298 Atheistischer Jesusfreak

Disclaimer und Grundlage

Dieser Text beschäftigt sich nicht mit der Frage, ob die beschriebenen Ereignisse historisch genau so stattgefunden haben, ob Jesus tatsächlich Gottes Sohn ist, ob er wirklich auferstanden ist oder ob Wunder real so passiert sind. Diese Fragen sind für diesen Text nicht entscheidend.

Grundlage ist eine verbreitete deutsche Bibelübersetzung, konkret die „Gute Nachricht“. Sie wird hier nicht als dogmatische oder theologische Autorität verwendet, sondern als allgemein zugängliche, verständliche Fassung dessen, was im Neuen Testament über Jesus erzählt wird. Ich habe persönlich ursprünglich mit der Lutherbibel gelernt, aber für diesen Text ist Verständlichkeit wichtiger als sprachliche Tradition.

Warum dieser Text?

Ich schreibe diesen Text nicht aus Ablehnung gegenüber Religion oder Kirche. Ich bin evangelisch geprägt, habe Konfirmandenunterricht erlebt und war als junger Mensch der Kirche durchaus positiv gegenüber eingestellt. Ich habe lange versucht, an das zu glauben, was dort vermittelt wird, weil mir vieles daran sympathisch ist. Ich kann es dennoch nicht glauben. Nicht aus ideologischer Entscheidung, sondern weil ich es innerlich nicht kann. Ich glaube nicht an Gott, nicht an ein Leben nach dem Tod und nicht an eine Auferstehung.

Trotzdem hat mich das, was über Jesus im Neuen Testament überliefert ist, nachhaltig beeindruckt. Bei der Vorarbeit für diesen Text habe ich viel erneut gelesen und an einigen Stellen war ich auch irritiert, aber an anderen wieder hingerissen von der wunderschönen Klarheit dieser Worte. Aber es schockiert mich, wie manche offiziell den Lehren von Jesus Christus folgen und dennoch für Ausgrenzung von Menschen argumentieren. Vielleicht habe ich ja etwas falsch verstanden, weil ich nicht glaube, ihr dürft mich gern widerlegen oder noch lieber selbst in diesen Texten versinken. Schlagen wir also das “Buch der Bücher” endlich mal wieder auf.

Gewaltlosigkeit

Vom Vergelten (Matthäus 5,38-42)

“38 Ihr habt gehört, dass gesagt ist 2. Mose 21,24: »Auge um Auge, Zahn um Zahn.« 39 Ich aber sage euch, dass ihr nicht widerstreben sollt dem Bösen, sondern: Wenn dich jemand auf deine rechte Backe schlägt, dem biete die andere auch dar. 40 Und wenn jemand mit dir rechten will und dir deinen Rock nehmen, dem lass auch den Mantel. 41 Und wenn dich jemand eine Meile nötigt, so geh mit ihm zwei. 42 Gib dem, der dich bittet, und wende dich nicht ab von dem, der etwas von dir borgen will.”

Von der Feindesliebe (Matthäus 5,43-45)

“43 Ihr habt gehört, dass gesagt ist: »Du sollst deinen Nächsten lieben« 3. Mose 19,18 und deinen Feind hassen. 44 Ich aber sage euch: Liebt eure Feinde und bittet für die, die euch verfolgen, 45 auf dass ihr Kinder seid eures Vaters im Himmel. Denn er lässt seine Sonne aufgehen über Böse und Gute und lässt regnen über Gerechte und Ungerechte.”

Diese Aussagen reden nicht davon dass man “nett” sein soll, oder nicht so dolle nachtragend. Sondern fordern radikal für Feinde zu beten, sie zu lieben und ihnen mehr als gefordert geben, sollten sie Forderungen stellen oder angreifen. Das ist in der Realität schwer umsetzbar. Allerdings sind es Ideen von Deeskalation und Unterbrechung von Gewaltspiralen von vor 2000 Jahren, nach Ideen von Gott (angeblich).

Zuwendung zu Ausgegrenzten

In den Erzählungen wird Jesus immer wieder im Kontakt mit Menschen gezeigt, die gesellschaftlich oder religiös am Rand stehen.

