208 Die rote 1
Brauchen wir Algorithmen?
Was diese zwei kleinen roten Zahlen gemeinsam haben, ist nicht TikTok und nicht Threads. Es ist das, was sie in meinem Kopf auslösen. Ich sehe die rote 1... und ich klicke. Nicht, weil ich gerade nichts Besseres zu tun habe. Sondern weil diese Zahl sagt, dass da Resonanz möglich ist.
Vielleicht hat jemand geantwortet.
Vielleicht hat jemand widersprochen.
Vielleicht hat jemand zugestimmt.
Vielleicht hat einfach jemand geliked.
Es juckt in meinem Hirn, bis ich drauf geklickt habe. Ich weiß nicht, wie das bei anderen ist. Ich weiß nur, wie es bei mir ist. Die rote Eins ist kein Drama. Sie ist klein. Aber sie ist ein Versprechen. Ein winziger Hinweis darauf, dass ich gesehen wurde. Und das ist ein Grundbedürfnis.
Also klicke ich. Und dann passiert das Eigentliche. Ich klicke auch in meinen Feed. Und dann ist da jemand, dem ich widersprechen möchte, oder dem ich zustimme, der mich zum Lachen bringt, also scolle ich, weil ich hoffe.
Mein Feed ist kein Zufall. Ich habe ihn geformt, ohne es zu planen. Ich habe ihn mit jedem Klick und mit jeder Interaktion gefüttert und der Algorithmus hat gelernt und deshalb hat er so oft recht.
Diese Systeme sind nicht dafür gebaut, mir gutzutun. Sie sind dafür gebaut, möglichst lange, intensiv und engagiert benutzt zu werden. Das ist nicht mal Bosheit, sondern schlicht Marktlogik. Aufmerksamkeit ist die Ware und Verweildauer der Erfolg. Und um diese Verweildauer zu erhöhen, nutzen Plattformen Mechanismen, die durchaus potentiell suchtgefährdend sein können:
Unregelmäßige Belohnung.
Variable Bestätigung.
Soziale Rückkopplung.
Endlosbestätigung ohne vorgegebenen Abschluss.
Nicht jeder, der Social Media nutzt, ist abhängig. So wie nicht jeder, der Lotto spielt, spielsüchtig ist. Menschen sind unterschiedlich disponiert. Aber dass diese Mechaniken Suchtgefahren bergen, ist schwer zu bestreiten. Es ist ein Risiko, das sich über Dauer aufbaut.
Aber selbst das ist nicht der Kern. Der Kern ist, dass es kein Ende gibt, denn der Algorithmus schlägt immer den nächsten Inhalt vor.
Wir regulieren Glücksspiel, weil variable Belohnungssysteme sucht-verstärkend wirken können. Wir akzeptieren, dass Märkte Leitplanken brauchen, wenn Profitinteressen und menschliche Bedürfnisse aufeinandertreffen.
Ich rede nicht von Verboten, nicht von Zensur, nicht von Zeitlimits.
Ich frage mich nur:
Was würde passieren, wenn Social Media keine Vorschlagalgorithmen mehr hätte? Wenn es nur noch eine Suchzeile gäbe?
Wenn ich aktiv entscheiden müsste, was ich sehen will, statt endlos gefüttert zu werden mit dem, worauf ich vermutlich reagieren werde?
Wenn ich aktiv entscheiden müsste, was ich sehen will, statt endlos gefüttert zu werden mit dem, worauf ich vermutlich reagieren werde?
Die rote Eins würde dadurch gar nicht verschwinden. Sie würde nur keine endlose Scroll-Versuchung mehr mit sich bringen. Die Betreiber der Plattformen wären sicher nicht begeistert davon, aber sie machen keinen Großteil der Bevölkerung aus.
Wo seht ihr Chancen und wo Risiken von Social Media?
Wie würdet ihr die Probleme (falls ihr welche seht) davon angehen?
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