292 Die MS Anne wurde öffentlich zu Wasser gelassen
Warum ist das für mich ein Achievement?
Triggerwarnung: Essstörungen und Suizidgedanken als Thema und Gewichtsangaben im Text
Und mit dieser Einstellung gehe ich nach langer Zeit wieder schwimmen. Das wird das erste Mal seit 2010, dass ich wieder in der Öffentlichkeit baden gehen werde. Und ich war so lange nicht wegen des Körpers, der sich so stark verändert hatte nach 2009. Nicht durch eine Geburt oder so, sondern durch Psychopharmaka. Ich war immer schon relativ breitschultrig, breithüftig, also nie ein zierlicher Mensch und hatte auch immer relativ viele Muskeln durchs Reiten, Schwimmen und so weiter. Und fand mich wahnsinnig fett, muss ich ehrlich sagen. Ich hatte damals schon kein gutes Verhältnis zu meinem Körper. Ich wog damals so irgendwas zwischen 50 und 55 Kilo bei 1,68 m. Also ich war wirklich sehr, sehr schlank. Und fand mich trotzdem sehr, sehr dick. Und dann kamen die Psychopharmaka und ich explodierte auf 95 Kilo , innerhalb von nicht mal einem Jahr. Und das habe ich nicht als Gewichtszunahme empfunden, das habe ich nicht als “mein Körper hat sich verändert” empfunden. Das war nicht mein Körper! Das war nicht… ICH!
Ich hatte mich 2009 versucht umzubringen, nicht wegen dem Dicksein, das kam ja danach. Ich hatte aber auch nach dem Überleben des Versuchs noch keinen Lebenswillen und war damit beschäftigt, irgendwie trotzdem weiterzumachen. Ich konnte mich nicht darum kümmern, dass ich dick war. Und so blieb ich erst mal dick und erst als es mir so 2012 durch die DBT anfing besser zu gehen fingen die Abnehmversuche an, die auch manchmal recht erfolgreich waren. Ich habe zwischendurch auch mal 20, mal 25 Kilo abgenommen, einmal sogar 30 Kilo. Teilweise auf ungesunde Weise, teilweise krankhaft, teilweise bulimisch. Es gab auch Phasen, in denen ich mich komplett, also wirklich ausschließlich von Chips, Flips und Süßigkeiten ernährt habe, weil mir sowieso alles egal war. Egal, ich kehrte immer zu den Rund 95 kg zurück. Ich hatte schon vor meiner Gewichtsexplosion ein unglaublich ungesundes Essverhalten und ein ungesundes Verhältnis zu meinem Körper. Und der veränderte Stoffwechsel hat das System… naja, gekillt. Dieses Ab- und Zunehmen, dieses Hoch und Runter, zerstörte meinen Körper. 2009 war ich 27 Jahre alt, da war alles noch relativ stramm, auch im dicken Zustand. Das… wie sag ich das ohne Selbstabwertung… ist heute ganz und gar nicht mehr der Fall: Alter, Schwerkraft und 30 kg Gewichtsschwankungen hinterlassen Spuren. Aber zu keinem Zeitpunkt ab 2009 empfand ich diesen Körper als präsentabel gegenüber Fremden. 2010 war ich noch einmal mit im Schwimmbad, weil wir das von der beruflichen Reha her mussten. Da schwor ich mir nie wieder in eine öffentliche Badeanstalt zu gehen.
Und erst vor ein paar Jahren wurde das dann sehr langsam anders. Da kam dann meine Hauptquest mit 90 Jahre alt werden wollen. Da kam Lithium mit nicht mehr sterben wollen. Und die DBT-Therapie hat wirklich angeschlagen. Ich hab den inneren Richter umgebaut. Ich hörte dann irgendwann auch von dieser Idee “Body Neutrality”, die mir sagte: “Es ist egal, wie dein Körper aussieht. Es ist egal, wie du den findest. Es ist egal, wie die anderen den finden. Funktionieren muss er.”
Und dann besann ich mich auf die Dinge, die ich wusste über Ernährung und was man dem Körper geben muss, damit er gut funktioniert, dass er im Idealfall 90 Jahre funktioniert. Ich hab 2024 sogar aufgehört zu rauchen, wer mich kennt weiß wie verrückt das klingt.
Sobald mir ein Arzt sagt, oder wer auch immer… der Orthopäde sagt, ich muss abnehmen wegen meinen Füßen, wegen Knien, Rücken, Herz, Diabetes, was auch immer, dann werde ich das tun. Aber nie wieder, nie nie wieder wegen so etwas nur peripher wichtigem wie einer Vorstellung von Schönheit.
Und ich hasse es, dass so viele meinen, gerade Wesen wie mir mit deutlichen Kilos zu viel auf den Rippen müssten sie Komplimente fürs Äußere machen. Das macht mich so unglaublich wütend. Denn ich glaube grundsätzlich nicht, dass die Körper fremder Menschen kommentiert werden sollten. Nicht negativ. Aber auch nicht positiv. Die meisten Körper sind keine Kunstwerke, die bewusst erschaffen wurden. Sie sind Biografie. Genetik. Krankheit. Medikamente. Alter. Schwangerschaften. Stress. Glück und Pech. Sie passieren uns oft mehr, als dass wir sie formen. Gerade bei schwierigen Biografien ist es so unwichtig ob irgendwer den Fleischroboter dieser Person ansprechend findet. Unwichtiger kann nichts in meinem Leben sein, wie mein Arsch aussieht oder meine Taille oder meine Brüste für euch wirken. Das ist so fick egal. Ich bin so viel mehr als diese gebeutelte Hülle. Mein Inneres hat überlebt, war nicht leicht es am Leben zu halten. Mein Inneres hab ich geformt, unfassbar viel Arbeit floss da rein und ja, ich bin ein bisschen stolz auf das Ergebnis jahrelanger Arbeit.
Ich bin lieber am Leben und dick, als ohne Psychopharmaka schlank gestorben zu sein. Doch mein Körper ist mir passiert. Er ist keine Trophäe und kein Werk, auf das ich stolz sein könnte. Wenn ihr mir etwas Nettes sagen wollt, dann bitte zu meinem Inneren.
Und mit dieser, hart erarbeiteten Einstellung ging ich dann gestern, 23.05.2026 an den Südstrand Wilhelmshaven um die alte MS Anne endlich wieder zu Wasser zu lassen.
Die Anne-Presse hat dies vorher auch reißerisch angekündigt:


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