209 Radikale Ehrlichkeit - weil Lügen Energie kostet
Mit Anfang zwanzig war ich ein Aufschneider. Ich fuhr Motorrad, erzählte Geschichten und legte gern eine Schippe drauf. Ich habe nichts komplett Erfundenes erzählt. Aber ich habe ausgeschmückt, minimal verdreht, dramatisiert, peinliche Sachen weggelassen. Ich hab das Bild erzählt, das ich gern gewesen wäre, nicht das was ich war. Das Problem an dieser Strategie ist für mich nicht die Moral, sondern die Verwaltung. Ich musste mir merken, wem ich was erzählt hatte und ich musste verteidigen, wenn jemand nachfragte. Das empfand ich als höchst unangenehm und die Versionsverwaltung kostete mich Energie.
Es gab keinen heroischen Entschluss, kein Datum, keinen Schwur. Irgendwann dachte ich schlicht: "Probier es doch mal ohne. Erzähl einfach das, was passiert ist. Nicht mehr, nicht weniger." Und dabei fiel mir erstens auf, wie oft ich vorher übertrieben hatte. Zweitens wie automatisch ich das tat. Drittens wie oft ich mich selbst in eine bessere Position schob, ohne es als Lüge zu etikettieren.
Aber der wichtigste Punkt war die Erleichterung. Als ich nichts mehr aufblasen musste, musste ich auch nichts mehr verteidigen. Wenn jemand mir nicht glaubt, ist das sein Problem. Ich weiß, was war, was ich gefühlt habe, wie es passiert ist. Ich konnte einfach mich selbst erzählen und die Welt explodierte nicht.
Ab da begann etwas, das ich heute radikale Ehrlichkeit nenne und mein wichtigstes Prinzip zur Erleichterung meines Lebens ist. Radikale Ehrlichkeit ist für mich kein ethisches Prinzip, ich habe so einige davon, aber meine Ehrlichkeit kommt nicht aus Moral. Sie kommt aus Energieökonomie. Lügen, Imagepflege und Versionen kosten Energie. Ich habe davon nicht genug, um sie in Parallelrealitäten zu investieren.
Doch der größte Gewinn dieser Entscheidung ist Konsistenz. Es ist mein Leben, und ich erzähle es. Es gibt nichts zu korrigieren. Manchmal kann es passieren, dass ich im Ton überzogen war oder eine Situation von außen noch einmal anders beleuchtet bekomme. Dann korrigiere ich den Ton oder entschuldige mich. Die Substanz des Gesagten bleibt in den allermeisten Fällen bestehen.
Es hat mir nie geschadet und es hat mir oft geschadet. Beides ist wahr und werde ich hier kurz erklären.Ich empfehle radikale Ehrlichkeit nach außen ausdrücklich nicht, denn ich hab dadurch Sozialkontakte verloren. Noch dazu bin ich in unangenehme Situationen geraten, in denen ich genau wusste, wenn ich das jetzt sage, wird es mir oder dem anderen wehtun, oder ich werde mich schämen, oder ich werde Ablehnung riskieren. Und manchmal lösen sich Beziehungen auch dadurch. Dating endet sehr oft abrupt. Familienfeiern eskalieren. Wer soziale Sicherheit über innere Stimmigkeit stellt, sollte radikale Ehrlichkeit eher nicht forcieren. Das sehe ich nicht als Schwäche, sondern ist schlicht eine andere, legitime Priorität.
Was ich jedem empfehle, ist radikale Ehrlichkeit nach innen. Das ist etwas anderes. Zu akzeptieren, dass man neidisch, gierig, eifersüchtig, getriggert... sein kann. Oft nicht heroisch, nicht golden, sondern einfach menschlich. Und dass man dies radikal ehrlich anerkennt, ohne Abwertung, ohne Selbstverherrlichung. Das ist anstrengend, weil man Dinge sieht, die man nicht mögen will. Aber genau dadurch entstand bei mir ein Impuls zur echten Veränderung, nicht Anpassung.
Nach außen ist meine Ehrlichkeit ein Beziehungsfilter. Ich will nur mit Menschen befreundet oder liiert sein, die mich meinen und keine geschönte, sozial verträgliche Version. Wenn jemand geht, weil sie mit meiner Wahrheit nicht klarkommt, dann mochte die Person mich nie wirklich, sondern nur ein Bild.
Natürlich gibt es Grenzen. Ich erzähle keine Details über andere. Ich veröffentliche keine sicherheitsrelevanten Informationen. Diskretion ist kein Widerspruch zur Ehrlichkeit. Aber ich führe keine zweite Version meines Lebens mehr.
Ich bin radikal ehrlich, weil Lügen Energie kostet.
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