204 Bücherfresser a.D.

Beim Lesenlernen hasste ich Lesen, meine Mutter meinte: "Du wirst es irgendwann lieben!". In meiner kindlichen Sturheit die später auch zu dem Spitznamen "DrachenSchaf" führte, glaubte ich ihr absolut nicht.

Mein erstes selbst gelesenes Buch weiß ich noch genau. Es war „Oh, wie schön ist Panama“, von Janosch, in Schreibschrift gedruckt. Warum ausgerechnet dieses Buch der Anfang war, weiß ich nicht einmal sicher. Ich weiß nur, dass meine Mutter in diesem Moment keine Zeit hatte, mir daraus vorzulesen. Ich war ungefähr in der dritten Klasse, konnte Buchstaben lesen, wusste das auch, aber hatte Lesen bis dahin eher als etwas erlebt, das man gezwungenermaßen macht oder das jemand für einen erledigt. Und dann saß ich da mit diesem Buch und dachte mir sinngemäß: "Bevor ich jetzt warte, bis sie Zeit hat, lese ich es halt selbst.". Und das ging. Nicht Buchstabe für Buchstabe, nicht mühsam, sondern als Geschichte. Ich verstand, was da stand. Ich konnte dem folgen. Und ich erinnere mich noch gut an dieses Gefühl von Staunen darüber, dass ich mir diese Geschichte einfach selbst holen konnte, ohne Vermittlung, ohne Hilfe. Das war kein pädagogischer Moment, das war ein selbstermächtigener. Und genau so begann mein Lesen.

Danach wurde Lesen schnell etwas völlig Selbstverständliches. Ich war bereits vorher süchtig nach erzählten Geschichten, ab da gab es kein Halten mehr. Wenn ich eine Geschichte wollte konnte ich sie mir holen. Nicht nach Bildung, nicht nach Literatur, war ich süchtig, sondern nach dem Gefühl, in andere Welten einzutauchen, andere Leben mitzudenken, andere Blickwinkel zu erfahren, andere Möglichkeiten durchzuspielen. Bücher waren dafür für mich der direkteste Zugang. Filme liefern Bilder, Spiele liefern Gestaltungsräume, aber Bücher liefern nichts außer dem was mein Hirn aus Sprache macht. Und genau das machte sie für mich so intensiv und intim im Erleben. Ich ging selbst auf die Reise, die der Autor geschrieben und meine Phantasie ist der einzige Ort an dem ich eine Ahnung von "Unendlich ∞" bekomme.

Als Kind hatten es mir Michael Ende, Astrid Lindgren und Otfried Preußler besonders angetan, also war mir Fantasy keineswegs fremd. Besonders die "Unendliche Geschichte" hatte ich wieder und wieder verschlungen, auch wenn ich erst als Teenager wirklich mit meinen persönlichen philosophischen Deutungen des Stoffs begann.

Noch davor begab sich folgender legendär-pragmatischer Start in das wunderbarste Universum das ich je kennengelernt habe:
Meine Mutter (selbst Lesesüchtige, wie fast alle in meiner Familie) hatte damals immer den Weltbildkatalog. Darin war eine Jubiläumsausgabe angekündigt, sieben Bände, Der Hobbit und Der Herr der Ringe. Sie waren teurer als durchschnittliche Bücher. Ich habe gefragt, ob ich die haben darf. Meine Mutter hat ja gesagt. Bücher waren bei uns immer erlaubt.
Ich habe Der Hobbit aufgeschlagen und den ersten Satz gelesen: „In einem Loch im Boden, da lebte ein Hobbit.“ Und danach die liebevollste Beschreibung einer Fantasyspezies die ich bis zum heutigen Tag je gelesen habe. Ich war süchtig nach Fantasy ab da.
Von da an war Fantasy kein Genre mehr, sondern ein Ort. Ich habe diese Bücher gelesen, gelesen, gelesen. Immer dann, wenn nichts anderes mehr da war, habe ich wieder Tolkien gelesen. Oft nur bis nach Bree, manchmal alles. Insgesamt bestimmt zwanzig Mal. Nicht aus Fandom, sondern weil es Heimat für mich geworden war. Diese Worte haben in mir gewurzelt.
Die Ausgabe selbst habe ich irgendwann verloren. Ich bin elf Mal umgezogen. Es ist "nicht jeder, der wandert, verlorn", aber diese Ausgaben sind es für mich. Der Inhalt ist es keineswegs, allerdings bin ich kein Superfan. Ich habe das Silmarillion nie gelesen, die neue Serie hasse ich, und trotzdem spiele ich heute noch manchmal ein uraltes Herr der Ringe-Online-Spiel, das objektiv kaum noch spielbar ist (LotRO ist fast 20 Jahre alt). Nicht aus Nostalgie. Sondern weil ich da hingehöre. Ich bin ein Hobbit. (Siehe Des Hobbits Liebeserklärung an Lebensmittel)

Ich habe ansonsten gelesen, was ich bekommen konnte. Viel, schnell, wahllos. Bibliotheken waren keine Orte der Ehrfurcht, sondern Jagdgebiete. Ich habe Regale leer gelesen. Erst Fantasy, dann  Mittelalterliches, Historisches, alles mit Schwertern, Drachen, Königen, Intrigen. Dann Thriller, Psychothriller, alles, was dunkle Ecken im Menschen ausleuchtet. Als nicht mehr viel verlockendes übrigblieb ging ich zu denen "die-manchmal-wegen-alphabetischer-Sortierung-zwischen-den-üblichen-Romanen stehen". An denen ich eh schon bei den letzten 10 Besuchen vorbei ging. An den großen Namen, an sogenannter Weltliteratur. Was sollst du machen, bevor du Uninteressantes liest?

