219 Innere Rechtsprechung IV – Der Henker wird Richter
Nachdem mir klar wurde, dass der innere Henker eine Funktion hatte, nämlich die mich einzubremsen und nicht zu einem Menschen werden zu lassen, der wie es mir mein Vater, mein Bruder H. oder meine Oma einfach über die Bedürfnisse anderer hinweg trampelte.
Ohne die ständige Bewertung war ich für mich angenehm ruhig, aber auch ziemlich kalt.
Also wollte ich ihn einbinden und ihm einen Job geben.
„Gut“, dachte ich mir irgendwann, „wenn man schon mal ohne Todesangst mit dir reden kann...“
Das klingt absurd, aber so fühlte es sich tatsächlich an. Als würde ich mich mit einer Figur aus meinem eigenen Kopf an einen Tisch setzen.
„...du hast eigentlich eine Aufgabe“, sagte ich ihm sinngemäß. „Du bist dafür da, dass ich mich nicht wie ein Arschloch verhalte. Dass ich andere Menschen möglichst fair behandle. Dass ich darüber nachdenke, ob das, was ich sage oder tue, gerecht ist... Was du aber nicht mehr darfst“, fuhr ich fort, „ist mir jedes Mal das Existenzrecht absprechen, denn ich bin auch ein Mensch. Und wenn der Satz stimmt, den dieses Land sich als erstes in seine Verfassung geschrieben hat - dass die Würde des Menschen unantastbar ist - dann gilt das auch für mich. Das bedeutet nicht, dass alles, was ich tue, richtig ist, aber es bedeutet, dass ich nicht für jeden Fehler zum Tode verurteilt werden muss,“
Also machte ich dem inneren Richter ein Angebot.
„Du darfst weiter urteilen“, sagte ich ihm. „Du darfst mir sagen, wenn ich unfair war. Du darfst mir sagen, wenn ich übertrieben habe. Du darfst mir sagen, wenn ich jemandem Unrecht getan habe, aber du bist nicht mehr der Henker.“
"Und vor allem", fügte ich hinzu: „Du hörst dir auch MEINE Argumente an.“
In meiner Vorstellung war das der Moment, in dem sich etwas unter dieser metaphorischen Kuppel Umbaumaßnahmen begannen (die ich immer wieder antreiben musste, Verhaltenstherapie lässt grüßen, Denkgewohnheiten ändern dauert).
Früher stand dort ein Richtplatz. Ein Richtblock, der immer auf meinen Kopf wartete. Heute steht dort eher so etwas wie ein Gerichtssaal. Der Richter ist noch da. Er meldet sich auch weiterhin zu Wort (außer zu Pete, den Fall hat er für immer abgelegt). Manchmal immer noch sehr laut, aber es gibt jetzt auch eine Verteidigung. Und meist endet das Verfahren nicht mehr mit einem Todesurteil, sondern einfach mit der Verurteilung zum um Verzeihung bitten oder Wiedergutmachung zu leisten.
Der Henker ist also nicht verschwunden, er ist tatsächlich Richter geworden.
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