217 Befähigt Kapital zur Machtausübung?

Eine Minimal-Utopie

Ich hatte mich ja sehr eingehend mit meiner Dystopie des Firmenfeudalismus beschäftigt (wer mal reinschauen mag findet auf Reddit meinen Sammelthread) und es war an der Zeit, einen Gegenentwurf dazu zu bauen. Der folgende Text ist von verschiedenen Ideen beeinflusst, auf die ich jetzt hier nicht genau als Quelle eingehen werde. Kennerinnen werden sicher das ein oder andere erkennen. (Im Text wird wo nötig wieder ein generisches Femininum verwendet)

Dieser Text beschreibt keine perfekte Gesellschaft. Er beschreibt auch keine vollständige Lösung für die vielen Ungerechtigkeiten unserer Welt. Er versucht lediglich, eine einzige Grundannahme zu verschieben, weshalb ich ihn Minimal-Utopie nenne.

Produktionsmittel gehören nicht dem Volk, das soll hier auch nicht geändert werden. Sie müssen nicht dem Volk gehören, Unternehmen können weiterhin privat sein, Gewinne können weiterhin erzielt werden und Vermögen kann weiterhin entstehen. Was mein Gedankengebäude verändern soll, ist eine andere Frage: Wer das Recht haben sollte, Entscheidungen zu treffen, die das Leben sehr vieler Menschen betreffen.

Wenn solche Entscheidungen hunderte, tausende oder sogar Millionen Leute angehen, dann sollten diejenigen, auf die es sich bezieht, zumindest darüber entscheiden können, wem sie diese Entscheidungsmacht anvertrauen. Nicht indem sie jede einzelne Entscheidung selbst treffen, sondern indem sie regelmäßig darüber befinden, ob diejenigen, die entscheiden, ihr Vertrauen noch verdienen.

Das ist kein revolutionärer Vorschlag. Es ist nur eine kleine Verschiebung der Regeln. Kapital allein verleiht dann keine Entscheidungsmacht mehr über Menschen. Entscheidungsmacht braucht Legitimation durch diejenigen, die mit den Folgen dieser Entscheidungen leben müssen.

Es geht nicht darum jemandem Firmenanteile oder Gewinne wegzunehmen, sondern nur um eine Legitimation der Entscheidungsgewalt durch die in der Überzahl Betroffenen.

Das besonders minimale daran, ist dass hier zunächst Firmen und deren direkte Angestellte und Arbeiterinnen betrachtet werden. Man könnte diesen Gedanken sehr viel größer aufziehen, aber auch so ist seine Umsetzung leider fast schon utopisch.

Denn in unserer gegenwärtigen Ordnung gilt es als selbstverständlich, dass angesammeltes Kapital nicht nur Eigentum bedeutet, sondern auch Entscheidungsmacht. Wer genug davon besitzt, kann über Unternehmen bestimmen, über Investitionen, über Standorte, über Infrastruktur, über Arbeitsplätze und damit über das Leben vieler Menschen. Diese Verbindung zwischen Kapital und Macht wird selten grundsätzlich hinterfragt. Sie gilt als Teil der natürlichen Ordnung der Dinge. Und an diesem selbstverständlichen Glaubenssatz unserer Zeit hoffe ich mit diesem minimal-utopischen Gedanken ein klein wenig mitgesägt zu haben.

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