170 Wir sind aus Welt gemacht

 Wissen als Sinn und Schönheit

Fortsetzung von Text: 167 Kirche als mein früher Denkraum

Ich habe in sehr jungen Jahren versucht zu glauben und es bald wieder aufgegeben. Die Sinnsuche hat mich noch lange danach aufgerieben, aber sie wurde in meinem Leben Stück für Stück durch etwas für mich viel wertvolleres ersetzt: zunehmendes Wissen über das Funktionieren der Welt.

Dieses Wissen kam nicht als plötzliche Erleuchtung. Es kam langsam, manchmal widerständig, meist mühsam, oft fragmentarisch. Physik erklärt mir nicht, warum ich existiere, sondern wie. Chemie erklärt mir nicht, was ich sein soll, sondern woraus ich bestehe. Biologie erklärt mir nicht meinen Sinn, sondern meine Beschaffenheit. Und Psychologie erklärt mir nicht, wer ich sein muss, sondern warum ich fühle, denke, hoffe, fürchte und handle, wie ich es tue. Diese grundlegenden Gesetze sind gegeben - ob ich sie nun verstehe, ob die Menschheit sie schon komplett versteht oder ob ich an sie "glaube" - sie wirken.

Eine Erfahrung, die mir dieses Denken körperlich begreifbar gemacht hat, hatte ich vor vielen Jahren am Großglockner Pass. Ich war dort mit meinem damaligen Partner unterwegs und wir sind ein Stück hinaufgelaufen, etwa auf 2600 Meter. Zu dieser Zeit beschäftigte ich mich im Rahmen meines Studiums mit Thermodynamik, Meteorologie und Luftströmungen. Nicht aus esoterischer Neugier, sondern weil ich es lernen musste. Ich hatte also eine Ahnung davon, was da geschah, auch wenn ich es noch lange nicht wirklich verstand.

Von der italienischen Seite zog feuchte, warme Luft den Berg hinauf. Irgendwann standen wir mitten in einer Wolke. Ich streckte die Hände aus und freute mich im ersten Moment einfach über das "Wolke streicheln". Und in diesem Moment traf mich ein Gedanke, der nüchtern war und zugleich überwältigend: Mein Körper stand hier zufällig, aber war Teil dieses Vorgangs. Winzig, quasi vernachlässigbar, aber real. Diese Luftströmung musste um mich herum. Mein Einfluss war vielleicht unmessbar irrelevant, aber nicht zu leugnen.

Da wurde mir klar: Ich beeinflusse das Netz nicht, ich bin ein Teil davon. Ein einzelner Knoten darin, ein Datenpunkt unter unzähligen anderen. Ich kann niemals außerhalb stehen. Selbst wenn ich nichts tue, wirke ich. Wenn ich atme, verändere ich die Zusammensetzung der Luft. Wenn ich still sitze, gebe ich Wärme ab. Wenn ich existiere, verdränge ich Raum. Wenn ich sterbe sind meine Atome immer noch Teil des Ganzen. Wirkung ist unvermeidlich und daraus folgt für mich Verantwortung.

Diese Verantwortung ist hier kein moralisches Gebot. Sie ist eine Konsequenz, denn jede Handlung und jedes Unterlassen hat reale Folgen. Nicht metaphysisch, sondern physikalisch, biologisch, psychologisch, sozial. Man muss diese Verantwortung nicht jede Sekunde spüren. Das wäre unerträglich. Aber sie danach noch wegzudiskutieren versuchen auch. Doch genau diese Verantwortung ist einer der Aspekte die ein Menschenleben besonders machen, denn soweit wir momentan wissen, sind wir die einzigen Wesen die wirklich bewusst Einfluss auf die Welt haben können. Lokal sogar sehr stark. In meinem direkten Umfeld bin ich der am leichtesten zu lenkende Faktor. Ich kann Nähe schaffen oder zerstören, Leben erleichtern oder erschweren, Vertrauen aufbauen oder vernichten. Dieser lokale Maximaleinfluss ist der eigentliche Wert des menschlichen Lebens.

Bewusstsein nimmt in diesem System eine besondere Stellung ein. Nicht, weil es höher oder edler wäre, sondern weil es extrem selten ist. Menschliches oder menschenähnliches Bewusstsein ist wie es aussieht kein Massenphänomen im Universum. Vielleicht existiert es anderswo, vielleicht nicht. In unserer erreichbaren Umgebung scheint es einzigartig zu sein. Und es ist das Ergebnis einer absurd langen Verkettung von Zufällen und Notwendigkeiten: von flüssigem Wasser auf der Erde, von der besonderen Stellung unseres Planeten, vom Mond, vom Magnetfeld, von den ersten Aminosäuren, der ersten lebenden Zelle, von Milliarden evolutionärer Abzweigungen und vom Menschsein dann zu den unzähligen menschlichen Begegnungen, Entscheidungen und Geburten. Dass ich hier sitze, so wie ich bin, ist ein Zustand, der nicht wiederholbar ist, nicht physikalisch, nicht chemisch, nicht biologisch, nicht psychisch und schon gar nicht sozial.

Dieses Bewusstsein ist endlich. Es wird radikal enden. Es wird kein Weiterdenken geben, kein Zurückschauen, kein Fortbestehen. Meine Atome werden bleiben, mein Bewusstsein nicht. Und das ist dann der dritte Teil, der Menschsein so kostbar macht. Nicht trotz seiner Endlichkeit, sondern wegen ihr. Ein Bewusstsein, das nicht endet, wäre beliebig. Für eines das endet zählt jede der unwiederholbaren Sekunden.

Es gibt kein Jenseits, das richtet. Keine metaphysische Buchhaltung. Man darf scheitern. Man darf falsch handeln. Man darf schuldig werden. Die Welt wird einen nicht bestrafen, weil sie nicht denkt. Aber sie reagiert. Physikalisch, chemisch, biologisch, psychologisch oder sozial, jede Tat ändert die Welt. Kausalität ist der einzige Richter und die kann im Spiegel liegen, dass einem das eigene Bewusstsein manchmal nach oben spült.

Dieses Weltbild will nicht überzeugen, ob du dran glaubst ist egal, ob du es verstehst ist egal, ob du es als richtig akzeptierst ist egal. Die Gesetze der Welt funktionieren ohne dein Einverständnis und deine Anbetung. Mir gibt es Trost, ein bisschen von dem zu wissen, wie es ist. Und mir gibt es sehr viel Staunen, über was ich daran nie verstehen kann. Wenn es dir keinen Trost und zu wenig Staunen gibt, glaub halt an die Gottheit(en) deiner Wahl, solange du es verantwortungsvoll und wertschätzend der Welt und den Menschen gegenüber tust, werde ich nie etwas dagegen sagen.



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