293 Die MS Anne wird öffentlich zu Wasser gelassen - Teil 2

 Oder: Was echt überfällig war…

Teil 1

Ich hatte dieses kleine Drama vorher bereits überall angekündigt. Discord. WhatsApp. Instagram. TikTok. Ich gab mein BILDbearbeitungsschlechtestes und zauberte zwei Titelblätter, die ungefähr so subtil waren wie eine Möwe auf Pommesjagd. Nicht weil ich wirklich glaubte, dass ich eine Sensation verursache. Sondern weil ich mein Leben gern legendär erzähle.

Oder genauer: pragmatisch pathetisch.

Und ich liebe das. Es hilft mir meine eigene Lächerlichkeit einzubauen in meinen Hang zu dramatischer Größe. Ja, Herr Pablo, ich übe, ich will nicht wie der Steppenwolf sein. Ich will üben auf meine Art über mich zu lachen. Für Sie hab ich Yearning just for you von Joe Burke mit auf die Playlist gepackt.

Ich mag Überdramatisierung mit eingebautem Augenzwinkern, das hilft mir am besten beim Auftrag des Herrn Pablo. Wie bei The Worst Day… Since Yesterday von Flogging Molly, dem nächsten Grundstock der Playlist. Klingt im ersten Moment nach Weltuntergang und dann merkt man: Ach so. Seit gestern. Na dann.

Und so kündigte ich also dramatisch an, dass die alte MS Anne öffentlich zu Wasser gelassen werden würde.

Ich hätte wirklich erwartet, dass ich furchtbar aufgeregt wäre. Dass ich Panik schiebe. Dass ich tagelang über meinen Körper nachdenke und darüber, wie ich im Badeanzug aussehe. Aber das war dann die Sensation: es war spektakulär unspektakulär.

Schon die Ankunft am Südstrand Wilhelmshaven fühlte sich eher nach Heimkommen an als nach Mutprobe. Es war absichtlich genau dieser Ort. Der Strand, an dem irgendwann vor über 30 Jahren der Wunsch entstand später einmal in dieser Stadt zu wohnen. Und nun sitze ich hier, bei etwas was mir über 15 Jahre zu schwer erschien. Vor mir die Nordsee, besser gesagt die Jadebucht, links neben mir das herrliche Klinkermassaker der Promenade, eckig und kantig, als wären Zwerge die Architekten gewesen. Jedes mal wenn ich es sehe fühle ich mich daheim. Wenn ich aufs Wasser hinausschaue, sehe ich den Leuchtturm. Wenn ich mich umdrehe, diese Klinkerwelt und den Aquariumsturm. Und dahinter die Kaiser-Wilhelm-Brücke. Ein bisschen melancholisch vielleicht, recht preußisch, ziemlich militärisch geprägt, aber trotzdem richtig oder deswegen (?). Ich weiß es nicht und es ist mir egal. Normalerweise hat Wilhelmshaven bei mir den Song The Last Ship von Sting, aber der Südstrand speziell bekommt Auberge von Chris Rea von mir verpasst, der Ort bei dem man nie erklären kann, warum man sich genau hier angekommen fühlt.

Die erste Zeit während meines Strandbesuchs passierte nun etwas ausgesprochen Pragmatisches: Ich wartete auf die Flut. Nicht aus dramaturgischen Gründen. Sondern weil der Strand gestern sehr schlickig war und dann stellen sich wichtigere Fragen als Äußerlichkeiten: Wo kann man laufen, ohne sich die Füße an Muscheln zu zerschneiden? Wo sinke ich 20 cm in Schlick? Body Neutrality mag ein gutes philosophisches Konzept sein. Muscheln versteckt im Schlick sind hingegen erschreckend konkret. Also lief ich erst mal aufmerksam am Strand und im Watt entlang.

Meeresschnecken. Einsiedlerkrebse. Wattwürmer. Muscheln mit Rasiermesserkanten. Seepocken auf allem, auch auf den Schnecken und Einsiedlerkrebsen. Unerwartete Steine im Schlick. Möwen, groß wie verdammte Geier und mit ungefähr der gleichen moralischen Integrität.

Memo an mich: Niemals Essen mit hierher nehmen.

Und während ich ging, testete und tapste, merkte ich etwas Seltsames. Ich dachte gar nicht über mein Äußeres nach. Nicht über meinen Bauch. Nicht über meinen Badeanzug. Nicht darüber, ob ich hübsch oder peinlich aussah.

Meine Gedanken beschäftigten sich mit dem Watt und dem Meer und der hochwissenschaftlichen Frage: Wo komme ich mit heilen Füßen ins Wasser? Der Badeanzug fühlte sich eher wie eine Barriere zwischen mir und dem Watt an als wie ein Schutzschild gegen Blicke.

