067 Wissensfangkörbe - der faule Generalist baut vor
Dies ist eine Fortsetzung meines Textes über Faulheit , aber auch ohne diesen gelesen zu haben, denke ich verständlich.
Warum dieser Umstand, wenn ich doch wirklich erwiesenermaßen faul bin?
Dieses Wissensfangkörbe-Prinzip ist entstanden, weil ich ein fauler Mensch bin – aber nicht nur. Ich bin auch jemand, der immer nach Überblick strebt, nach dem großen Zusammenhang, nicht nach tiefem Expertenwissen. Ich will verstehen, wie ein System grob funktioniert, statt in Einzelheiten zu versinken. Zusammengefasst: Ich bin ein fauler Generalist. Und genau so lerne ich und freue mich, wenn ich spüre, dass es für mich funktioniert.
Schon
in der Schulzeit habe ich - damals ziemlich unbewusst - versucht, immer
erst mal das Systematische, das Grobe zu verstehen. Egal ob Mathe,
Geschichte, Erdkunde oder irgendwas anderes: Mein Ziel war immer, dass
zumindest irgendein Grundpfeiler hängen bleibt.
Das Bild vom
Wissensfangkorb passt da perfekt: Man kann sich so einen fertigen
Wissensfangkorb vorstellen wie eine große, geflochtene Reuse, die ins
Wasser gestellt wird und mit jeder Welle sammeln sich mehr darin an.
Das Schwierigste sind am Anfang die ersten Streben. Wer schon mal mit Weide geflochten hat, weiß, wie störrisch das sein kann. Ähnlich ist es beim Lernen: Die Grundstruktur eines Themas zu verankern, kostet manchmal richtig Mühe. Aber wenn diese Struktur erst mal steht - Glückwunsch, jetzt kann man das Thema auch wieder liegen lassen. Irgendwann taucht es sowieso wieder auf, sei es in der nächsten Unterrichtsstunde, im Studium, im Alltag, oder weil das Leben mal wieder einen Umweg zu diesem Thema führt. Dann wird das Netz verfeinert, neue Äste und Streben kommen dazu, die meist auch noch absichtsvoll und mühevoll hinzugefügt. Nach genug Begegnungen mit dem Thema (ob freiwillig oder nicht), ist das Netz so fein, dass selbst Nebenbei-Input hängen bleibt - selbst wenn man gar nicht mehr voll konzentriert ist.
Mit dieser Methode wird man in keinem Bereich ein echter Experte - weder im Wissen noch im Können, auch nicht handwerklich, dafür braucht es viel gezieltere Übung. Aber man hat so oft genug Überblick, um mitreden zu können, um Zusammenhänge zu begreifen, bessere Fragen zu stellen und um die Angst vor dem großen Unbekannten zu verlieren.
Der größte Nutzen
Denn das ist für mich der größte Nutzen: Sobald ich ein Thema so weit verstanden habe, dass ich das grobe System, das Modell, den Überbau, grob nachvollziehen kann, wird es weniger bedrohlich. Wissen baut Brücken über die Angst, und mein Wissensfangkörbe-Prinzip sorgt dafür, dass immer irgendwo eine Brücke in Sichtweite ist.
Das ist für mich der größte praktische Nutzen meines Systems: Weil ich in so vielen Bereichen ein grobes, modellhaftes Überblickswissen habe, erschrecken mich auch scheinbar riesige Themen wie Astrophysik, Weltwirtschaft oder Klimaforschung nicht mehr grundlegend. Mein Wissen ist oft wirklich nur ein wackeliges, rudimentäres Gerüst - gerade bei Dingen wie Klima, Technik oder Physik. Trotzdem: Sobald ich wenigstens die Grundzüge verstanden habe, kann ich einordnen, was ich sehe, lese oder höre. Das gilt auch für gesellschaftliche Themen, Soziologie, Psychologie oder für die Art, wie Menschen funktionieren - beim letzten Thema ist mein Korb ein bisschen dichter, weil mich das persönlich am meisten betrifft.
Was
heißt das konkret? Wenn das Gespräch auf ein schwieriges Thema kommt,
wenn ich einen Zeitungsartikel lese, eine Nachrichtensendung sehe oder
ein kompliziertes Problem in den Raum geworfen wird, dann habe ich nicht
mehr das Gefühl, vor einem schwarzen Loch zu stehen. Ich erstarre nicht
mehr vor Angst oder Ohnmacht, sondern kann das Gesehene oder Gehörte
zumindest grob einordnen:
„Aha, typisch Mensch" - „Aha, so
funktioniert das Klima eben leider" - „Aha, das ist politisch oder
wirtschaftlich logisch, auch wenn es fies ist."
