173 Wer kann canceln - und warum ich Canceln für ein falsches Ziel halte

 Dies ist die Neuauflage für Reddit vom Text 134 Cancel Culture II – Wer wirklich canceln kann und warum 

Cancel Culture wird häufig als gesellschaftliches Phänomen diskutiert, moralisch aufgeladen und emotional geführt. Ich möchte das in diesem Text anders angehen. Nicht fragen, ob bestimmte Meinungen richtig oder falsch sind, sondern wer in modernen Öffentlichkeiten tatsächlich über die Macht verfügt, Menschen zum Verstummen zu bringen, also ihnen die Möglichkeit zu nehmen, öffentlich zu senden. Und mich der Frage widmen ob Wünsche nach Cancelation überhaupt ethisch tragbar und sinnvoll sind.

Zu den Möglichkeiten des Cancelns nur sehr kurz: Bislang ist mir kein öffentlich als „gecancelt" bezeichneter Akteur bekannt, der dauerhaft jede Form von Plattform verloren hat; Kommunikation verlagert sich, sie verschwindet nicht.

Doch grundsätzlich ist festzuhalten, dass öffentliche Kommunikation in liberalen Demokratien auf einer grundlegenden Unterscheidung beruht und zwar zwischen Gegenrede und Ausschluss. Gegenrede bedeutet, einer Meinung mit Argumenten zu begegnen, sie öffentlich zu kritisieren, ihr zu widersprechen oder sie zurückzuweisen. Ausschluss bedeutet, einer Person den Zugang zu Kommunikationsräumen zu entziehen. Diese beiden Ebenen werden in Cancel-Culture-Debatten häufig vermischt, obwohl sie in Wirkung und Rechtfertigung sehr unterschiedlich sind.

Doch wenn wir uns dem Ausschluss und somit der im demokratischen Sinne fragwürdigeren Seite widmen: Wer kann überhaupt ausschließen? Ausschluss im Sinne einer tatsächlichen De-Plattformierung setzt Kontrolle über Infrastruktur voraus. Nur Akteure, die über Zugänge, Reichweiten oder institutionelle Ressourcen verfügen, können verhindern, dass jemand öffentlich sendet. Dazu zählen Plattformbetreiber, Medienhäuser, Arbeitgeber oder in letzter Konsequenz staatliche Instanzen, wobei letztere bei Einwirken in diesem Bereich in Konflikt mit dem Grundgesetz geraten würden. Doch diese Akteure besitzen Exekutivmacht über Sichtbarkeit und (im Falle der Arbeitgeber) über soziale Sicherheit der Kritisierten. Einzelne Zuschauer oder lose Öffentlichkeiten besitzen diese Macht nicht direkt.

Plattformen und meist auch Arbeitgeber handeln bei Ausschlüssen nicht aus moralischen oder ethischen Motiven, sondern aus ökonomischen. Ihre Entscheidungen folgen betriebswirtschaftlicher Logik und beachten dabei Risikominimierung, Werbefreundlichkeit, Markenimage, regulatorischer Druck und ähnliche Faktoren. Das ist keine moralische Bewertung, denn solche Aspekte sind für ein privatwirtschaftliches Unternehmen legitime Entscheidungsfaktoren. Wer Plattformentscheidungen als Ausdruck gesellschaftlicher Moral missversteht, projiziert normative Erwartungen auf Akteure, deren Funktionslogik eine andere ist.

Versuche von unten, diese Exekutivmacht zu erzwingen oder zu simulieren, etwa durch Druck auf Arbeitgeber, Werbepartner oder Plattformen, sind aus zwei Gründen problematisch. Erstens sind sie faktisch wirkungslos in Bezug auf das eigentliche Ziel, Menschen dauerhaft zum Verstummen zu bringen. Öffentliche Kommunikation verlagert sich, verschwindet aber nicht. Zweitens sind sie moralisch äußerst fragwürdig, weil sie zutiefst paternalistisch sind. Paternalistisch wird eine Position dort, wo jemand nicht nur die eigene Meinung für richtig hält und andere für falsch, sondern daraus ableitet, dass andere Menschen diese abweichenden Meinungen nicht mehr hören dürfen. Damit wird nicht mehr argumentiert, sondern bevormundet. Der Übergang von Gegenrede zu (gewünschtem) Ausschluss markiert den demokratischen Kipppunkt.

