenseitigkeit bestehen, ist Attraktivität eine normale und oft wichtige Form der Kommunikation. Dort kann sie Verbindung schaffen, manchmal auch schwierige Verbindung, aber sie ist Teil der Aushandlung im sozialen Nahbereich.
Das zentrale Problem liegt für mich deshalb nicht in der Existenz von Attraktivität oder Wahrnehmung. Menschen werden immer Schönheit sehen und darauf reagieren. Das ist nicht der Punkt. Das Problem ist die Dauerpräsenz dieser Bewertung als sozialer Hauptmodus. Wenn Körper permanent kommentiert, verglichen und eingeordnet werden, verschiebt sich der Fokus von Handlung, Können und Beziehung hin zu Oberfläche.
Diese Entwicklung ist nicht nur ein individuelles Problem. Viele nehmen sie wahr, viele Beklagen diese Oberflächlichkeit und doch behandeln wir Oberflächlichkeit oft wie ein Naturereignis, obwohl wir sie jeden Tag aktiv herstellen. Mein Eindruck ist, dass wir hier an einen Punkt kommen, an dem nicht Verbote oder einzelne Regeln helfen, sondern eine kulturelle Drosselung notwendig ist.
Es geht nicht darum Attraktivität, Komplimente oder Flirten zu verbieten. Man kann tausende Komplimente machen, die nichts mit dem Körper zu tun haben, sondern das Wissen, Können, den Stil usw. einer Person betreffen. Es geht nur darum nicht die Körper von Wildfremden zu kommentieren, die man nie treffen wird. Nicht als moralische Forderung im strengen Sinn, sondern als pragmatische Schadensreduktion.
Der Grundgedanke ist einfach: Erst einmal nicht schaden.
Mein Körper ist kein Ausstellungsstück, er ist mein Interface zur Welt. Und der von anderen genauso.
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