Das macht die
Realität nicht schöner, das nimmt nicht die Wut oder die Traurigkeit
über Missstände – aber es schützt davor, in Panik zu verfallen oder sich
in Verschwörungsglauben zu verlieren.
Man sieht die Mechanik hinter vielen Vorgängen. Man weiß, dass die Welt ungerecht ist und dass der eigene Einfluss begrenzt bleibt - aber man sucht keine geheimen Puppenspieler, sondern erkennt, dass oft nur sehr menschliche, manchmal traurige, manchmal dumme, manchmal schlicht egoistische Prinzipien am Werk sind.
Die Schönheit dahinter
Vielleicht
liegt gerade darin der eigentliche Wert des Wissensfangkorb-Systems: Es
geht gar nicht nur um Nützlichkeit, sondern um ganz existenzielle
Gründe, überhaupt Wissen zu sammeln.
Warum überhaupt Wissen?
Weil jedes einzelne Stück Wissen - sei es noch so nischig, noch so
seltsam, noch so klein - hilft, die Welt ein bisschen besser zu
verstehen.
Ob es die perfekte Selfie-Beleuchtung ist, eine obskure
Fan-Theorie, ein Einblick in die Weltwirtschaft oder warum der Nachbar
immer auf meinem Parkplatz parkt: Alles, was eine Frage klärt, macht das
Leben verständlicher, handhabbarer, oft auch reicher.
Jede
Fähigkeit, jede Antwort, jede Erklärung nimmt ein bisschen Angst, ein
bisschen Ohnmacht, ein bisschen Desorientierung. Wissen hilft beim
Leben. Es macht aus Ohnmacht Neugier, aus Rätseln Lösungen, aus
Vereinzelung Verbindung.
Ein
Informatiklehrer hat mir das Bild geschenkt: Wie lang eine Küste ist,
kann niemand wirklich sagen. Je feiner du misst, je kleiner du die
Abschnitte wählst, desto länger wird jede Linie, bis ins Unendliche,
selbst bei der Pfütze vor deiner Tür.
So ist es auch mit dem Blick
auf das Leben, auf das Menschliche: Ob du unter das Mikroskop gehst oder
das Makroobjektiv der Geschichte aufspannst - je genauer du hinschaust,
desto unendlicher, vielfältiger, komplexer wird alles.
Und gerade das nimmt einem nicht nur die Angst, sondern schenkt auch Demut.
Respekt vor dem Leben an sich.
Respekt vor den Menschen in all ihren Widersprüchen, Motiven, Abgründen und Möglichkeiten.
Und, wenn es gut läuft, am Ende auch Respekt vor sich selbst - gerade
weil man weiß, wie unendlich vielschichtig und offen alles bleibt.
Und für mich ist das vielleicht die beste Begründung fürs Sammeln von Wissen:
Wissen ist das beste Mittel gegen Angst. Es macht die Welt nicht schöner, aber sie wird erklärbarer, erträglicher - und zeigt mir wie groß und komplex, die Welt, die Menschen und ich selbst sind.
Was bedeutet Wissen für dich?
Wie gehst du an neues Wissen heran?
Ist es für dich Lust oder Pflicht?
Eroberst du Themen, weil du sie brauchst - oder lässt du dich eher treiben, sammelst „nebenbei" und durch Zufall?
Was hat dir im Leben wirklich geholfen: Wissen oder Können?
Sammelst du für den Überblick, oder bist du der Typ „Tiefe statt Breite"?
Wie eignest du dir Wissen an - durch Bücher, Gespräche, Übung, Videos, Fragen, Zufall?
Was waren die besten Aha-Momente, die dir wirklich etwas genommen oder geschenkt haben?
Empfindest du das Aneignen von Wissen als Bereicherung oder als Last?
Gibt es für dich einen Moment, wo Wissen Angst nimmt oder Respekt schenkt?
Ich würde sehr gern mit euch diskutieren und mich austauschen.
Ich will wissen, wie ihr Wissen anhäuft, was euch wirklich
weitergebracht hat - und was ihr für euch persönlich als nutzlos, mühsam
oder sogar schädlich empfunden habt.
P.S. Ob Plasik, Weide, Metall oder Netz, ich nehme pragmatisch was sich anbietet.



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