Dann war da das Problem der Temperaturregulation. An Land war es zu heiß, das Wasser recht kühl und die Flut beeilt sich nicht wegen mir zwar übergewichtigem, aber für die Gravitation unerheblichen Körper. Also bin ich reingetappst, ungelenk, vorsichtig, bis zu den Knien. Dabei sollte es auch vorerst bleiben, weil ich eine komische Angst vor dem Schwimmen im Meer habe. Eine Erinnerung blitzte auf, meine Schwester S und ich am Mittelmeerstrand von Almerimar, das Meer wütete gegen die glühende Hitze an und wir beide warfen uns völlig verrückt in die Wellen. Wir waren beide Rettungsschwimmer, es war nicht komplett wahnsinnig, aber es fühlte sich auf herrlich lebendige Art genau danach an. Bei diesem Gedanken kam dann der letzte Schubs. Zwei kleine Mädchen waren auch auf dem Weg in die kühle, aber ruhige Nordsee. Die große sagte, “Kuck mal sie steht da vorne noch, so weit können wir auf jeden Fall…”. Im Namen aller Schwestern dieser Welt, ging ich vorsichtig, langsam nach sicherem Grund tastend, Schritt für Schritt höchst unelegant weiter, bis ich bei der Boje war, die auch die Mädchen erreichen wollten. Ich war bis über dem Bauchnabel im Wasser… und tauchte mit einem höchst unheroischen “Huch” in die recht frischen Fluten… Die MS Anne war zu Wasser gelassen.

Und was passierte danach? Nichts, oder besser gesagt ein Tag am Strand, an dem es allen zu heiß schien um sich aufzuregen. Noch 2 Anne Wasserungen wegen der Hitze, den Strand entlang laufen, dabei die Playlist hören, sich wund laufen, Bilder machen, Kafka Amerika weiterlesen, Sonnenbrand bekommen, Muscheln hassen, Möwen fürchten und bewundern, eine Theorie über die Eisduschen an Nordseestränden aufstellen (die sind so kalt damit wir denken das Meer wäre warm), die entspannte Stimmung genießen, über einen Jungen lächeln, der bis zum Hals voll mit Schlick war und seinen Vater fragte warum alle lachen, sein Vater antwortete pädagogisch wundervoll (und möglicherweise nicht ganz korrekt): “Die wollen das alle eigentlich auch machen, deshalb lachen die”…

Aber es gab auch 2 kritische Momente:

Eine äußerst attraktive Frau in meinem Alter posierte auffällig an einem der Eingangsstege. Da spürte ich wie mein Vergleichsmodus anschlug. Diese alte Scham kam auf: “Du schaffst es nicht so auszusehen. Du hast hast versagt.”. Ich habe dieses innere Muster wahrgenommen und auf meine Art posiert, He is a Pirat aufs Ohr und wie Jack Sparrow mit sinkendem Schiff meinen angeschlagenen Körper über den Strand bewegt, mit dem intrinsischen Anspruch immer noch Kapitän zu sein, auch wenn die Fregatte längst leck gegangen ist. “Kinn hoch, auch wenn der Hals dreckig ist.”, sagte mein Vater immer.

Dann beim Umziehen… das war eher Peinlichkeit. Ich hab so eine Decke unter der man sich umziehen kann… könnte, wenn man nicht unbeweglich wie die Wilhelmshavener Architektur wäre. Es war… sicher unschön anzusehen. Irgendwann war es vollbracht. Nächstes Mal mach ich mir dabei Musik aufs Ohr, dann sieht es immer noch genauso doof aus, aber macht mehr Spaß.

Die Sensation bei diesem Achievement war seine Harmlosigkeit. Ich hätte nicht gedacht, dass ich innerlich schon so weit gekommen bin. Ich bin wirklich stolz auf mich. Die olle Fregatte ist ein braves Ding, bei allen optischen Einwänden immer noch ziemlich tauglich, mich Herumtreiber zu den Sehnsuchtsorten zu bringen, statt nur davon zu reden. Mehr erwarte ich von dir nicht mein Fleischroboter, mein Job ist deine Wartung. Deiner, mich zu immer neuen Kaperfahrten tragen.

Und als Ausblick, das was der Vater zu seinem Sohn sagte, stimmte für mich. Ich wollte das auch machen, deshalb hab ich gegrinst. Wer bin ich mir dieses Vergnügen zu versagen? Wenn ich das nächste mal dann am FKK-Strand bin setze ich das um, denn ich bin schon über 30 Jahre nicht voller Schlick gewesen… es wird mal wieder Zeit.





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