226 Sex als Ramschware
In diesem Text wird ein generisches Femininum verwendet, gemeint sind damit natürlich immer alle Geschlechter.
Prostitution ist eines der letzten Tabus... nicht weil sie verboten ist, sondern weil wir uns weigern, ehrlich darüber zu reden. Für die einen ist sie ein notwendiges Ventil für männliche Sexualität. Für die anderen ein System der Ausbeutung, das komplett abgeschafft werden sollte. Meiner Meinung nach ist sie heute vor allem eines: Eine Verramschung von körperlicher Intimität. Lasst uns deshalb mal ehrlich reden?
Braucht unsere Gesellschaft Prostitution wirklich?
Gibt es weniger schädliche Formen davon?
Denn wenn wir über Prostitution reden, reden wir meist über zwei
Bilder, die beide nur einen kleinen Teil der Realität zeigen. Das erste
Bild ist die selbstbestimmte Escort, das Sugarbabe, die Domina usw., die
sich ihre Kundinnen aussucht, hohe Preise verlangt und ihre Arbeit
kontrolliert. Das zweite Bild ist die Zwangsprostitution im Hinterzimmer
oder auf der Straße, organisiert durch Menschenhandel und Gewalt.
Beides existiert. Aber der größte Teil der Prostitution, der unsere
Gesellschaft tatsächlich prägt, liegt irgendwo dazwischen und über
diesen Teil wird meiner Meinung nach erstaunlich wenig gesprochen. In
vielen Städten bedeutet Prostitution heute: niedrige Preise, hohe
Frequenz, standardisierte Abläufe. Sex für Beträge, die teilweise unter
dem Preis eines Kinotickets liegen.
Bordelle mit Flatrate-Angeboten.
Sexworkerinnen, die an einem Tag zehn, fünfzehn oder zwanzig Kundinnen
bedienen müssen, um ihre Miete zu bezahlen. Das ist keine romantische
Version von Sexarbeit. Das ist ein System mit Fließbandlogik.
Ein Argument, das in den letzten Jahren immer häufiger auftaucht,
behauptet, digitale Plattformen wie OnlyFans würden das Problem
entschärfen. Schließlich findet dort kein physischer Kontakt statt. Doch
auch hier stellt sich eine ähnliche Frage wie bei der klassischen
Prostitution:
Welche Dynamik entsteht, wenn Sexualität in ein
marktförmiges System eingebettet wird, das nach Klickzahlen,
Abonnements und stetigem Output funktioniert?
OnlyFans wirkt
auf den ersten Blick wie eine selbstbestimmte Alternative. In der
Praxis entsteht jedoch oft eine digitale Plattformökonomie. Wer sichtbar
bleiben will, muss ständig neues Material liefern, Preise unterbieten
oder immer intimere Inhalte produzieren. Aus der Pommesbude wird so kein
Restaurant, sondern eher ein sexuelles Instagram, in dem
Aufmerksamkeit, Körper und Sexualität dauerhaft in kleine
monetarisierbare Einheiten zerlegt werden. Noch dazu ist spätestens seit
dem Fanblast-Skandal bekannt, wie die Kunden hier ausgenommen werden.
Deshalb drängt sich die nächste Frage auf:
Wollen wir wirklich eine Gesellschaft, in der Sex als Massenware gekauft werden kann?
Viele Menschen reagieren auf diese Frage sofort defensiv. Der Grund ist ein Satz, den man sehr häufig hört: „Prostitution wird es immer geben.“ Das mag stimmen, oder auch nicht, das will ich hier gar nicht beurteilen. Aber aus dieser Feststellung folgt nicht automatisch, dass jede Form von Prostitution gesellschaftlich akzeptiert oder gefördert werden muss. Denn zwischen „etwas existiert“ und „etwas ist massenhaft und normalisiert verfügbar“ liegt ein großer Unterschied. Ein Beispiel aus der Verhaltenstherapie kann das vielleicht deutlicher machen. Menschen lernen Verhalten durch Wiederholung. Was sie immer wieder sehen, hören oder tun, erscheint irgendwann selbstverständlich. Wenn ein Verhalten häufig vorkommt und gleichzeitig als normal beschrieben wird, entsteht ein einfacher Effekt: Die Hemmschwelle sinkt. Das gilt für viele Dinge, wie Rauchen, Glücksspiel oder auch aggressive Kommunikation im Internet und möglicherweise auch für käuflichen Sex.