Die Berufung des Matthäus und das Mahl mit den Zöllnern (Matthäus 9,10-13)

“10 Und es begab sich, als er zu Tisch saß im Hause, siehe, da kamen viele Zöllner und Sünder und saßen zu Tisch mit Jesus und seinen Jüngern. 11 Als das die Pharisäer sahen, sprachen sie zu seinen Jüngern: Warum isst euer Meister mit den Zöllnern und Sündern? 12 Als das Jesus hörte, sprach er: Nicht die Starken bedürfen des Arztes, sondern die Kranken. 13 Geht aber hin und lernt, was das heißt Hos 6,6: »Barmherzigkeit will ich und nicht Opfer.« Ich bin nicht gekommen, Gerechte zu rufen, sondern Sünder.”

Für Jesus ist es also quasi selbstverständlich mit den “Sündern” zu essen. Er geht nicht zum belehren hin, er isst mit ihnen zusammen.

Vom Weltgericht (Matthäus 25,34-40)

“34 Da wird dann der König sagen zu denen zu seiner Rechten: Kommt her, ihr Gesegneten meines Vaters, ererbt das Reich, das euch bereitet ist von Anbeginn der Welt! 35 Denn ich bin hungrig gewesen und ihr habt mir zu essen gegeben. Ich bin durstig gewesen und ihr habt mir zu trinken gegeben. Ich bin ein Fremder gewesen und ihr habt mich aufgenommen. 36 Ich bin nackt gewesen und ihr habt mich gekleidet. Ich bin krank gewesen und ihr habt mich besucht. Ich bin im Gefängnis gewesen und ihr seid zu mir gekommen. 37 Dann werden ihm die Gerechten antworten und sagen: Herr, wann haben wir dich hungrig gesehen und haben dir zu essen gegeben? Oder durstig und haben dir zu trinken gegeben? 38 Wann haben wir dich als Fremden gesehen und haben dich aufgenommen? Oder nackt und haben dich gekleidet? 39 Wann haben wir dich krank oder im Gefängnis gesehen und sind zu dir gekommen? 40 Und der König wird antworten und zu ihnen sagen: Wahrlich, ich sage euch: Was ihr getan habt einem von diesen meinen geringsten Brüdern, das habt ihr mir getan.”

Manchmal reißen die Worte auch mich mit, obwohl ich an keinerlei Leben nach dem Tod glaube, denn dass ist was ich möchte, dass Menschen im Leben glauben. Das ist was ich versuche zu leben.

Radikale Vergebung

Vom verlorenen Sohn (Lukas 15,21-24)

“21 Der Sohn aber sprach zu ihm: Vater, ich habe gesündigt gegen den Himmel und vor dir; ich bin hinfort nicht mehr wert, dass ich dein Sohn heiße. 22 Aber der Vater sprach zu seinen Knechten: Bringt schnell das beste Gewand her und zieht es ihm an und gebt ihm einen Ring an seine Hand und Schuhe an seine Füße 23 und bringt das gemästete Kalb und schlachtet’s; lasst uns essen und fröhlich sein! 24 Denn dieser mein Sohn war tot und ist wieder lebendig geworden; er war verloren und ist gefunden worden.”

Diese Geschichte wirkt fast ungerecht, der eine Sohn zieht mit dem Geld des Vaters aus und verprasst und sehr egoistisch gehandelt, der andere bleibt auf dem Hof und arbeitet mit dem Vater. Dennoch wird er euphorisch willkommen geheißen und ihm wird sofort vergeben.

Jesus und die Ehebrecherin (Johannes 8,3-7)

“3 Da brachten die Schriftgelehrten und die Pharisäer eine Frau, beim Ehebruch ergriffen, und stellten sie in die Mitte 4 und sprachen zu ihm: Meister, diese Frau ist auf frischer Tat beim Ehebruch ergriffen worden. 5 Mose hat uns im Gesetz geboten, solche Frauen zu steinigen. Was sagst du? 6 Das sagten sie aber, um ihn zu versuchen, auf dass sie etwas hätten, ihn zu verklagen. Aber Jesus bückte sich nieder und schrieb mit dem Finger auf die Erde. 7 Als sie ihn nun beharrlich so fragten, richtete er sich auf und sprach zu ihnen: Wer unter euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein auf sie.”

Hier geht es nicht mal um Vergebung, sondern um eine radikale Spiegelung, dass selbst die, die sich als gerecht erachten schon die eigenen Maßstäbe gebrochen haben.

