172 Die Entfrauen sind hier, Herr Tolkien

Im Herrn der Ringe gibt es eine Leerstelle, die mich immer berührt hat. Die Entfrauen bleiben verschwunden. Man erfährt, was sie mochten: Ordnung, Gärten, Apfelbäume, kultivierte Landschaften. Man erfährt, dass sie sich von den Ents entfernt haben. Man erfährt nicht, wohin und dass nie erzählt wird ob sich Ents und Entfrauen wieder finden hat mich bei jedem Lesen traurig gemacht.

Nicht dramatisch traurig, eher so, wie mich das fehlende Ende von das "Lied von Eis und Feuer" wütend macht, leise, unterschwellige Literatur-Gefühle. Als hätte Tolkien absichtlich diese Tür offen gelassen, weil das Ergebnis so traurig wäre.

Doch manchmal blicke ich mich um in der Landschaft in der ich real lebe. Apfelbäume stehen hier nicht vereinzelt, sondern auf Streuobstwiesen wie gemalt. Weinberge ziehen sich als Wohltat fürs Auge über die Hänge, mit Mauern aus rotem Sandstein. Selbst der Wald ist zum Mischforst geformt, der im Herbst ein Farbenfeuer ist. Selbst die Sandsteinsteilwände, so pittoresk sie wirken mögen, sind kein Zufall, sondern wie diese ganze Landschaft das Ergebnis von Arbeit, Planung, Nutzung.

Alles hier ist kultiviert. Nichts davon ist schnell entstanden. Bis ein Obstbaum trägt, vergehen viele Jahre. Bis eine Landschaft so aussieht, wie sie aussieht, vergehen Jahrzehnte. All das benötigt Pflege, Aufmerksamkeit und Zeit, all das wird noch genutzt, sonst zerfällt es.

Irgendwann ist mir aufgefallen, dass genau das die Art von Welt ist, die laut Tolkien den Entfrauen gefallen müsste. Und plötzlich war dieser Gedanke da, ganz ruhig, ohne Pathos: Vielleicht sind sie gar nicht verschwunden. Vielleicht sind sie hier her, nach Randfranken. In jeder Trockenmauer, in jedem Hang, in jedem Baum, der seit Generationen gepflegt wird, ohne dass jemand dafür Applaus erwartet.

Das heißt nicht, dass jede Landschaft so ist, oder gar so sein muss. Die Lüneburger Heide zum Beispiel fühlt sich für mich ganz anders an. Sie war für mich immer Ithilien, diese wunderschöne Landschaft vor Mordor. Ich weiß nicht einmal genau, warum ich diese Verbindung so stark spüre. Vielleicht, weil sie gleichzeitig gepflegt und gefährdet ist.

Und dann ganz anders die Dolomiten. Wer einmal dort war, weiß, was ich meine. Schroffe Felsformationen, steile Täler, im Frühjahr überall Wasserfälle, Steinschlag, Schmelzwasser, Bewegung, Wucht. Eine Landschaft die den Menschen dominiert, nicht anders herum. Für mich sind die Dolomiten Bruchtal, ernst, alt, dramatisch.

Diese Gedanken gehören eigentlich nur an den Rand. Denn der Kern bleibt hier. Bei dieser stillen, kultivierten Landschaft. Vielleicht lohnt es sich, dort, wo ihr lebt, einmal genau hinzusehen. Nicht um etwas Bestimmtes zu finden, sondern um überhaupt wahrzunehmen, welche Geschichte diese Gegend erzählt. Welche Landschaft das darstellen könnte.

Tolkien hat wunderschöne Landschaften beschrieben, aber keine unmöglichen. Seine Fantasie war vielleicht nie eine Flucht aus der realen Welt, sondern eine Liebeserklärung an sie.



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