210 Parasoziale Beziehungen
Wenn Nähe zur Ware wird
Parasoziale Beziehungen sind kein Phänomen des Internets. Sie existierten lange vor Social Media. Menschen fühlten sich Elvis nahe, imaginierten Beziehungen mit Marilyn Monroe, glaubten, Michael Jackson zu „verstehen“. Auch heute gibt es bestimmt Menschen, die überzeugt sind, eine besondere Verbindung zu Taylor Swift oder ähnlichen Stars zu haben. Gemeint ist mit dem Begriff, dass eine einseitige Beziehungsvorstellung entsteht, obwohl faktisch keine Gegenseitigkeit existiert. Nicht gemeint ist damit Sympathie oder regelmäßiger Konsum der Inhalte.
Bei klassischen Stars war diese Dynamik begrenzt durch Distanz. Filmstars reagierten nicht live auf Fanbriefe. Sänger nannten keine einzelnen Zuschauer beim Namen. Die Projektion war stark, aber die Interaktion gering.
Mit Social Media ändert sich die Architektur. Content Creator - ob auf YouTube, Twitch oder anderen Plattformen - interagieren.
Sie lesen Kommentare.
Sie reagieren auf den Chat.
Sie bedanken sich namentlich für Spenden.
Sie streamen aus ihren Wohnungen.
Sie teilen Alltägliches.
Nähe wird hier also nicht nur vom Zuschauer projiziert, sie wird simuliert.
Hinzu kommt die direkte Monetarisierung. Abonnements, Spenden, Bits, Ranglisten, Top-Supporter-Anzeigen. Wer Geld gibt, wird sichtbar, besonders in Liveformaten. Wer viel gibt, wird besonders sichtbar. Wer extrem viel gibt, wird gefeiert. Plattformdesign ist hier nicht neutral. Es belohnt Bindung. Denn parasozial stark gebundene Zuschauer geben überdurchschnittlich viel Geld aus. Das ist kein moralisches Urteil, sondern ökonomische Logik.
Bereits hier liegt ein strukturelles Problem, denn es wird Nähe kapitalisiert und Dankbarkeit öffentlich inszeniert. Das verstärkt die Illusion von Gegenseitigkeit. Nicht jeder Creator forciert das, viele gehen verantwortungsvoll damit um, aber die Mechanik existiert.
Sexualisierte Darstellung auf Streamingplattformen verschiebt diese Dynamik noch einmal. Nicht, weil Sexualität an sich verwerflich wäre. Wenn monetarisierte Nähe mit sexualisierter Selbstdarstellung kombiniert wird, kann die Bindungsintensität steigen.
Eine weitere Eskalationsstufe findet sich bei Plattformen wie OnlyFans und ähnlichen Angeboten. Dort ist monetarisierte Intimität kein Nebeneffekt, sondern Geschäftsmodell. Paywalls für Nähe. Private Chats gegen Geld und gestufte Exklusivität sind Programm. In manchen Fällen sogar ausgelagerte Kommunikation über Agenturen, während auf der Oberfläche persönliche Nähe suggeriert wird. Hier wird parasoziale Bindung nicht nur genutzt, sondern systematisch zu einem Produkt gemacht.
Das Risiko liegt auf beiden Seiten. Creator können Sicherheitsprobleme erleben, wenn Beziehungsillusionen eskalieren. Zuschauer können sich emotional und/oder massiv finanziell schädigen, wenn sie in asymmetrische Nähe investieren, die sie als real erleben.
Doch nun zurück zu Twitch und ähnlichen Plattformen. Diese sind ohnehin stark monetarisiert. Wenn eine solche Plattform zusätzlich den Eindruck vermittelt, dass sexualisierte Nähe ein zentrales Mittel der Aufmerksamkeit und Einnahme ist, verschiebt sich ihre Identität. Aus einer Gaming- und Entertainmentplattform mit teilweise fragwürdigen Monetarisierungsanreizen wird eine Bühne für monetarisierte Sexualisierung mit Querverweisen zu Seiten wie OF.
Parasoziale Beziehungsillusion ist meiner Ansicht nach immer kritisch - bei Stars, bei Streamern, bei erotischen Creatorinnen. Aber je interaktiver, je unmittelbarer monetarisiert und je emotional intensiver inszeniert, desto größer wird das Risiko.
Zahlung erzeugt Zugang, aber das schafft keine echte Gegenseitigkeit.
Doch:
Wenn Nähe zur Ware wird, entsteht bei Zahlung eine Anspruchshaltung.
Nachtrag zu OF und Fanblast... dort wurde sichtbar was passiert wenn Nähe industriell produziert wird.
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