133 🛠️ Arbeit als Religion -Nützlichkeit als Absolution
Dies ist meine persönliche Einschätzung auf Grund meiner Erfahrungswelt, es gibt Theorien die in eine ähnliche Richtung zeigen, aber die will ich hier gar nicht versuchen zu erläutern, denn dass haben klügere bereits getan.
Arbeit als Grundreligion in „westlichen" Gesellschaften
Wie oft ich Sätze gehört habe, die wie folgt aufgebaut waren: „Er*sie war zwar [hier beliebige schlechte Eigenschaft einfügen], aber war immer fleißig." Fast eine Absolution fürs schlecht sein. Oder auch ein Klassiker: „Ich habe nichts gegen Ausländer, solange sie arbeiten.". Das drückt beides die Haltung aus, das Arbeit und Fleiß jemanden wertvoll machen, das Nützlichkeit über den Wert eines Menschen entscheidet. Denn im Umkehrschluss kann man es interpretieren als: Wer faul ist, wer nicht arbeitet ist wertlos, oder zumindest wertloser, als ein schlechter Mensch der Fleiß zeigt.
In einem älteren Text habe ich mich bereits mit Faulheit als „Sünde" und Fleiß als „Tugend" beschäftigt, wer mag findet ihn
Zum Teil geht diese Fixierung auf Arbeit viel weiter als nur die Fleiß/Faulheitsdebatte und weiter als nur die wirtschaftliche Abhängigkeit von Arbeit. In meinem Umfeld sind immer wieder Menschen, die ihr Leiden an der Arbeit wie einen heiligen Schild vor sich her tragen. Ungerechte Chefs, mobbende Kollegen, grauenhafte Arbeitszeiten, körperliche Überlastung, schlechte Bezahlung usw. gelten quasi als Ehrenabzeichen. Die Arbeit ist das Kreuz das getragen werden muss, bis man nach dem Renteneintritt endlich ins wahre Leben aufersteht. Eine Erlösung durch Leid, wenn man so will.
Selbstoptimierung als Buße und Beichte
Fitness, Produktivität, Zeitmanagement sind die neuen Sakramente. Apps, Tracker, Selbstkontrolle der moderne Beichtstuhl, fehlende Leistung die zu beichtende Sünde. Der vollkommene Arbeiter ist frei von Faulheit, Krankheit, Erschöpfung (Friedrich Merz gefällt das). Wenn man scheitert ist das moralisches Versagen, nicht Systemfehler oder schlicht Überlastung.
Das absolute Seelenheil erlangt man in diesem Glauben natürlich nur durch Leistung und Produktivität: „Ich hab's mir erarbeitet.". Für Gnade ist allerdings kein Platz, nur für Output. Beruflicher Erfolg ist unsere säkulare Erleuchtung.
Arbeit als Quelle der Identität
Die Frage: „Was arbeitest du?" ersetzt „Wer bist du?" und ist scheinbar unumgänglich in jedem ersten Kennenlerngespräch. Unsere Berufe sind unser Identitätsanker, Arbeitslosigkeit hingegen bedeutet quasi Identitätsverlust.
Nützlichkeit als Existenzberechtigung
Wie soll man diese Religion anders interpretieren, als das man gefälligst nützlich zu sein hat, wenn man es nicht ist, wird man notfalls geduldet, hat aber den ganzen Tag dankbar zu sein und natürlich regelmäßige Bußgänge zu machen, die eine komplette und oft wiederholte, demütigende Offenlegung des ganzen Lebens vor den Almosengebern (Ämtern) beinhalten. Ob ein Mensch ethisch gesehen ein gutes Leben führt ist in dieser Religion irrelevant, wenn er dauerhaft keinen Nutzen erfüllt und sich vielleicht noch anmaßt nicht mit genug Demut aufzutreten.
Und schließlich,
wie im Christentum, muss es ja auch die Möglichkeit zum Märtyrertod geben: BURNOUT!
Wer das geschafft hat, wird automatisch heilig gesprochen, vom Geist der ungebremsten Selbstkapitalisierung oder so.
Na, wer empfindet das Bedürfnis seine Religion zu verteidigen? Gläubige sind ja oft ein wenig empfindlich, wenn man ihr Heiligstes spottet.Aber ich bin Religionskritiker seit ich erwachsen bin, also immer hermit eurer Empörung.
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