216 Innere Rechtsprechung II - Der Richter schweigt

Der Henker verschwand also nicht sofort aus meinem Kopf. Das führte zu einer Situation, die ich damals selbst kaum fassen konnte.

Und das war so seltsam es klingt, ein Streit auf WhatsApp mit Pete. Wir schrieben hin und her, und wie leider so oft in solchen Gesprächen verschob sich der Ton immer weiter. Irgendwann ging es längst nicht mehr um das ursprüngliche Thema, sondern nur noch darum, wer gerade den schärferen Satz formulieren konnte.

Pete machte sich über mich lustig. Nicht einmal, sondern immer wieder. Oft kam irgendeine Variante von „haha“, „Mimimi“ oder etwas ähnlich Herablassendes zurück. Auch bei Dingen, die für mich wirklich ernst waren.

Irgendwann schrieb ich einfach einen Satz, ohne groß darüber nachzudenken:

„So ist das Leben.“

Ein völlig unspektakulärer Satz. Einer dieser Sätze, die Menschen ständig sagen. Er sagte das habe sein verstorbener Vater immer gesagt, ich dachte (wenig erwachsen, das ist mir klar): "So jetzt kriegst du es zurück." und schrieb noch mal: "So ist das Leben. Mimimi". Seine Reaktion auf diese wenig erwachsene Rache von mir war allerdings alles andere als unspektakulär. Pete eskalierte vollständig. Wirklich vollständig. Beleidigungen, übelste Vorwürfe, irgendwann sogar die Ansage, ich solle ihn ab jetzt siezen und er würde meinen Namen nie wieder benutzen.

Ich saß vor dem Bildschirm und verstand überhaupt nichts. Natürlich sprang sofort mein innerer Richter an. Das war sein Job. Wenn ein Konflikt eskalierte, suchte er zuerst den Fehler bei mir. Also begann er zu prüfen. Er ging das Gespräch noch einmal durch. Dann noch einmal. Das Pete nach derart massivem Austeilen selbst keinen Treffer einstecken könnte taten sowohl mein Richter als auch ich als absolut unrealistisch ab. So doppelmoralisch konnte der Mann den ich damals noch liebte doch nicht sein, so doppelmoralisch konnte niemand sein vor dem ich Respekt hatte.

Zwei Tage später schrieb P. noch einmal. Ich erwartete irgendeine Form von Erklärung, vielleicht sogar eine Entschuldigung.

Die Erklärung kam tatsächlich: 

Der Satz „So ist das Leben“ hatte ihn an seinen Vater erinnert. Sein Vater hatte diesen Satz früher oft gesagt. Er empfand es als herzlos, dass ich mich darüber lustig machte.

Das war also der Auslöser. Ich las diese Nachricht mehrmals. Und während ich dort vor dem Bildschirm saß, passierte etwas, das ich bis dahin noch nie erlebt hatte. Mein innerer Richter prüfte die Situation noch einmal. Normalerweise wäre jetzt das Urteil gegen mich gefallen. Diesmal nicht.

Sinngemäß sagte er etwas, das ungefähr so klang:

„Nein.
Pete war hier ungerecht.
Das ist nicht mein Fall.
Regel du das.“

Und dann ging er sinngemäß ein Nickerchen machen.

Er sprach kein Urteil. Er erklärte mich nicht schuldig. Er erklärte mich aber auch nicht für unschuldig. Er hörte einfach auf.

Das Problem war nur:
Ohne Urteil musste ich plötzlich selbst entscheiden, wie ich auf diese Nachricht reagieren wollte.

Und das stellte sich als deutlich schwieriger heraus, als ich erwartet hatte.


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