Welche Vorstellung von Sexualität entsteht in einer Gesellschaft, in der sexuelle Dienstleistungen jederzeit verfügbar sind (zum Beispiel durch OnlyFans)?
Sexualität ist keine rein biologische Handlung, es ist eine soziale Interaktion.
Sie entsteht zwischen Menschen, die miteinander kommunizieren, Grenzen setzen, Wünsche äußern und manchmal auch verhandeln. Aber sie sollte doch wohl eines gemeinsam haben: Sie findet zwischen Menschen statt, die einander wahrnehmen. Wenn Sex dagegen regelmäßig als billige und einfach verfügbare Dienstleistung organisiert wird, verändert sich etwas in dieser Wahrnehmung. Da wird der Körper der anderen zum Snack in der Pommesbude, man kauft, konsumiert, geht.
Ein häufiges Argument für Prostitution lautet, sie verhindere sexuelle Gewalt. Die Logik dahinter ist simpel: Wenn Männer Sex kaufen können, sinkt der Druck, Gewalt auszuüben. Das Problem an diesem Argument ist weniger seine Moral als seine Annahme über Männer. Es unterstellt, dass Männer ohne käuflichen Sex ihre Sexualität nicht kontrollieren können. Ich denke viele Männer würden diese Vorstellung vermutlich selbst zurückweisen. Ich selbst bin nicht der Meinung dass Männer allgemein Tiere sind, die ihren Trieb nicht kontrollieren können, wenn einzelne da tatsächlich Probleme haben, dann sollte die Lösung nicht heißen: "Geh zu einer Prostituierten", sondern doch eher "Such dir Therapie, Psychiater und notfalls Psychiatrie." Ich hoffe wir sind uns darüber einig.
Welche Vorstellung von Männern steckt eigentlich in dieser Behauptung?
Gleichzeitig wäre es naiv zu behaupten, Prostitution bestehe nur aus Zwang und Ausbeutung. Es gibt Menschen, die sich bewusst für diese Arbeit entscheiden. Es gibt Sexworkerinnen, die ihre Tätigkeit selbst organisieren und kontrollieren. Es sind halt wahrscheinlich weniger die, die ihren Körper täglich an 10 Kunden und mehr verkaufen. Wie könnte man verhindern, dass Menschen ihren Körper verkaufen, weil sie eventuell die Sprache nicht so gut sprechen und/oder keine Ausbildung, kaum Schulbildung haben und so wenige Chancen auf mehr als Mindestlohn jemals? Naja, das ist eine soziale Frage, die kann man diskutieren, aber würde das Thema sprengen.
Unter welchen Bedingungen sollte Prostitution legal ablaufen?
Legalisierung hat einen klaren Vorteil: Sie bringt ein verborgenes System ins Licht. Wenn Prostitution legal ist, können Sexworkerinnen Rechte einfordern, sich organisieren und Missstände sichtbar machen. Sie können ihrer Tätigkeit in einer sauberen und sicheren Umgebung nachgehen. Aber Legalisierung allein löst kein Problem.
Es stellen sich Fragen:
Soll es Mindestpreise geben?
Soll es strengere Gesundheits- und Arbeitsstandards geben?
Soll der Staat Ausstiegsprogramme finanzieren?
Soll der Staat für bessere Grundsicherung und höhere Löhne sorgen, so dass Prostitution seltener nötig ist?
Oder wollen wir einfach akzeptieren, dass ein Markt entsteht, der möglichst billigen Sex produziert?
Denn Märkte funktionieren immer nach der gleichen Logik. Wenn Nachfrage existiert und Preise sinken können, wird jemand diese Nachfrage bedienen. Deshalb führt jede Diskussion über Prostitution irgendwann zu einer unangenehmen, aber notwendigen Frage:
Welche Rolle spielt Nachfrage und wie kann man sie reduzieren?
Und grundsätzlich:
Ist Prostitution in ihrer heutigen Form wirklich gesellschaftlich notwendig?
Ist das deutsche Modell mit sehr billiger, leicht verfügbarer Prostitution sinnvoll?
Oder sollten wir darüber nachdenken, welche Grenzen und Standards wir setzen wollen?
Kommentare
Kommentar veröffentlichen