297 „Die Jugend heutzutage …“
… hält nichts mehr aus.
… sind alle oberflächlich.
… liest nicht mehr.
… hört nur noch seichte Musik.
… und überhaupt sei irgendetwas Grundsätzliches verloren gegangen und die Menschheit dem Untergang geweiht, wegen der jungen Leute.
Was mich daran irritiert, ist nicht einmal die Kritik selbst. Natürlich kann man Entwicklungen kritisieren und vor allem auch davon überfordert sein. Natürlich gibt es Trends, die man unangenehm oder problematisch finden darf. Ich verstehe das Gefühl dahinter aus eigener Erfahrung. Und jede Generation schaut irgendwann auf Dinge, die sie nicht mehr selbstverständlich versteht.
Was mich irritiert, ist etwas anderes. dass ich solche Sätze wie oben von intelligenten und geschätzten Menschen höre. Von Leuten also, die eigentlich sehr genau wissen, wie grob und unpräzise große Sammelbegriffe sind. Personen, die niemals ernsthaft sagen würden: „Männer sind halt so“ oder „Ausländer eben“. Weil sie wissen, dass größere Gruppen aus Einzelnen bestehen mit all ihren individuellen Facetten und gleichzeitig Prägungen von Systemen. Viel zu komplexe Wesen für so einheitliche Urteile. Nur bei der Jugend scheint diese Differenzierung plötzlich Urlaub zu machen. Da wird aus Millionen Einzelpersonen eine einzige Figur: die Jugend. Ein beinahe mythisches Wesen mit gemeinsamer Psyche und sogar identischem Musikgeschmack.
Und ich frage mich zunehmend, warum ausgerechnet dort. Vielleicht gehört ein Teil davon tatsächlich zum Menschsein. Junge Menschen probieren meist anderes aus. Sie sprechen oft anders, hören andere Musik, benutzen andere technische Lösungen und bauen sich eine Welt, die nicht dieselbe sein soll wie die ihrer Eltern. Sie wollen sich unbedingt unterscheiden. Das wollte meine Generation, das wollten meine Eltern, deren Eltern usw…
Und vielleicht gehört auf der anderen Seite ebenso dazu, dass Ältere erst einmal die Stirn runzeln und kritisch hinterfragen was die Jungen da tun.
Nur etwas beschäftigt mich dabei. Sollten wir mit vierzig, fünfzig oder sechzig nicht langsam gelernt haben, vorsichtiger mit solchen Urteilen zu werden?
Meine Gedanken wandern dabei zum “Steppenwolf” von Hermann Hesse.
Harry Haller wertet die Zeit in der er lebt quasi permanent ab. Das kulturelle Leben erscheint ihm oberflächlich, laut und minderwertig und beschäftigt sich mit Dingen, die ihm fremd bleiben. Und dabei wirkt er äußerst intelligent und gebildet. Gerade das macht ihn interessant. Er ist sensibel, politisch und ernsthaft suchend.
Nur liegt darin eine kleine Ironie, wenn man den Roman heute liest.
Denn Haller lebt mitten in den 1920er Jahren. Also nicht in einer kulturellen Wüste, sondern in einer Zeit, die von heute betrachtet fast wie ein Gewächshaus der Kreativität wirkt. Architektur, neue Formensprache, Malerei, Film, wissenschaftliche Durchbrüche, Technik, Fotografie, Literatur, Jazz und gesellschaftliche Experimente. Eine Zeit, die eher vor Ideen wucherte, als dass sie kulturell verarmte. Und trotzdem konnte ein intelligenter, kunstinteressierter Mensch mitten darin sitzen und den kulturellen Niedergang beklagen. Das finde ich weniger lächerlich als erstaunlich menschlich. Er verachtet nicht nur Teile seiner Gegenwart. Er verachtet große Teile von sich selbst gleich mit: das Bürgerliche, das Körperliche, das Alltägliche, die Triebhaftigkeit, die Anpassung, die Zerstreuung. Das sind alles Dinge, die er in sich feststellt und mit einer Wucht hasst, dass sie beim lesen wie Selbstverletzung wirken. Er lebt in einer permanenten inneren Zerreißprobe zwischen geistigem Ideal und menschlicher Wirklichkeit. Und SPOILER(!): Die eigentliche Aufgabe, die der Steppenwolf bekommt, ist über sich selbst lachen lernen.
Vielleicht verwechseln viele von uns manchmal Fremdheit mit Verfall, wir verachten manchmal das was andere leben und wir uns nicht trauen. Nicht weil wir böse oder dumm wären. Sondern möglicherweise weil wir dachten, unsere Zeit so gut gestaltet zu haben, dass es nichts mehr zu verändern gäbe.
Die Frage ist für mich weniger: “Braucht die Gesellschaft die Kritik an Trends und Neuerungen, damit die Demokratie funktioniert?” sondern “Bringt es dem einzelnen etwas an der jungen Generation zu verzweifeln und ihnen gar nichts mehr Gutes zuzutrauen?”. Und woran es auch liegen mag, vielleicht lohnt sich ein kleiner Moment der Vorsicht, bevor wir sagen:
„Die Jugend heutzutage …“
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