168 Gemeint und gelesen - eine Überarbeitung des Apfelbrei-Textes
Vorbemerkung
Dieser Text ist der letzte Metatext dieser Reihe. Er entstand, weil der ursprüngliche Text an vielen Stellen völlig anders gelesen wurde, als er gemeint war. Aus einem sehr persönlichen Essay entwickelte sich eine überraschend eskalierende Diskussion, in der mir unterstellt wurde, ich würde Menschen für ihr Nicht-Kochen-Können, ihr Gewicht oder ihre Lebensweise angreifen oder ich wolle zurück in eine Zeit vor der Arbeitsteilung. Und das war alles zu keinem Teil meine Intention.
Ich habe deshalb den Text noch einmal neu geschrieben. Nicht, um meine Aussage zurückzunehmen, sondern um sie klarer zu machen. Einige Punkte wurden im ursprünglichen Text häufig nicht erkannt. Das ist kein Vorwurf an Leser, sondern ein Hinweis auf eine handwerkliche Unschärfe, die ich mit dem neu geschrieben Text korrigieren möchte.
Solche persönlichen Texte werde ich in Zukunft voraussichtlich nicht mehr in meinen Subreddits veröffentlichen, weil die ständige Rechtfertigung der eigenen Lebensrealität für mich keine produktive Form von Austausch ist. Wen sie interessieren, auf r/AmIYourMemory werde ich den Wattpadlink veröffentlichen. Aber autobiografische Texte sind keine Grundlage für die Diskussionen wie sie scheinbar auf Reddit laufen.
Dieser Text steht hier dennoch, weil die Diskrepanz zwischen Gemeintem und teilweise Gelesenem so groß war, dass ich sie nicht unkommentiert lassen wollte.
Alter Text: 166 Wie macht man eigentlich Apfelbrei? - Verlernen wir das Leben?
Wie macht man eigentlich Apfelbrei?
„Wie macht man eigentlich Apfelbrei?" ist eine Frage, die mir in den letzten Jahren mehrmals begegnet ist. Nicht als Witz und nicht ironisch, sondern ernst gemeint. Jedes Mal hat sie mich kurz irritiert, weil sie für mich etwas Selbstverständliches erfragt.
Ich lebe in meinem Leben, indem die Geldmittel stets knapp sind. Ich koche nicht gern, und ich romantisiere das auch nicht. Ich tue es, weil ich muss. Weil es finanziell einen Unterschied macht, ob ich Weichweizengrieß kaufe oder eine Fertigmischung Grießbrei für 0,99 € (wenn man eine billige nimmt). Und weil es in meinem Leben Menschen gibt, die sich kaum noch zutrauen so etwas einfaches selbst zu machen.
Apfelbrei ist dafür einfach nur ein gutes Beispiel. Er ist nichts Kompliziertes. Äpfel werden erhitzt, bis sie weich sind. Alles Weitere ist Geschmack. Trotzdem habe ich erlebt, dass diese einfache Handlung für einzelne Menschen nicht mehr selbstverständlich ist. Nicht aus Dummheit, nicht aus Faulheit, sondern scheinbar eher aus einer Art Angst vor dem Scheitern heraus.
Doch gewisse lebenspraktische Grundlagen geben einem Handlungsspielraum, auch wenn die Finanzlage dünn ist... ob man sich nun diesmal den Handwerker sparen kann, oder beim Wocheneinkauf die Fertigtütchen weglassen.
Was mir dabei immer wieder auffällt, ist, wie sehr dieser Handlungsspielraum inzwischen ausgelagert ist. Für fast alles gibt es Fertiglösungen. Diese Produkte versprechen Bequemlichkeit, nehmen aber kaum echte Arbeit ab. Die Milch muss trotzdem erhitzt werden. Das Wasser muss trotzdem kochen. Man muss rühren, warten, aufpassen. Was diese Produkte ersetzen, ist nicht der Aufwand, sondern scheinbar die Angst vor dem Verwürzen, denn mehr ersetzen die meisten Produkte nicht.
Ein Päckchen Grießbrei für 10,76 €/kg tut nichts anderes als Weichweizengrieß für 1,38 €/kg auch. Nur enthält es zusätzlich Zucker, Aromen und Zusätze, die den Geschmack "nach mehr" erzeugen sollen. Die Lebensmittelindustrie ist nicht darauf ausgelegt, menschenfreundlich zu handeln, sondern profitabel.
Was ich damit sagen will, lasst euch nicht einreden ihr könnt nicht kochen. Habt ihr einfach keinen Bock dazu, ist doch alles prima. Habt ihr nur keine Zeit, ist doch alles prima. Kommt ihr mit Industriefood gut klar, oder seit reich genug ständig essen zu gehen, ist doch alles prima. Drang zur Änderung besteht nur dann, wenn vorher Leid oder Mangel besteht.
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