225 Warum schreibe ich?

Den wichtigsten Grund zu schreiben, stellt für mich der einfache Gedanke dar, dass ich zeigen möchte wie übervoll jedes Menschenleben ist. Wenn ich mein Leben aufschreibe, dann nicht, weil es außergewöhnlicher wäre als andere, sondern gerade an meiner Gewöhnlichkeit soll man sehen können, wie viel in einem einzelnen Leben steckt: Gedanken, Bedürfnisse, Gefühle, Prägungen, Erinnerungen, Konflikte, Erfahrungen, politische Haltungen, Zweifel und Hoffnungen.

Es soll hierdurch klar werden, dass jeder Mensch in gewisser Weise ein eigenes Universum darstellt und jede Sekunde dieses vergänglichen Universums unwiederbringlich ist.

Mein performatives (fast) Live-Schreiben ist für mich deshalb auch ein Versuch zu zeigen, wie man anderen Menschen gerecht begegnen kann. Für mich führt dieser Weg über einen einfachen Dreiklang:

Erstens: Reflektiert euch!

Ich glaube, dass die Quest, ein guter Mensch zu werden, überhaupt erst beginnt, wenn man mit Selbstreflexion anfängt. Ohne sie startet diese Reise gar nicht.

Psychisch kranke Menschen werden oft früh zu dieser Reflexion gezwungen. Nicht weil sie automatisch bessere Menschen wären, sondern weil ihnen gar nichts anderes übrig bleibt. Sie müssen verstehen, was gerade passiert ist, was sie fühlen, was das gerade ausgelöst hat oder was sie angerichtet haben.

Zweitens: Radikale Ehrlichkeit zu euch selbst.

Damit meine ich nicht die radikale Ehrlichkeit, die ich oft nach außen praktiziere. Ich meine radikale Ehrlichkeit nach innen.

Das bedeutet weder Selbstabwertung noch Selbstüberhöhung. Wenn man erkennt, dass man gierig war, eifersüchtig, verletzt, wütend oder unfair, dann sollte man das anerkennen, ohne sich dafür zu vernichten. Und genauso wenig sollte man sich selbst idealisieren in dem man z.B. sagt nie gierig oder neidisch zu sein.

Radikale Ehrlichkeit heißt für mich: akzeptieren, dass man ein Mensch ist. Fehler erkennen, Verantwortung übernehmen, um Verzeihung bitten, Dinge wiedergutmachen... manchmal auch sich selbst gegenüber.

Drittens: Ein Mensch ist ein Mensch.

Für mich ist das der wichtigste Schritt.

Wenn man durch die ersten beiden Schritte verstanden hat, wie komplex man selbst ist und sich gerade deshalb als Menschen akzeptiert, dann wird plötzlich etwas sehr Einfaches sichtbar: Alle anderen Menschen funktionieren nach ganz ähnlichen Prinzipien. Sie haben andere Erfahrungen gemacht, andere Prägungen, andere Wünsche, aber sie sind aus derselben menschlichen Grundstruktur gebaut.

Wenn man diesen Punkt wirklich versteht, ist man bereits auf einem guten Weg, ein guter Mensch zu werden.

Wenn man diesen Schritt anders erreicht, ist das natürlich genauso gut.


Und es gibt noch einen weiteren Grund, warum ich schreibe. Einen, der mich weitermachen lässt, auch in Momenten, in denen ich daran zweifle. Ich glaube, unsere Zeit braucht Menschen, die öffentlich dafür sprechen, dass ein Mensch ein Mensch ist.

Deshalb bitte ich alle, die das ähnlich sehen: Sprecht darüber. Schreibt darüber. Postet darüber. Redet darüber, wo immer ihr seid.

Alle Stimmen zählen, selbst meine, ganz sicher deine.

Kommentare

Beliebte Posts aus diesem Blog

Kapitel 5 Kaputt geliefert. Trotzdem geblieben.

Kapitel 7 Kaputt geliefert. Trotzdem geblieben.

Kapitel 1 Kaputt geliefert. Trotzdem geblieben.