160 Meine Art zu malen

 

Bildbearbeitung ist seit über zwanzig Jahren mein größtes Hobby. Zwei Jahrzehnte lang habe ich am Bildschirm gesessen, Layer über Layer geschoben, Kanten weichgezeichnet, radiert, markiert, skaliert, gedreht und auf die wunderbarste Weise wahnsinnig geworden. Angefangen hat alles mit Photoshop, natürlich mit einem Crack, es heute verjährt ist und weil diese Zeit sowieso ein halber Urknall war: das Internet wild und die Moral elastisch. Photoshop war mächtig, recht leicht zugänglich (fand ich damals nicht, aber ich kannte GIMP noch nicht) und unbezahlbar.

Dann kam der Punkt, an dem Photoshop als Hobby schlicht nicht mehr finanzierbar war. Also GIMP. Und GIMP war am Anfang die Hölle. Es ist wie ein toller Werkzeugkasten, nur leider jedes Werkzeug für Linkshänder gemacht (bin Rechtshänder). Am Anfang schmerzt alles. Nach Jahren der Nutzung liebe ich GIMP, nicht weil es bequemer geworden wäre, sondern weil mein Gehirn sich an die Menüführung gewöhnt hat.

Irgendwann kam endlich Bild-KI auf den Markt. Ich hatte schon drauf gewartet. Und ich war begeistert, wirklich begeistert, weil ich nicht malen kann. Ich habe es versucht. Nicht drei Wochen, nicht drei Monate, sondern über Jahre. Verschiedene Methoden, verschiedene Materialien, digital, analog, Kurse, Tutorials, Übungen. Ich kann nicht malen. Das ist keine Koketterie, ich hab kein Talent dafür. Bitte keine Ratschläge. Ich bin darüber hinaus, und es wäre respektlos, mir wieder irgendwelche Wundertipps hinzulegen. Das Thema ist abgeschlossen.... Nein ist es nicht, es triggert mich immer noch das zu schreiben. Ich will dass es abgeschlossen ist und es wird es irgendwann sein.... wusaaaa.

Als KI-Bilder kamen, dachte ich: Endlich. Endlich muss ich mich nicht mehr schämen, dass mein Kopf Bilder ausspuckt, die meine Hände nicht erzeugen können. Aber dann kam die Ernüchterung, denn KI ist in Sachen echter Bildbearbeitung völlig nutzlos. Sie kann keine Strahlengänge, keine Perspektiven, kein echtes räumliches Denken, keine saubere Ebenenlogik. Sie kann aus einem Mittelwert irgendwelche hübschen Dinge zusammenkleistern, aber sie ist nicht in der Lage, die Arbeit zu leisten, die Illustratorinnen, Fotografen oder Bildbearbeiter seit Jahrzehnten leisten. Der Datenschutz ist fragwürdig, Nutzungsrechte sind ein Minenfeld, das Fortschrittsgeschrei ist lächerlich. CAD-Software aus den frühen 2000ern konnte mehr.

Trotzdem nutze ich KI. Nicht als „Künstlerin", sondern als generative Collageerzeugerin für Hintergründe, die ich manchmal gebrauchen kann. Früher habe ich mir Hintergründe und Elemente aus riesigen Pools von Copyright-freien Bildern zusammengestückelt. Collagen, Montagen, Kantenmassaker. Das konnte ich schon immer: viele Einzelteile zu etwas zusammensetzen, das wie ein Gedanke wirkt. KI ersetzt mir heute genau diese Arbeitsschritte. Das ist praktisch, das ist ehrlich, und das ist alles wofür sie momentan taugt.

Was ich nicht mache, wenn ich ein Bild bearbeite, ist an meinem Körper herummanipulieren. Nie gemacht. Werde ich nicht machen. Ein Farbfilter, ja und den soll man dann aber auch sehen. Aber ich werde mich nicht schlanker, nicht glatter, nicht straffer, nicht jünger machen. Wozu auch? Wenn jemand mich später real sieht und ich sehe nicht aus wie auf meinem Profilbild, dann ist das eine Lüge, und Lügen sind für mich Zeitverschwendung. Das kann jeder anders halten, ich urteile da nicht über andere. Ich fotografiere aber lieber zweihundert Bilder in verschiedenen Posen mit verschiedenem Licht, bis eines zeigt was ich zeigen will. Wenn ich weiß dass ich so aussehen kann, reicht mir das. Dann ist das kein Fake, sondern ein Moment. Mein Körper ist der Fleischroboter, mit dem ich arbeiten darf. Er ist mein Material. Der Hintergrund dagegen - das, was ich dorthin lege, was ich um mich herum baue - das bin ich. Das ist der Anteil, der aus meinen Gedanken besteht, aus meinen Ideen, aus meinen Intentionen, aus meinen Gefühlen. Der Hintergrund ist immer ich; der Körper ist nur das zur Verfügung stehende Material.

Und damit ist alles gesagt. Ich mache Bilder, weil ich nicht malen kann. Weil ich aus hundert Einzelteilen etwas baue, das nach Gefühl aussieht. Weil ich meine eigenen Grenzen kenne: ich kann nicht malen, aber ich kann komponieren. Und solange der Fleischroboter ehrlich bleibt und der Hintergrund meine Gedanken trägt, ist das für mich Bildbearbeitung: kein Betrug, sondern Bekenntnis und meine Art von Bildkunst.



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