215 Innere Rechtssprechung I - Der Henker in meinem Kopf
Es gibt eine Instanz in meinem Kopf, die ich früher „innerer Richter“ nannte. Das klingt zunächst nach Gewissen, nach moralischer Instanz, nach etwas, das Menschen sogar brauchen. In Wirklichkeit war mein Richter eher ein Henker. Er richtete nicht über andere Menschen. Er richtete ausschließlich über mich.
Seine Urteile waren eindeutig, endgültig und eiskalt. Wenn ich einen Fehler machte, erklärte er mir nicht nur, dass es ein Fehler war. Er erklärte mir, dass ich der Bezeichnung Mensch nicht würdig sei. Todesurteil war seine häufigste Strafe.
Das klingt dramatisch, aber für mich war es über Jahrzehnte Alltag. Immer wenn etwas schiefging, immer wenn ich auch nur entfernt glaubte, jemanden enttäuscht zu haben, konnte diese Stimme mir erklären, dass ich eigentlich kein Recht hätte zu existieren.
Dann kam Lithium in mein Leben und hat verrückter weise den Notausgang geschlossen. Damit meine ich die latenten Suizidgedanken, die früher immer irgendwo im Hintergrund existierten. Egal wie laut der innere Richter schimpfte, egal wie drastisch seine Urteile wurden, ich wollte nicht mehr sterben. Das war für mich ein fundamentaler Unterschied. Denn plötzlich konnte der Henker seine Urteile zwar noch sprechen, aber ich war gar nicht mehr in der Lage sie zu vollstrecken, selbst wenn ich ihm recht gab.
Ich stand morgens auf, machte meinen Kaffee, ging einkaufen, beantwortete Nachrichten, ging zum Arzt, erledigte Dinge. Währenddessen kommentierte diese Stimme im Hintergrund weiterhin mein Leben. Irgendwann fing ich an, sie anders zu nennen, weil mich ihr übertrieben dramatischer Tonfall an etwas erinnerte.
Nicht mehr „innerer Richter“, sondern "die Stimme aus dem Off".
Die Stimme aus dem Off ist eine Figur aus dem Theater. Ein Erzähler, der irgendwo außerhalb der Bühne sitzt und mit oft bedeutungsschwerer Stimme erklärt, was gerade passiert und warum alles tragisch ist. Und wenn man den Selbsthass so nennt, während man an der Supermarktkasse in der Schlange steht, dann kann einem schon mal ein Lächeln entfleuchen.
Und ich begann, das ein bisschen wie ein absurdes Theaterstück zu betrachten.
Doch das ist noch nicht das Ende der Geschichte der „Stimme aus dem Off“. Denn irgendwann passierte etwas, womit ich nicht gerechnet hatte:
Der Henker schwieg.
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