300 Geld ist Existenz

 Ich denke es ist ein recht deutsches Phänomen, dass man über Geld nicht spricht. Direkt über das Einkommen zu reden wirkt immer fast anrüchig. Das hat nicht nur negative Effekte, wie ich finde, denn so gibt es auch nicht den direkten Vergleich in Familien oder Freundesgruppen. Ich glaube allerdings, dass genau durch diese kulturelle Eigenheit, viele Menschen unterschätzen, wie grundlegend Geld eigentlich ist. Das liegt glaube ich nicht mal daran, dass sie ignorant wären, sondern daran, dass zum Glück viele Menschen von mehr als dem Existenzminimum leben. Und auch im nahen Umfeld nur Leute haben, die nicht darunter fallen. Das reicht meist dass man nicht erlebt, dass eine kaputte Waschmaschine das Leben in den nächsten Monaten komplett umkrempelt.

Wenn man über längere Zeit wirklich wenig Geld hat, verändert sich der Blick auf die Welt. Das Problem ist dabei nicht einmal in erster Linie der Verzicht. Menschen können auf erstaunlich vieles verzichten. Man kann lernen, selten essen zu gehen. Man kann lernen keine Markenprodukte mehr zu essen und zu benutzen. Man kann lernen, mit alten Möbeln zu leben. Man kann lernen, Kleidung lange zu tragen. Man kann sogar lernen, Wünsche aufzuschieben. Das eigentliche Problem ist, dass man ständig Sicherheit gegen etwas anderes eintauscht.

Wer genug Geld hat, kauft sich eine Hose und besitzt danach eine Hose. Wer sehr wenig Geld hat, kauft sich eine Hose und besitzt danach ebenfalls eine Hose, aber gleichzeitig hat er einen Teil seiner Sicherheit ausgegeben. Das klingt zunächst merkwürdig, wird aber sofort verständlich, wenn man sich klarmacht, dass diese dreißig Euro am Ende des Monats möglicherweise darüber entscheiden, ob eine Abbuchung funktioniert oder zurückgeht oder eben noch der verdammte Wasserkocher kaputtgehen darf. Dasselbe gilt dafür sich einen Restaurantbesuch, ein Computerspiel oder einen neuen Toaster zu leisten. Jeder Kauf ist gleichzeitig die Entscheidung, auf einen Teil des Puffers zu verzichten, der einen vor den Problemen des nächsten Monats schützt.

Spontankäufe spürt man also Ende des Monats, aber auch die Fehlertoleranz sinkt dramatisch. Damit meine ich, wenn dir dein Handy ins Klo fällt, wenn du auf deinen Wohnzimmertisch stolperst… dann wirst du eine Weile ohne leben oder wieder Sicherheit abgeben. Genauso wenn du nichts dafür kannst dass etwas kaputt geht. Der Puffer muss alles gleichzeitig abdecken. Ob etwas selbst verschuldet ist oder zufällig passiert, ob etwas aus Notwendigkeit oder aus Überschwang gekauft wurde spielt praktisch keine Rolle mehr, weil alles denselben Effekt hat: sofort weniger Spielraum.

Noch weniger Toleranz gibt es bei Behördenangelegenheiten. Fristen, Anträge, Bearbeitungszeiten, was muss beim Antrag mit dabei sein, auf was habe ich Anspruch, das muss man alles wissen oder jemand haben der es weiß, oder man muss mit Abstrichen vom Existenzminimum rechnen, zumindest mit Überbrückungszeiträumen.

Und wer soll beim Überbrücken helfen? Die Bank sicher nicht, Kredithaie sind ne schlechte Idee, bleiben Familie, enge Freunde oder der Partner (dazu kommen wir gleich noch ausführlicher). Wenn deine Armut schon länger andauert und wahrscheinlich auch nicht bald enden wird, dann ist das ein zutiefst bitteres Geschäft für alle Beteiligten. Jede Familie und jeder Freundeskreis regelt das anders, aber einen Fall von Armut im Kreis zu haben vergiftet alles doch zumindest ein bisschen. Eine Seite: “Wie oft wird sieer noch Geld brauchen?", “Werde ich es zurückbekommen?”, "Ist es ok ihmihr nichts geliehen zu haben, obwohl es ihmihr schlecht geht?", “Ich brauche das den Monat eigentlich zurück, kann ich das ansprechen?”, "Wäre sieer jetzt hier, wenn ich kein Geld geliehen hätte?”; andere Seite: “Denkt sie*er ich wäre nur hier weil ich Geld brauche?”, “Bin ich insgeheim nur deshalb hier?”, “Wenn ich sage ich kann mir Wandern auf Korsika nicht leisten, was wird passieren?” solche leisen, inneren Prozesse meine ich. Meist bauen sich Freundeskreise aber ja schon auf Grund der Aktivitätsmöglichkeiten ja dann doch auch ein wenig entlang der Einkommensgrenzen auf.

Menschen sagen dann oft, man solle eben kostenlose Dinge machen. An den Strand oder in den Wald gehen zum Beispiel. Das klingt vernünftig, blendet aber meist aus, dass auch kostenlose Dinge Voraussetzungen haben. Neben der Versorgung dort, die natürlich auch mit Leitungswasser und mitgebrachtem Essen funktioniert, ist die wichtigste Frage: Von wo starte ich? In vielen Fällen wohnen Menschen am Existenzminimum in Kleinstädten oder recht rauen Stadtgebieten. Hauptsache Anschluss an den öffentlichen Nahverkehr. Von dort aus ist vieles zu erreichen, manches umständlich, manches gar nicht. Aber sagen wir ein schönes Waldgebiet oder ein See liegt in 30 Minuten ÖPNV-Reichweite. Was muss dafür gegeben sein? Ein Ticket. Ein Ticket ist eine Entscheidung, entweder in Einzelfällen (geht aber irgendwann ins Geld), oder noch ein Abo mehr auf dem ächzenden Konto.

Ja, dann die Liebe… das ist jetzt mal nur meine Position, weil meine Meinung hier sehr radikal ist. Ich war mein Leben lang arm und die meisten meiner PartnerInnen waren es nicht. In meiner ersten längeren Beziehungen hab ich noch finanzielle Hilfe angenommen, damals hab ich noch studiert und auf Besserung der Lage gehofft. Mir wurde das nie direkt vorgeworfen oder irgendwas gefordert, aber ich konnte das weder vor mir, noch vor ihm, noch vor seinem Umfeld rechtfertigen. Ich hatte auch danach Partner mit teils sehr viel höherem Einkommen, aber für mich gibt es da keinen “gemeinsamen Topf”. Es ist manchmal hart, weil ich nicht alles mitmachen kann, was mein Gegenüber gern unternehmen möchte usw… Aber so behalte ich meinen Stolz und mein Gegenüber das Wissen, dass ich zu 100% nicht aus finanziellen Gründen bei ihm bin.

Wenn ich also „Geld macht nicht glücklich“ höre, lache ich bitter auf, und ich kann mir nur selten verkneifen etwas zu sagen wie: “Nein, macht es nicht automatisch. Aber es ist die Grundlage zum Essen, Wohnen, Kleidung tragen… es ist die Grundlage zum Leben.” In diesem Sinn glaube ich tatsächlich, dass Geld Existenz ist.

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