104 Die Gewalt der Floskeln
Die Gewalt der Floskeln
Es gibt bei psychischen Erkrankungen Sätze, die sind in sich nicht falsch. Mehr Bewegung. Mehr Schlaf. An die frische Luft gehen. Vitamin D auffüllen. Einen geregelten Tag-Nacht-Rhythmus finden. Sport treiben. Unter Leute gehen. Ja, das kann helfen. Es kann unterstützen. Aber nicht heilen.
Wenn jemand eine diagnostizierte Depression hat, ist das eine potenziell tödliche Erkrankung. Nicht einfach nur eine „Phase", sondern eine Krankheit, die Menschen in den Suizid treiben kann. Und dann sagt man so jemandem: „Denk doch einfach positiv. Du musst dich nur selbst lieben. Geh mal mehr raus. Mach Sport." Das wirkt nicht wie Fürsorge, sondern wie Hohn.
Ich selbst habe keine Depression. Meine Diagnose ist eine bipolare Störung, daher kenne ich depressive Phasen, teils schwer, teils mit Suizidversuchen. Und ich habe auch große Anteile von Borderline in mir, das war einmal meine Diagnose, ist es jetzt nicht mehr, aber Anteile davon lassen sich in meiner Persönlichkeit nicht leugnen. Ich habe in meinen vielen Psychiatrieaufenthalten und in Selbsthilfegruppen viele Menschen kennengelernt, die schwer an Depressionen litten.
Eine beschrieb eindrücklich, wie sich schlimme Episoden bei ihr anfühlen: Du liegst im Bett, du kannst nicht aufstehen, du schaffst es nicht zu duschen, du schaffst es gerade so, ab und zu etwas zu essen. Auf dem Tisch steht deine Lieblingspflanze. Du hast sie jahrelang gepflegt, gegossen, Blätter abgeschnitten, beim Wachsen zugesehen. Und jetzt guckst du ihr beim Sterben zu, jeden Tag. Weil du es nicht schaffst, aufzustehen und sie zu gießen. Du hast Schuldgefühle, du ärgerst dich deswegen, bei jedem Blick zum Tisch, aber du schaffst es nicht... Das ist eine schwere Depression.
Und jetzt stell dir vor, jemand sagt dir in dieser Situation: „Lach doch einfach mehr. Geh in die Sonne. Beweg dich. Schlaf dich aus." Wer so etwas sagt, behauptet unterschwellig, schlauer zu sein als Ärzte, Psychologen, Sozialarbeiter und als der Betroffene selbst, der möglicherweise seit Jahren leidet, kämpft, überlebt. Und schlimmer noch: Es steckt immer ein Vorwurf darin. Du könntest gesund sein, wenn du dich nur mehr anstrengen würdest. Du bist selbst schuld an deiner Krankheit. Es ist schwer, einem Menschen auf gut gemeinte Weise noch herabwürdigender zu begegnen.
Was ich mir wünschen würde, wenn Menschen von psychischen Problemen hören, ist nicht ein Ratschlag, sondern eine Frage. Keine Standardfrage, sondern eine angepasste, interessierte. „Wie sehr belastet dich das im Alltag?" „Wie kriegst du das hin?" „Wie schaffst du es über die Tage?" Oder, wenn man mehr weiß: „Wie schaffst du das mit der Pflege deiner Mutter?" Fragen, die zeigen, dass man zuhört. Denn ihr redet mit einem Experten, niemand kennt die Krankheit besser als der Betroffene selbst. Also lasst ihn reden, lasst ihn in Ruhe oder fragt ihn. Und wenn euch selbst keine Frage einfällt, dann reicht auch: „Boah, das hört sich echt scheiße schwer an." Wenigstens anzuerkennen, dass hier gerade von echtem Leid die Rede ist, ist mehr wert als jede "gut gemeinte" Floskel.
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