Ich habe mir nie die Frage gestellt, ob ich dazu berechtigt bin, solche Bücher zu lesen. Ich habe mich nicht gefragt, ob ich sie richtig verstehen werde, ob ich sie so lese, wie der Autor sie gemeint hat, oder ob ich dafür genug Vorwissen habe. Ich habe gedacht: Das ist ein Buch. Es ist auf Deutsch geschrieben oder zumindest übersetzt. Ich kann Deutsch lesen. Also werde ich es lesen können. Und das stimmte. Ich habe „Herr der Fliegen“ gelesen, „1984“, „Les Misérables“, „Die Verwandlung“, „Der Zauberberg“, „Die Buddenbrooks“, „Der Untertan“, später den „Steppenwolf“. Ich habe sie gelesen wie alles andere auch: aufgeschlagen, gelesen, weitergelesen. Und ich habe mir meine eigenen Gedanken dazu gemacht.

Und ich habe schnell verstanden, dass dieses berühmte Kanon-Gedöns nicht nur Gerede ist. Nach „1984“ ist Sprache nicht mehr unschuldig. Nach „Herr der Fliegen“ ist Zivilisation keine Selbstverständlichkeit mehr. Nach Kafka fühlt sich Entfremdung nicht mehr abstrakt an, sondern körperlich. Nach Victor Hugo denkt man über Gesellschaft und Verantwortung anders.... und... sie sind halt absolut NICHT langweilig.

Außer der „Zauberberg“ und das auch noch mit Absicht. Wer ihn gelesen hat, weiß, warum. Wer ihn nicht gelesen hat, dem kann ich das kaum erklären. 

Ich war ein Bücherfresser. Ich habe Bücher nicht gesammelt, ich hab sie mir einverleibt. Lesen war kein Ereignis, es war ein Zustand. Es war einfach da, so wie Atmen oder Denken.

Der Bruch kam, und er kam nicht leise. Ich war in der Psychiatrie, bekam Tavor. Nicht, weil ich mir das ausgesucht hätte, sondern weil es mir gegeben wurde. Ich wusste damals nicht mal, dass es abhängig machen kann. Ich wusste nicht, was es mit Konzentration, Gedächtnis und Wahrnehmung macht. Und es war langweilig dort. Nach ein paar Tagen wollte ich etwas lesen. Eine Mitpatientin hatte „Tintenherz“. Das Buch kann nichts dafür. Ich habe versucht zu lesen und gemerkt: Es geht nicht. Die Wörter waren da, aber sie kamen nicht mehr zusammen. Es war, als hätte jemand einen Schalter umgelegt. Das war ein Schock.

Als das Tavor abgesetzt wurde, wurde es wieder deutlich besser. Aber es wurde nie wieder wie vorher. Ich lese wieder, aber das alte Verschlingen kam nicht zurück. Ich nehme Psychopharmaka: Lithium. Ich will und muss es nehmen. Ich bin dankbar für die Stabilität, die es mir gibt. Aber ich merke auch, dass es dämpft. Nicht dramatisch, nicht vernichtend, aber spürbar. Und irgendwo auf diesem Weg ist das frühere Lesen geblieben, aber ich habe die Fähigkeit eingebüßt Bücher zu verschlingen und dafür eine Befreiung von 30 Jahren latenten Suizidgedanken erhalten. Ich denke der Handel ist fair.

Heute lese ich sehr viel langsamer und deshalb weniger und selektiver. Ich greife mir einzelne Bücher, meist wieder "Weltliteratur". Nicht, weil ich mir etwas beweisen will, sondern weil sie da sind und auf mich warten, viele davon hab ich noch nicht, will ich aber noch. Und ich weiß inzwischen, dass ich nicht alle lesen werde, die fantastisch sind. Das ist ein Verlust, aber schlicht meine Realität.

Was Lesen heute für mich bedeutet, hat viel mit dem zu tun, was es früher für mich war. Ich habe mir durch dieses wahllose, gierige Lesen unglaublich viel Welt angeeignet. Fantasie, Geschichte, mögliche Vergangenheiten, mögliche Zukünfte, menschliche Abgründe, Denkmodelle. Das ist alles nicht weg. Es existiert in mir weiter. Auch wenn ich heute langsamer lese, stehe ich auf einem Fundament aus Geschichten.

Ich bin ein Bücherfresser außer Dienst. Ich weiß, wie es sich angefühlt hat, sich selbst ermächtigt jede Geschichte anzueignen zu können, die ich wollte und die auf Deutsch erhältlich war. Das hat mich für immer verändert und den unendlich vielen Autorinnen der Welt bin ich dafür dankbar, dass sie schrieben und schreiben. Und somit uns Lesern neue Blickwinkel eröffnen. 


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