In einem freiheitlich-demokratischen Rahmen existiert eine klare Eskalationslogik legitimer Mittel. Ich erfahre von einer öffentlich kund getanen Meinung, die ich inhaltlich oder moralisch ablehne. Darauf folgt meine Gegenrede, gegebenenfalls intensive und anhaltende Gegenrede. Wenn dies nichts bringt, folgt als nächste Stufe der persönliche Boykott, im äußersten Falle der öffentliche Boykottaufruf. Jemandem die Aufmerksamkeit zu entziehen ist in der Aufmerksamkeitsökonomie kein schlechtes Werkzeug.

De-Plattformierung kann ich nie als legitimes Ziel demokratischer Auseinandersetzung sehen. Sie ersetzt Überzeugung durch Ausschluss und Vertrauen in Argumente durch Misstrauen gegenüber der Urteilsfähigkeit anderer Menschen. Wer progressiv denkt, sollte sich genau an diesem Punkt fragen, ob der Wunsch nach Verstummen lassen mit der eigenen Haltung vereinbar ist.

Mein persönliches Fazit daraus: Canceln lehne ich grundsätzlich ab. Es ist moralisch verwerflich und faktisch sinnlos, weil es weder Menschen dauerhaft zum Schweigen bringt noch demokratische Auseinandersetzung fördert. Ich halte es für ein falsches Ziel, Menschen die Plattform zu entziehen. Mein Ziel ist Kritik, Gegenrede und im Zweifel der Entzug von Aufmerksamkeit, nicht das Verstummen lassen von Personen. Wenn ich meine Position nicht für stark genug halte, um sich im offenen Diskurs zu behaupten, dann schärfe ich meine Argumentation, bis sie es kann. Wer diesen Diskurs durch Ausschluss ersetzen will, traut weder der eigenen Meinung noch den anderen Menschen.
Alles was je auch nur im Ansatz als Canceln zu bezeichnen war, Ausschluss von Plattformen, Verlust von Arbeitsplätzen usw. waren betriebswirtschaftliche Entscheidungen von Privatunternehmen und war progressiven Positionen meiner Meinung nach eher abträglich.

Glossar (Nicht die allgemeinen Definitionen, sondern genau wie es hier im Kontext gemeint war)

Cancel Culture: Der Versuch, Personen durch Ausschluss aus öffentlichen Kommunikationsräumen zum Verstummen zu bringen, insbesondere durch De-Plattformierung oder institutionellen Ausschluss. Kritik, Gegenrede oder Boykott sind hiervon ausdrücklich nicht umfasst.

Canceln: Das aktive Herbeiführen oder Erzwingen von Ausschluss aus Kommunikationsinfrastrukturen. Nicht gemeint ist das Äußern von Kritik oder moralischer Ablehnung.

De-Plattformierung: Der Entzug des Zugangs zu einer Kommunikationsplattform durch Akteure mit infrastruktureller Macht, etwa Plattformbetreiber oder Medienhäuser.

Gegenrede: Öffentliche argumentative Auseinandersetzung mit einer Meinung mit dem Ziel der Widerlegung oder Zurückweisung, ohne Ausschluss des Gegenübers.

Boykott: Der bewusste Entzug von Aufmerksamkeit durch Nicht-Nutzung von Inhalten. Boykott ist nicht exekutiv und zielt nicht auf Ausschluss, sondern auf Distanz.

Paternalismus: Die Annahme, die eigene Überzeugung sei so allgemeinverbindlich richtig, dass andere Menschen vor abweichenden Meinungen geschützt werden müssten, bis hin zum Wunsch, diese Meinungen aus dem öffentlichen Raum zu entfernen.

Macht von unten: Nicht-exekutive Einflussformen wie Aufmerksamkeit, Zustimmung oder Boykott, die keine direkten Ausschlussmechanismen enthalten.

Aufmerksamkeitsökonomie: Bezeichnung für ein Mediensystem, in dem Aufmerksamkeit (Klicks, Views, Reichweite, Interaktionen) die zentrale Ressource darstellt. Sichtbarkeit wird nicht primär nach inhaltlicher Qualität, sondern nach der Fähigkeit verteilt, Aufmerksamkeit zu erzeugen und zu binden. In diesem Kontext wirkt Aufmerksamkeit als ökonomischer Faktor, während ihr Entzug (Nicht-Konsum, Boykott) eine nicht-exekutive, aber wirksame Einflussform darstellt.



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