214 Wenn Moral als Identität behauptet wird
Beware of the „Golden Angel Inside“
Ich lästere nicht gern über meine eigene Bubble, denn trotz allen Nervigkeiten fühle ich mich immer noch richtig auf der progressiven Seite des Spektrums, aber in letzter Zeit höre ich doch immer wieder von Fällen von „Nice Guys“ und „Good Girls“ in unseren eigenen Reihen. Diese Leute werden oft als bewusst manipulativen Menschen beschrieben, die Nähe, Mitleid oder moralische Überlegenheit gezielt einsetzen um ihre Ziele zu erreichen.
Doch in meiner Erfahrung ist eine andere Gruppe viel häufiger vertreten, die zwar oft gleich handelt, aber aus anderer Intention. Damit meine ich Leute, die nicht bewusst manipulativ sind, sondern im Gegenteil fest davon überzeugt sind, gute Menschen zu sein. Für diese Gruppe verwende ich den Begriff Golden Angel Inside, als anderer Typ innerhalb des bekannten Nice-Guy-/Good-Girl-Problemfeldes, als geschlechtsneutrale Beschreibung, weil ich diese Struktur in allen Geschlechtern kennengelernt habe.
Ansonsten verwende ich ein generisches Femininum und meine alle damit.
Wer glaubt intrinsisch gut zu sein wirkt zunächst oft sympathisch. Sie wirken moralisch klar, überzeugt, manchmal sogar beeindruckend sicher in ihren Urteilen. Das Problem entsteht erst, wenn diese Sicherheit auf Menschen mit anderen Werten oder Einstellungen trifft.
Denn wenn man überzeugt ist, Gut sein wie Hardware eingebaut zu haben, wird jede Kritik schwierig, jedes "Was du sagst hat mich verletzt" fast unmöglich.
Mehr zu dem dann meist folgenden "Ich hab das nicht so gemeint" habe ich hier (Ich hab das nicht so gemeint) beschrieben, außerhalb dieses Textes, weil es meiner Meinung nach nicht nur bei "Golden Angel Inside" passiert.
Ein weiterer Punkt wird sichtbar, wenn man über Eigenschaften spricht, die Menschen gern „menschliche Abgründe“ nennen: Egoismus, Neid, Eifersucht, Gier... Dieser Blick auf diese sehr normal-menschlichen Eigenschaften verklärt vieles.
- Jemand, die sagt: „Ich bin manchmal egoistisch“, beschreibt damit schlicht Realität. Sie erwartet Egoismus auch bei anderen Menschen und wird deshalb selten überrascht sein, wenn diese Eigenschaft ihr begegnet. Vielleicht hat sie gar nicht das Ziel ein guter Mensch zu sein.
- Ein Mensch, der sich vornimmt, ein guter Mensch zu sein, versucht darüber hinaus etwas anderes: Sie versucht, diese Impulse zu begrenzen. Sie reflektiert diese. Irgendwann kommt vielleicht der Moment: „Mist. Da war ich wirklich egoistisch. Das will ich das nächste Mal anders machen“
- Der Golden Angel Inside kommt zu diesem Moment selten. Nicht weil sie ein schlechter Mensch wäre. Sondern weil sie überzeugt ist, bereits ein guter zu sein. Sie hat Impulse wie Egoismus einfach nicht. Denkt sie zumindest.
Dadurch entsteht ein merkwürdiger Effekt im Weltbild des "Golden Angel Inside". Egoismus taucht nur noch bei anderen Menschen auf. Bei sich selbst ist so ein Abgrund dann nur eine Zuschreibung von außen, alles eigene Handeln geschieht nur aus tugendhaften Beweggründen.
Selbstreflexion funktioniert jedoch anders, zumindest wie ich sie erlebe. Sie beginnt meist mit der Reaktion anderer Menschen. Ich denke dann später darüber nach, was jemand gesagt hat. Wie jemand reagiert hat. Ob vielleicht etwas in der eigenen Aussage anders angekommen ist, als man dachte. Ob ich vielleicht irgendwo getriggert war und nicht der eigentlichen Situation entsprechend reagiert habe.
Wenn diese Art von Nachdenken nicht stattfindet, bleibt nur die eigene Intention als Maßstab. Und damit die eigene Moralvorstellung zur Identität. Und Tugend von Praxis zum Richterspruch über die Welt.
Ich vermute, dass dieses Muster oft schon früh entsteht. Manche Menschen lernen als Kinder, dass es verschiedene Arten gibt, ein guter Mensch zu sein. Das es eine schwierige Lebensaufgabe ist dieses Ziel zu verfolgen und dauernde Selbstüberprüfung erfordert. Andere lernen etwas viel Einfacheres: Wir sind die Guten. Die anderen liegen falsch.
Wer so sozialisiert wurde, hat wenig Anlass, sich selbst zu überprüfen. Das moralische Urteil steht bereits fest. Ethik hat dann gar keine Möglichkeit anzusetzen.
Ich persönlich empfinde diese Konfiguration Mensch als die anstrengendste und ich habe bisher keinen Weg gefunden sie zu erreichen, deswegen richtet sich mein Text auch nicht direkt an sie, sondern an Leute die "Golden Angel Inside" auch in ihrem Umfeld hatten oder haben.
Sind euch solche Menschen schon begegnet?
Wie geht ihr damit um?
Und habt ihr selbst einen Namen für diesen Typ Mensch?

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