205 Eure Wut ist normal - Meine ist zu viel

Loyalitäts-Doppelmoral

Ich rede hier nicht von Streit. Ich rede nicht davon, jemanden fertigzumachen oder jemanden persönlich anzugehen. 

Ich rede davon, dass ich mich auch mal auskotzen will, dass ich auch mal wütend sein will auf die Welt, auf ein System, auf Umstände, die beschissen laufen. Ihr ruft bei mir an und beschwert euch über den Straßenverkehr, über Kollegen, über das Sozialsystem, über irgendwen, der euch gerade nervt, und ich gehe ein Stück mit, nicht weil ich muss, sondern weil das normal ist, weil das dazugehört, weil das gut tut, weil man sich bei Freunden auch mal auskotzen darf. Ich relativiere vielleicht minimal, wenn es nötig ist, aber ich verlasse euch nicht, ich bleibe bei euch und rege mich mit euch auf, weil das Verbundenheit ist, dieser kurze Moment von: "Wir gegen die Welt!".

Wenn ich wütend bin, dann bin ich euch unangenehm, peinlich, zu laut, zu anstrengend. Dann heißt es, ich müsse das differenzierter sehen, ich müsse sachlicher bleiben, ich müsse mich beruhigen. Ich kenne meine Anteile meistens schon selbst, ich benenne sie oft sogar vorher, ich weiß, wo ich hätte früher reagieren können, wo ich hätte besser planen können, wo ich vielleicht nicht perfekt war. Trotzdem darf ich auch mal sagen: Das regt mich auf.

Mein Borderline ernst nehmen heißt nicht, dass ich keine Emotionen mehr haben darf. Therapie heißt nicht, dass jede Wut automatisch falsch ist. DBT (Verhaltenstherapie für Borderliner) sagt nicht, deine Gefühle sind fehlerhaft, sie sagt, prüf sie. Und ich prüfe! Und wenn ich nach dieser Prüfung wütend bin, dann ist das kein Beweis für meine Dysfunktion, sondern nur dafür dass ich meine Wut als gerechtfertigt empfinde.

Was ich mir wünsche, ist nichts Großes. Ich will kein "Du bist unschuldig!", ich will keine Bestätigung, dass ich immer recht hätte. Ich will für ein paar Minuten dieses: "Ja, verdammt, das ist ungerecht.". So wie ich es auch gebe. Wenn ich euch kenne und weiß, warum euch etwas aufregt, dann steige ich ein. Nicht blind, aber loyal, wenn ich es nicht täte wäre ich nicht mit euch befreundet.

Und manchmal fühlt es sich an, als würde mir gesagt: Halt die Fresse, sei funktional, solange du zuhörst, bist du willkommen, aber sobald du selbst Raum einnimmst, sobald du laut wirst, sobald du nicht nur Spiegel bist, wirst du mir zu anstrengend. Wenn das wirklich so ist, dann sagt es wenigstens ehrlich. Dann kann ich entscheiden ob ich noch weiter Lust auf Kontakt habe.

Ich bin kein Werkzeug. Ich bin kein emotionaler Dienstleister. Ich bin ein Mensch. Und Menschen sind manchmal laut.

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