227 Der Algorithmus ist nicht dein Helfer. Er verkauft deine Aufmerksamkeit.
Bevor du weiterliest, eine einfache Frage: Kannst du Social Media zwei Wochen lang komplett weglassen, ohne dass es dir fehlt? Wenn ja, dann betrifft dich dieser Text wahrscheinlich nicht direkt. Wenn nein (oder wenn du zumindest nahe Menschen hast die es nicht können), dann könnte er vielleicht ein Denkanstoß sein.
Denn die meisten Plattformen funktionieren weniger wie ein Kommunikationsmedium und mehr wie ein Spielautomat.
Der Suchtstoff ist Resonanz. Jedes menschliche Wesen braucht Resonanz. Das ist erst mal nichts Pathologisches, sondern eine Grundfunktion sozialer Wesen. Aber Social Media hat gelernt, dieses Bedürfnis sehr effizient auszunutzen.
Dabei spielen zwei Arten von Resonanz eine Rolle, bei jedem sicher unterschiedlich gewichtet:
Die erste ist Bestätigung.
Algorithmen zeigen
uns bevorzugt Inhalte, die zu unseren bestehenden Überzeugungen passen.
Wir fühlen uns verstanden, klug, bestätigt. Genauso bei Inhalten, die
wir offensichtlich dumm oder falsch finden.
Die zweite ist "gesehen werden".
Likes, Kommentare, Shares sind kleine soziale Signale, dass wir sozial existieren.
Beides erzeugt einen kurzen Dopaminschub.
Noch hinzu kommt die "unregelmäßige Belohnung" wie sie auch Glücksspiel bietet. Du postest oder kommentierst etwas und dann ist da die kleine kleine rote „1“. Vielleicht ein Like, vielleicht ein Kommentar, vielleicht ein Follow, vielleicht nur eine unsinnige Benachrichtigung, die du noch ausschalten musst... also ziehst du am Hebel des einarmigen Banditen um zu sehen was du bekommst.
Die Plattformen verstärken süchtiges Verhalten gezielt. Doom-Scrolling, Autoplay, Empfehlungen, die genau im richtigen Moment auftauchen. Psychologen, Verhaltensforscher und UI-Designer arbeiten daran dass du länger bleibst.
Denn: Die Plattformen sind nicht kostenlos. Du bist nicht der Nutzer. Du bist der Einsatz. Und der Algorithmus ist der Dealer, der deine Aufmerksamkeit an Werbekunden verkauft.
Natürlich sind die Nutzer nicht unschuldig. Menschen suchen Resonanz. Menschen suchen Bestätigung. Menschen suchen Sensationen. Menschen bauen sich auch ohne Algorithmen ihre eigenen Bubbles. Aber Algorithmen beschleunigen und verstärken dieses Verhalten massiv.
Und deshalb wird sich daran auch nichts von selbst ändern. Plattformen verdienen Geld mit Aufmerksamkeit. Die Vorstellung, dass sie sich freiwillig regulieren, ist ungefähr so realistisch wie ein Casino, das freiwillig die Spielzeiten von Kunden reduziert.
Fast jede menschliche Gesellschaft, von der wir wissen, hat Glücksspiel irgendwann reguliert. Nicht weil Menschen plötzlich moralischer wurden, sondern weil man gesehen hat, was passiert, wenn man es nicht tut.
Bei Social Media gibt es noch kaum solche Regulierungen. Wie jeder selbst mit der eigenen Sucht, dem schädlichen Gebrauch oder eben der gelegentlichen Nutzung umgeht ist Privatsache, aber wir als Gesellschaft können politischen Druck für Änderungen erzeugen. Social Media selbst ist nicht das eigentliche Problem. Menschen wollen kommunizieren, diskutieren, sich zeigen und Resonanz bekommen. Das Problem beginnt dort, wo Algorithmen gezielt entscheiden, was wir sehen. Gerade den Einsatz dieser Vorschlagsalgorithmen sollte man deshalb meiner Meinung nach komplett überdenken.
Denkst du Social Media birgt Suchtgefahren?
Was könnten deiner Meinung nach Lösungsansätze sein?
TL;DR:
Social Media macht süchtig wie Glücksspiel. Nur ohne räumliche Grenze. Ohne Öffnungszeiten. Ohne Alterskontrolle... Und du bist nicht mal der Spieler, du bist der Einsatz. Die Plattformen verkaufen deine Aufmerksamkeit.
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