Der Pharisäer und der Zöllner (Lukas 18,9-14)

“9 Er sagte aber zu einigen, die überzeugt waren, fromm und gerecht zu sein, und verachteten die andern, dies Gleichnis: 10 Es gingen zwei Menschen hinauf in den Tempel, um zu beten, der eine ein Pharisäer, der andere ein Zöllner. 11 Der Pharisäer stand und betete bei sich selbst so: Ich danke dir, Gott, dass ich nicht bin wie die andern Leute, Räuber, Ungerechte, Ehebrecher, oder auch wie dieser Zöllner. 12 Ich faste zweimal in der Woche und gebe den Zehnten von allem, was ich einnehme. 13 Der Zöllner aber stand ferne, wollte auch die Augen nicht aufheben zum Himmel, sondern schlug an seine Brust und sprach: Gott, sei mir Sünder gnädig! 14 Ich sage euch: Dieser ging gerechtfertigt hinab in sein Haus, nicht jener. Denn wer sich selbst erhöht, der wird erniedrigt werden; und wer sich selbst erniedrigt, der wird erhöht werden.”

Frömmigkeit wird hier also geringer geachtet als echte Reue. Das ist auch eine der Stellen, die mich selbst unglaublich berührt hat.

Kritik an Macht, Kommerz und Heuchelei

Jesus im Tempel (Markus 11,15-17)

“15 Und sie kamen nach Jerusalem. Und Jesus ging in den Tempel und fing an, hinauszutreiben die Verkäufer und Käufer im Tempel; und die Tische der Geldwechsler und die Stände der Taubenhändler stieß er um 16 und ließ nicht zu, dass jemand etwas durch den Tempel trüge. 17 Und er lehrte und sprach zu ihnen: Steht nicht geschrieben Jes 56,7: »Mein Haus wird ein Bethaus heißen für alle Völker«? Ihr aber habt eine Räuberhöhle daraus gemacht.”

Ein Schelm wer jetzt an Fernsehprediger und Christfluencer denkt…

Gegen die Schriftgelehrten und Pharisäer (Matthäus 23,1-12)

“1 Da redete Jesus zu dem Volk und zu seinen Jüngern 2 und sprach: Auf dem Stuhl des Mose sitzen die Schriftgelehrten und die Pharisäer. 3 Alles nun, was sie euch sagen, das tut und haltet; aber nach ihren Werken sollt ihr nicht handeln; denn sie sagen’s zwar, tun’s aber nicht. 4 Sie binden schwere und unerträgliche Bürden und legen sie den Menschen auf die Schultern; aber sie selbst wollen keinen Finger dafür rühren. 5 Alle ihre Werke aber tun sie, damit sie von den Leuten gesehen werden. Sie machen ihre Gebetsriemen breit und die Quasten an ihren Kleidern groß. 6 Sie sitzen gern obenan beim Gastmahl und in den Synagogen 7 und haben’s gern, dass sie auf dem Markt gegrüßt und von den Leuten Rabbi genannt werden. 8 Aber ihr sollt euch nicht Rabbi nennen lassen; denn einer ist euer Meister; ihr aber seid alle Brüder. 9 Und ihr sollt niemand euren Vater nennen auf Erden; denn einer ist euer Vater: der im Himmel. 10 Und ihr sollt euch nicht Lehrer nennen lassen; denn einer ist euer Lehrer: Christus. 11 Der Größte unter euch soll euer Diener sein. 12 Wer sich selbst erhöht, der wird erniedrigt werden; und wer sich selbst erniedrigt, der wird erhöht werden.”

Hier wird ziemlich hart (in den folgenden Psalmen noch mehr), mit Doppelmoral und Selbstüberhöhung abgerechnet, Gott als oberste Instanz und Jesus als Lehrer für alle Gläubigen gesetzt. Damit auch die Lehren, die mich immer wieder aufs neue faszinieren.

Mein Fazit

Ich werde es nie schaffen an Gott und Auferstehung zu glauben, wenn allerdings nach solch erhebenden Zeilen, wie ich sie hier zitiert habe, bei uns in der Kirche: “Worte des lebendigen Gottes” gesagt wurde, hatte ich kurz ein Gefühl von: “Ja, das klingt göttlich.”. Manchmal habe ich von außen den Eindruck das Jesus von Leuten, die wirklich glauben, etwas wenig als der einzige Lehrer gesehen wird und dass ich dies sehr bedauere, dürfte nach meinem kleinen Bibelexkurs klar geworden sein.

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